Plasberg im Interview

"Kampf um Themen und Gäste ist wie Kannibalismus"

"Hart, aber fair" ist Deutschlands erfolgreichster Polittalk. Doch mit Jauch bekommt Frank Plasberg Top-Konkurrenz. Ein Gespräch über Druck im TV.

Um ein Haar hätte Frank Plasberg, 53, im Oktober 2007 mit „Hart, aber fair“ den Sprung vom WDR auf einen der begehrtesten Sendeplätze im Ersten geschafft, im Anschluss an den „Tatort“ am Sonntagabend.

Doch nach der Absage von RTL-Moderator Günther Jauch gab die ARD der Tagesthemenmoderatorin Anne Will den Vorzug. Der erfahrenere Polittalker Plasberg musste mit dem Sendeplatz am Mittwoch um 21.45 Uhr vorlieb nehmen.

Dort aber hat sich „Hart, aber fair“ seither etabliert. Mit durchschnittlich 3,68 Millionen Zuschauer pro Sendung und einem Marktanteil von 14,7 Prozent gilt die Sendung als Deutschlands erfolgreichster Polittalk.

Produziert wird sie von der Firma Ansager & Schnipselmann, die der WDR-Nachrichtenmoderator („Aktuelle Stunde“) Plasberg mit seinem Kompagnon Jürgen Schulte 2005 in Düsseldorf gegründet hat. Ihr Erfolgsrezept, die Einspielfilme und Gespräche mit Normalbürgern, werden längst von der Konkurrenz kopiert. Für „Hart, aber Fair“ gewann Plasberg alle wichtigen Fernsehpreise, darunter auch den renommierten Grimme-Preis.

Wenn RTL-Moderator Günther Jauch im Herbst 2011 zur ARD wechselt, werden die Karten neu gemischt. Frank Plasberg sieht der geplanten Neuprogrammierung mit gemischten Gefühlen entgegen. Ein Gespräch über den Kampf um Gäste und Zuschauer und das Duell der Alpha-Journalisten.

Morgenpost Online: Herr Plasberg, am 25. August haben Sie Journalisten zur 100. Folge von „Hart, aber fair“ in Berlin zur Sendung mit Aftershow-Party eingeladen. Ist Ihnen zum Feiern zumute?

Frank Plasberg: Warum nicht? Vor drei Jahren, als wir in die ARD kamen, hätte ich nie gedacht, dass wir die 100. Sendung erreichen. Der damalige Programmdirektor hat gesagt: „Das wird einstellig – das hat sich bald erledigt.“ Heute reden wir über 14,7 Prozent . Wir sind im Moment Marktführer. Und das trotz Fußballkonkurrenz am Mittwoch. Darauf bin ich stolz.

Morgenpost Online: Im Juni haben Sie aus der Presse erfahren, dass Ihr RTL-Kollege Günther Jauch jetzt doch zur ARD wechselt und als neuer Cheftalker den begehrten Sendeplatz am späten Sonntagabend bekommt. Ärgert Sie das nicht ein bisschen?

Frank Plasberg: Wieso Cheftalker? Sonntagstalker. Im Übrigen: Wenn ich es über Dritte erfahren hätte, wäre ich wirklich sauer gewesen. Ich wusste das aber schon morgens, bevor die Meldung herausging. Es gab viele Telefonate.

Morgenpost Online: Sie selber galten ja 2007 als Favorit für den Sendeplatz nach dem Tatort. Damals bekam Anne Will den Zuschlag. Wurmt es Sie nicht, dass ihn die ARD jetzt Günther Jauch auf dem Silbertablett serviert?

Frank Plasberg: Vor drei Jahren hat es mich gewurmt. Damals war ich so auf dem Trip: Ich will es auch mal ein bisschen bequem haben im Leben. 24 Prozent Marktanteil als Vorlauf, das habe ich mir längst abgeschminkt. Wir haben uns auch so durchgeboxt über den Zuschauerfolg – und das mit einem Format, das wir 2001 innerhalb von nur sechs Wochen selber entwickelt haben für den WDR. Dass wir es geschafft haben, diesen Systemwechsel in der ARD hinzukriegen, finde ich schön.

