Jauch, Will & Co.

Wie Puppentheater - die ARD und die Talkshows

| Lesedauer: 5 Minuten

Mit der neuen Sendung von Günther Jauch baut die ARD ihr Abendprogramm um. Für die Zuschauer gibt es in Zukunft Talkshows in Endlosschleife.

Alte Menschen schätzen feste Strukturen. Um sieben gibt es Abendessen, um acht kommt die Tagesschau. Und genau um viertel nach zehn beginnen in Zukunft die Tagesthemen.

In ihrem Streben nach Stabilität und Orientierung geht es der ARD da ganz ähnlich wie ihren Zuschauern. Schließlich sind auch die Intendanten meist älteren Jahrgangs. Darum ist das neue Sendeschema, das nun der Öffentlichkeit präsentiert wurde, nur konsequent. Es macht das „Erste“ mehr denn je zu dem, was es angeblich nicht sein will – ein Rentnersender.

Öffentlich-rechtliche Talkshows sind etwas für reifere Zuschauer, was schon am Alter der geladenen Gäste deutlich wird. Der Phänotyp „Zorniger alter Mann“ – man denke an Peter Scholl-Latour, Norbert Blüm, Gerhard Baum – kommt offenbar besonders gut an. Was die Herrenclubs zu sagen haben und zu welchem Thema, ist oft Nebensache. Motto: Kamera an, ich habe zu allem eine Meinung. Solche Gäste sind gut für die Quote, und um die geht es natürlich auch der ARD, die in Zeiten verschärfter Kritik an der Gebührenfinanzierung um ihre Existenzberechtigung fürchtet.

Die Marktanteile von ARD und ZDF waren 2009 so gering wie noch nie. Bei den jüngeren Zuschauern landete das „Erste“ nur noch auf dem fünften Rang hinter RTL, ProSieben, Sat.1 und VOX. Allein bei den Älteren ist es mit 18,2 Prozent weiterhin deutlich Marktführer. Das liegt auch an den Talkshows, die rund ein Fünftel aller öffentlich-rechtlichen Sendungen ausmachen – und die im Privatfernsehen überhaupt nicht ankommen und längst abgeschafft sind.

Eine Talkshow funktioniert wie ein Puppentheater: Es gibt Rollen, die besetzt werden müssen. Da gibt es einen Kasperl, eine Gretel, einen Schutzmann und natürlich ein Krokodil. Kasperles und Krokodile sind heiß begehrt, denn es gibt nur ein begrenztes Angebot an Menschen, die diesen Kriterien entsprechen. Meinungsfreudige Gäste mit bekannten Gesichtern sind ein rares Gut, um das die Redaktionen der Gesprächssendungen schon heute hart kämpfen.

Am vergangenen Sonntag sollte es bei Anne Will eigentlich um das Thema „Wenn der Chef zum Feind wird“ gehen, aber dann kam Wikileaks dazwischen und die Redaktion lud eilig neue Diskutanten ein. Nur einer durfte sitzen bleiben: Klaus Kocks, ein PR-Mensch, dessen Kernkompetenzen lautes Reden und wildes Gestikulieren sind.

Kocks gehört mittlerweile zur Stammbesetzung vieler Talkshows, und man fragt sich bisweilen: Warum? Eine womöglich abwegige, aber möglichst steile These, die dann lautstark zu verteidigen ist, scheint zu helfen, will man bei Illner, Maischberger, Will oder Plasberg eingeladen werden.

Das gilt auch für Hans-Olaf Henkel, der sich bei Anne Will über die seiner Meinung nach kriminellen Machenschaften von Wikileaks ausließ, ganz wie er am Dienstag bei Sandra Maischberger den ihm schräg gegenüber sitzenden Herrn Sarrazin (noch so eine Talkshow-Institution) verteidigte und behauptete, Islam und Menschenrechte gingen nicht zusammen. Und wie er einige Tage zuvor bei Phoenix für einen von ihm ersonnenen „Nordeuro“ eintrat. Das alles innerhalb weniger Tage.

Es stellt sich die Frage, ob diese mit ständig wiederholten Talkshows gefüllte Sendezeit wirklich der Information der Zuschauer dient. Der neuen ARD-Laber-Schiene ist der Sendeplatz für Dokumentationen am Montagabend zum Opfer gefallen, wogegen die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm und auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann in der vergangenen Woche protestierten. Die Intendanten der föderal zerstrittenen ARD sind stolz auf ihren Kompromiss, auch wenn er auf Kosten der Dokus geht und nur durch die Kündigung von Harald Schmidt und also ohne eigenes Dazutun möglich wurde.

Um Leute wie Henkel und Kocks konkurrieren nun von Sonntag bis Donnerstag fünf ARD-Sendungen, dazu Maybrit Illner und Markus Lanz im ZDF. Die haus- und systeminterne Konkurrenz erinnert an Kannibalismus: Denn zukünftig wird sich Reinhold Beckmann am Donnerstag auf noch seichtere Themen verlegen müssen, um der zur gleichen Zeit sendenden Illner die Zuschauer abzujagen. Und Frank Plasberg überschneidet sich nun montags um 21 Uhr eine Viertelstunde lang ausgerechnet mit seinem Vorbild Günther Jauch, der um diese Uhrzeit bei RTL noch „Wer wird Millionär“ moderiert. ARD-Aushängeschild Jauch macht dem Ersten also mit einer RTL-Rateshow Konkurrenz. Das ist schon ziemlich skurril?

Eine „sinnvolle Abstimmung von Themen und bei der Gästeauswahl“ wünscht sich ARD-Programmdirektor Volker Herres von seiner neuen Plauder-Armada. Das klingt, als schwante ihm Böses. Der neue ARD-Schlachtplan kann durchaus schiefgehen. Was, wenn sich das ZDF die Beckmann/Illner-Konkurrenz nicht bieten lässt und am Sonntag zurücktalkt? Was, wenn Jauch, der seit Jahrzehnten keine politischen Interviews mehr geführt hat, sich selbst überschätzt? Was, wenn „Anne Will“ am Mittwochabend schlicht eine Talkshow zu viel ist?

Alte Menschen mögen zwar feste Strukturen, aber auch sie schätzen es durchaus, wenn alle mal für einen Moment lang schweigen.

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