Interview

"Ich bin ja eine Hackfresse"

Fernsehkoch Tim Mälzer ist mit einer neuen Sendung auf Vox zu sehen. Nach seinem Erfolg mit der Kochshow "Schmeckt nicht, gibt's nicht", wird er jetzt vor und mit dem Publikum kochen. In der Sendung "Born to cook" stellt sich dann die Frage "Hamse noch Hack?"

Foto: nie/tm / dpa

Der lässige Hamburger ist der Popstar unter Deutschlands Fernsehköchen. Mit seiner gut dreistündigen, von Ingolf Lück inszenierten und an sich hackfleischfreien Bühnenshow „Ham’se noch Hack“ kommt Tim Mälzer im Herbst auf ausgedehnte Tournee, ab morgen bereits ist der 36-Jährige freitagabends um 21.05 Uhr mit der neuen Sendung „Born to Cook“ auf Vox zu sehen.

Morgenpost Online : „Born to Cook“ ist eine Mischung aus Show, Quiz und Kochen. Reicht es nicht mehr, einfach nur am Herd zu stehen und vor der Kamera eine Mahlzeit zuzubereiten?

Tim Mälzer : Mittlerweile steht ja in fast jeder Sendung irgendwo ein Herd. Um da dynamisch, wach und vorne zu bleiben, muss man den Leuten auch mal etwas Neues bieten, etwas, das sie noch nicht kennen.

Morgenpost Online : Was genau passiert in der Show?

Mälzer : Bin ich auch mal gespannt. Vieles lebt von der Spontaneität. Im Wesentlichen ist „Born to Cook“ die TV-Umsetzung meiner Bühnentournee „Ham’se noch Hack?“. Ich habe Publikum, ich koche und ich hole mir Leute nach vorne. Das wird eine Liveshow, das heißt, ich muss echt aufs Timing achten, mehr noch als auf der Bühne, wo es ja auch einfach mal ein bisschen länger dauern darf.

Morgenpost Online : Es war überraschend, wie unterhaltsam und spritzig die drei Stunden „Ham’se noch Hack?“ waren.

Mälzer: Das höre ich oft. Eigentlich ist es ja nur: kochen. Aber eben mit Entertainment. Ich mache den Leuten den Kopf frei. Ich mache Spaß.

Morgenpost Online: In jeder Show holen Sie sich Leute aus dem Publikum. Kennen Sie sich mit Menschen aus?

Mälzer: Ja. Als Gastronom musst du Menschenkenntnis haben. Wenn Frau Müller zu mir zum Essen kommt, weiß ich nicht, was sie für einen Tag gehabt hat, ich weiß das bei keinem meiner Gäste. Ich muss die Leute auf einer gewissen Ebene abholen, ihnen nicht bloß plump den Teller hinstellen. Jeden Abend mache ich den Gastgeber für Leute mit unterschiedlichem Einkommen, unterschiedlicher Bildung.

Morgenpost Online: Sehen Sie es als Kompliment, wenn man Sie als Rockstar bezeichnet?

Mälzer: Ja, dann freue ich mich. Aber es ist nicht wahr. Ich bin Koch. Das ist auch das, was mich noch so klarkommen lässt, was mich erdet. Ich habe ein Handwerk gelernt. Ich kann immer wieder Lebensmittel anfassen, das brauche ich. Einen guten Rockstar zeichnet ja auch aus, dass seine Musik an erster Stelle kommt. Sobald diese ganzen anderen oberflächlichen Attribute das eigentliche Handwerk übertünchen, muss man sich zurücknehmen.

Morgenpost Online: Sind Sie so angesagt, weil die Leute mehr kochen, oder kochen die Leute mehr, weil Sie so angesagt sind?

Mälzer: Ich weiß das ganz ehrlich auch nicht. Ich glaube, es hat viel mit Werten zu tun. Die Leute entwickeln ein zunehmendes Bedürfnis nach Beziehungen, nach Nestwärme, nach was Gesundem für sich selber. Essen und Trinken ist das Einfachste und auch Schönste, um Netzwerke und Freundschaften zu bilden und zu pflegen. Wenn du sagt „Ich koche“, dann freuen sich die Leute, wenn sie zu dir kommen.

Der legendäre Abendbrottisch, der vereint einfach die Menschen. Wir haben den Sendeplatz auf VOX damals mit knapp zwei Prozent übernommen, nach nur zehn Tagen „Schmeckt nicht, gibt’s nicht“ waren wir auf acht Prozent. Es gab offensichtlich ein Bedürfnis, und wir haben das befriedigt. Obwohl der Sender wirklich erst Bedenken hatte. Die dachten: Der Typ gehört in den Knast und nicht ins Fernsehen. Ich bin ja eine Hackfresse, solche Leute wie mich, die gibt es im Fernsehen ja sonst nicht.

Morgenpost Online: Wie kam es dazu, dass man Sie trotzdem reingelassen hat?

Mälzer: Den Boden bereitet dazu hat mein Freund Jamie Oliver. Der ist halt chic und ein bisschen besonders, macht das aber echt klasse. Die Kerner-Sendung hat auch viel dazu beigetragen.

Morgenpost Online: Seid ihr Fernsehköche eigentlich alle befreundet oder gibt es auch viel Konkurrenz?

Mälzer: Jamie und ich habe zusammen in London gearbeitet, von daher sind wir eh Kumpels. Auch mit Johann Lafer bin ich gut befreundet, sonst würde ich nicht ständig aus Spaß über ihn lästern. Kann jedoch sein, dass meine Fans Sarah Wiener nicht mögen und dass deren Fans mich für ein chauvinistisches Arschloch halten.

Morgenpost Online: Auf der einen Seite kochen die Leute wieder mehr – auf der anderen wird aber auch immer mehr Fast Food gegessen, Kinder gehen ohne Frühstück aus dem Haus. Wie erklären Sie sich diese entgegengesetzten Trends?

Mälzer: Alle erreichst du nie. Natürlich haben wir fette Kinder, weil die sich zu viel nebenbei reinpfeffern. Fett wirst du ja nicht, weil du ein oder zwei Mal die Woche Currywurst oder Burger isst, das kann gerne jeder machen. Fett wirst du von dem ganzen Nebenbeikram. Dazu kommt: Viele Leute in meinem Alter haben sich nicht mit Essen und Trinken beschäftigt. Denn Kochen bedeutet ja gerade für Kinder und Jugendliche auch: Familie. Jetzt sind wir gerade in einer Phase, in der Familienwerte etwas bedeuten. Bloß jetzt haben wir Eltern mit großen Wissenslücken. Und diese Wissenslücke möchte ich gerne füllen.

Morgenpost Online: Ist der freche Spaßkoch Tim Mälzer etwa ein Konservativer?

Mälzer: Ja, absolut. Ich mag Werte. Ich mag Freundschaft. Eine gewisse Grundehrlichkeit muss bei mir vorhanden sein.

Morgenpost Online: Sie arbeiten mit Ihrer Freundin zusammen, sie ist Aufnahmeleiterin in der Show, zwischendurch beziehen Sie sie auch gern ins Programm ein. Klappt das gut?

Mälzer: (lacht) Meistens schon. Aber wir arbeiten nicht ständig zusammen. Sonst hätten wir so eine langweilige Beziehung, bei der sich alles nur noch um Medien und Kochen dreht.

Morgenpost Online: Vergangenes Jahr hatten Sie sich übernommen, die Presse sprach von einem Burn-Out.

Mälzer: Ich war eindeutig an meine Grenzen gekommen. War mir eine Lehre. Jetzt achte ich darauf, öfters mal Feierabend zu machen.