Morgenpost Online: Sie hätten es auch leichter haben können.

Frank Plasberg: Nein, hätte Günther Jauch 2007 nicht abgesagt, würden wir immer noch im WDR senden. Insofern bin ich ihm sogar dankbar. Erst durch seine Absage kam es zum Rennen zwischen NDR und WDR um die Besetzung der Christiansen-Nachfolge – und infolgedessen auch zu dem Zugeständnis, dass wir am Mittwochabend ins Erste wandern. Dieser Kampfplatz entspricht wohl eher dem Format und meiner Person.

Morgenpost Online: Kritiker dieser Entscheidung schrieben, die ARD gehe mit der Abrissbirne gegen Sie und Ihre Kollegin Anne Will vor. Schließlich werden Ihre Sendungen jetzt wohl auf unattraktivere Plätze im Spätprogramm verbannt.

Frank Plasberg: Ich bewege mich in der ARD wie in einer Nationalmannschaft. Da stellen sich die Spieler auch nicht selbst auf und sagen: Ey, ich spiele aber lieber Mittelfeld. Ich kann mir die Sendeplätze nicht aussuchen, das machen die Intendanten und der Programmdirektor ARD. Ich habe aber den Eindruck, dass allen Beteiligten klar ist, dass man zwar um 22.45 Uhr eine erfolgreiche Talkshow machen kann. Mit „Hart, aber fair“ ginge das aber nur schwerlich.

Morgenpost Online: Was hat denn Günther Jauch, was Frank Plasberg nicht hat?

Frank Plasberg: Er ist mit Abstand der beliebteste Moderator, ohne beliebig zu sein. Gleichzeitig ein guter Typ zu sein mit Ecken und Kanten, ohne zu polarisieren, damit hat er fast schon die Quadratur des Kreises geschafft. Ein guter Journalist ist er nebenbei auch noch. Und er gibt sich nicht mal Mühe, von allen gemocht zu werden.

Morgenpost Online: Geht es noch ein bisschen genauer?

Frank Plasberg: Nee, das ist genau der unique selling point. Allen anderen beliebten Moderatoren wirft man vor, beliebig zu sein.

Morgenpost Online: Günther Jauch hat die Frage nach dem Unterscheid zwischen Ihnen beiden einmal mit dem Hinweis auf Ihren beinahe verbissenen Perfektionismus beantwortet. Ziehen Sie sich den Schuh an?

Frank Plasberg: Es fiel mir früher tatsächlich schwer, mich treiben zu lassen. Das habe ich gemerkt, als ich für den NDR zum ersten Mal eine Quizsendung moderiert habe. Dieser Job stellt völlig andere Erwartungen an den Moderator.

Morgenpost Online: Hat Sie Ihr ausgeprägtes Kontrollbedürfnis auch bei der ARD Sympathiepunkte gekostet?

Frank Plasberg: Keine Ahnung. Ja, ich bin ehrgeizig. Ja, ich liebe meinen Beruf. Wem das unsympathisch erscheint, damit kann ich leben ... Ich habe auch noch nicht erlebt, dass journalistische Genauigkeit ein Nachteil ist.

Morgenpost Online: Bestraft man Sie jetzt trotzdem mit einem späteren Sendeplatz?

Frank Plasberg: Die geplante Verschiebung der Talkshows auf 22.45 Uhr hat nichts mit Günther Jauch zu tun. Es ist eine Folge der einheitlichen Neuprogrammierung der „Tagesthemen“.

Morgenpost Online: Trotzdem ist es erstaunlich, mit welchen Vorschusslorbeeren der RTL-Kollege empfangen wird. Noch hat er gar keine Erfahrungen als Polittalker.

