Liselotte Pulver

Wie ein Backfisch zur berühmten Weltdame wurde

| Lesedauer: 4 Minuten

Ihr Lachen wirkt ansteckend: Liselotte Pulver. Die Schauspielerin gehörte in den 50er- und 60er-Jahren vor allem wegen ihres komödiantischen Talents zu den großen Stars des deutschen Films zählte. Sie tanzte durch das Wirtshaus im Spessart und betörte uns in "Eins, Zwei, Drei".

Die Deutschen nennen diese Schweizerin mit dem mal als Bubikopf, meist als Topf geschnittenen (eine kurze, schreckliche Zeit auch in Locken liegenden) Haaren vertraulich Lilo. Denn Liselotte Pulver, 1929 in Bern geboren und morgen ihren 80.Geburtstag feiernd, gehört schließlich seit den frühen Fünfzigerjahren zum eisernen Bestand unserer Film-, Fernseh- und Unterhaltungslandschaft. Als kürzlich „Die Zürcher Verlobung“, Helmut Käutners clevere Dreiecksgeschichte von 1957 mit Paul Hubschmid und Bernhard Wicki, einer ihrer größten Erfolge, vom Fernsehen neu verfilmt wurde, hatte man extra im Finale eine Szene für Lilo Pulver hineingeschrieben.

Wenn man sie durch Wirtshäuser wie Spukschlösser im Spessart tollen oder als Gustav-Adolf-Page neben dem Schwedenkönig die Wacht halten sieht, dann präsentiert sich da ein patentes Mädel mit einer erotisch ambivalenten Jungenhaftigkeit, dem gerade die Verkleidung als Kerl gut steht. So war die Schweizerin mit dem glockig obertonreichen Lachen und dem anziehenden Funkeln in den Augen das wie Alpenmilch erfrischende Gegenbild zum Seelchen Maria Schell, zur kühl-spröden Ruth Leuwerik und zur eleganten Sonja Ziemann.

Ihre Erscheinung wurde zwar auch zum Sinnbild für Opas später so vermufftes Kino, doch ihre Vreneli in den „Uli“-Verfilmungen nach Gotthelf, ihre mit robuster Verve gespielte Doppelrolle in dem derben Uraltschwank „Kohlhiesels Töchter“, ganz besonders aber ihre Piroschka, jenes am Bauernbahnhof von Hódmezõvásárhelykutasipuszta nicht nur für Gunnar Möller die Lebensweichen stellendes Gulasch-Girlie, haben bis heute das Strahlen nicht verloren und zeigen keinerlei Spuren von Gilb. Aus dem knäbischen Backfisch schlüpfte schließlich eine feine Dame von Welt, die als Zaza den Weg von Felix Krull alias Horst Buchholz kreuzte, die als störrische Tony Buddenbrook ein zweite Thomas-Mann-Adaption veredelte und als Königin Anne mit lila Haarspülung in „Das Glas Wasser“ selbst Gustaf Gründgens bezirzte. So wurde sie auch zur Muse des Regisseurs Kurt Hoffmann, in dessen für den deutschen Film weltläufig inszenierten Komödien sie ihren leinwandfüllenden, bisweilen nicht durchschaubaren Charme entfaltete.

Lilo Pulver hat gute und weniger gute Filme gedreht, wegen ihr schaut man sich auch die schwächeren noch an. Sie hat im deutschen Kino weitgehend Rollenglück gehabt, obwohl sie – wie so viele andere – notorisch unterfordert wurde. Was für ein erotischer Vulkan da unter einem Pünktchenkleid brodelte, das kitzelte erst Billy Wilder heraus – der sie 1961 in „Eins, Zwei, Drei“ für die besoffenen russischen Kommissare zum Säbeltanz auf den Tisch steigen ließ und das deutsche Fräuleinwunder ihrer Sekretärin Ingeborg unversehens in eine Hollywood-Sexbombe verwandelte.

Eine Rolle, die ihr erst Jahrzehnte später, als dieser zur falschen Zeit herausgekommene Film begeistert wiederentdeckt wurde, ewigen Kultstatus sicherte. Was in der internationalen Darstellerin noch steckte, das offenbarte sie auch 1958 in Douglas Sirks Remarque-Kriegsromanze „Zeit zu lieben und Zeit zu sterben“, wo sie nicht nur Jean-Luc Godard zum Schwärmen brachte, oder in Jacques Rivettes Diderot-Adaption „Die Nonne“, wo sie 1966 neben Anna Karina eine lesbische Mutter Oberin spielte.

Wie viele andere deutschsprachige Schauspielerinnen scheute sie die Hürden einer Weltkarriere, beschränkte sich, und so war ab den Siebzigerjahren eigentlich auch für sie im Film Schluss. Als reifere Frau wurde sie nie herausgefordert; als sie von 1978 bis 1983 neben dem seltsamen Vogel Tiffy und dem Zottel Samson in der deutschen Rahmenhandlung der „Sesamstraße“ einem Kinderpublikum bekannt wurde, reduzierte man sie neuerlich auf die leutselige Lachmadame.

Im wahren Leben durch den Selbstmord ihrer drogensüchtigen Tochter und den Tod ihres Mannes von Schicksalsschlägen überschattet, trotzte das Image Lilo Pulvers wie nur das weniger Schauspielerinnen den Zeiten und Moden. Sie wurde älter – und scheint doch immer noch dieselbe. Zurückgezogen lebt sie inzwischen wieder in Bern. Eben hat TV-Produzent Wolfgang Rademann Deutschlands Daueroptimistin eine Gastrolle im „Traumschiff“ angeboten.

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