Frank Plasberg: Er weiß wie alle anderen Moderatoren: Es kommt nicht auf die erste Sendung, sondern auf das erste Jahr an. In seiner Haut stecken möchte ich aber auch nicht. Man erwartet von ihm fast ja schon die Neuerfindung des Rades.

Morgenpost Online: ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut hat sich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung schon besorgt über den neuen Sendeplatz von „Hart, aber fair“ geäußert. Hat er Sie schon angerufen?

Frank Plasberg: Nein, aber ich habe das auch in der "SZ" gelesen. Es klang gar nicht unfreundlich ...

Morgenpost Online: ... im Gegenteil, eher nach einem Jobangebot.

Frank Plasberg: (greift zu seinem I-Phone). Tja, ich habe gerade nochmal geguckt. Er hat noch nicht angerufen.

Morgenpost Online: Er sagt, „Hart, aber fair“ werde sich auf dem neuen Sendeplatz um 22.45 Uhr ändern müssen. Sehen Sie das auch so?

Frank Plasberg: Ja, Herr Bellut ist nicht der einzige Profi, der weiß, dass „Hart, aber fair“ nicht um 22.45 Uhr funktioniert. Wenn man etwas von dieser Sendung haben will, muss man wachbleiben. Das ist manchmal anstrengend.

Morgenpost Online: Inwiefern müsste sich die Sendung ändern?

Frank Plasberg: Sehe ich aus wie der Intendant?

Morgenpost Online: Nein, aber Sie wären derjenige, der das Konzept ändern müsste.

Frank Plasberg: Ganz ehrlich: Ich denke über diesen späteren Sendeplatz nicht nach.

Morgenpost Online: Geben Sie es zu: Sie spekulieren stattdessen auf den 20.15 Uhr-Sendeplatz?

Frank Plasberg: Nein, ich spekuliere gar nicht. Ich vertraue auf die Weisheit der ARD.

Morgenpost Online: Wer will überhaupt noch Talkshows sehen, wenn vom Herbst 2011 an von montags bis donnerstags in der ARD getalkt wird?

Frank Plasberg: Aus der Macher-Sicht gebe ich Ihnen absolut Recht. Der Kampf um Themen und Gäste ist mit Kannibalismus eigentlich besser beschrieben als mit Konkurrenz. Aber die Zuschauer sehen das offenbar anders. Anne Will erreicht gute Quoten, Sandra Maischberger läuft gut, Beckmann mischt mit ...

Morgenpost Online: Der Wettbewerb um Talkgäste wird in jedem Fall härter. Womit kann „Hart, aber fair“ dann noch punkten?

Frank Plasberg: Es wird dabei bleiben, dass die Leute gerne zu uns kommen, die am besten sind, wenn man sie auf Betriebstemperatur bringt. Die Opposition kommt traditionell lieber als die Regierung.

Morgenpost Online: Stimmt, die Kanzlerin geht lieber zu Maybrit Illner ins ZDF.

Frank Plasberg: Das liegt aber auch daran, dass wir unser Format nie verändern wollten. Solche Talkshowauftritte werden schnell zum Machtspiel, wenn der Kanzler sagt: Wenn ich komme, bin ich aber der einzige Gast. Als wir noch beim WDR waren, hat uns mal der Regierungssprecher von Gerhard Schröder angeboten, den Kanzler zu uns zu schicken – als Hauptgast. Am Katzentisch hätten noch kritische Geister sitzen dürfen. Natürlich zuckt man da, aber ich habe dankend abgewunken. Wir hätten die Sendung dann zu weit runterfahren müssen.

Morgenpost Online: Bei welchem Sender treffen wir uns zur 200. Folge von „Hart, aber fair“, wenn der Talk doch ins Spätprogramm wandern sollte?

Frank Plasberg: Ich habe gehört, dass ServusTV in Salzburg alte Kollegen beschäftigt. Das Essen soll da auch ganz gut sein. Nein, im Ernst: Ich bin ein ARD-Kind.

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