Oans, zwoi, drei, g’suffa

Das Oktoberfest, die spezielle Klassengesellschaft

600.000 Gäste aus aller Welt und ein paar echte Münchner waren Anzapf-Zeugen, als es Punkt 12 Uhr auf der Theresien-Wiese hieß: O’Zapft is. Zum Bier Royal trifft sich eine spezielle Klassengesellschaft, die unterhalb der Bavaria für 16 Tage die Sau raus läßt. Eine bierselige Maß-Nahme des höchsten Lebensgefühls.

Foto: dpa

Der Münchner

Der echte Münchner lebt unter Artenschutz und tarnt sich, in dem er sich nicht für die Wiesn verkleidet. Er mag den Trubel, das überzüchtete VIP-Gehabe und das Gedränge nicht und schaut höchstens ein bis zweimal vorbei. Mit gemütlich Hinausgehen und ein paar Maß trinken ist schon lange nicht mehr... Den größten Kostümball der Welt überlässt der Einheimische lieber den Gästen aus aller Welt.

Mit Freude registriert er, wie ein Preuße weinen kann, wenn man ihm den Trachtenanzug wegnimmt. Mittags wird in der Ochsenbraterei gegessen, abends im Augustiner, im Schützenzelt, Hacker, Hofbräu oder bei Käfer. Die Wiesn-Soiree, die um 18 Uhr beginnt, wird mit durchschnittlich fünf Maß bewältigt.

Die Hendl werden bei Ammer, die Ente bei Käfer, und der Steckerlfisch bei der Fischer-Vroni gekauft. Hirmers, von Fincks, Schecks und Quandts sind dezent unterwegs. Auffällige Groß-Präsenz leistet sich nur der neue Poet und „Arriflex“-Erbe Bob Arnold, der jeden Tag im Schützenzelt Dienst schiebt, um zu zeigen, dass es ihn noch gibt. Manchmal lässt er auch fein geschnittene Radi-Scheiben durchs Zelt fliegen.

Gleich neben Arnold am Showtime-Tisch stemmten zum Start Fußball-Experte Günter Netzer und seine attraktive Frau Elvira die erste Maß und zeigten Formel-1-Pilot Keke Rosberg wie man den gläsernen Bierkrug richtig hält. Discounter-Erbin Karin Holler blickte strahlend in die Runde. An ihrer Seite ihr neuer Herzbube, der Nürnberger Rüstungs-Industrielle Peter Diehl.

Bei Käfer, wo sich im Gewühl "Totenkopf“-Dirndl mit Lodengrün abwechselten, saßen in der Beletage der Berliner Großhotelier Ekkehard Streletzki mit Frau Sigrid (1100-Zimmer-Hotel „Estrel“) und "Esprit“-Großaktionär Jürgen Friedrichs am Tisch von Häuser-Baron Walter Hammele und seiner Frau Andrea, die ihre hochdeutsch sprechenden Gäste mit Münchner Feinheiten, darunter Radibrett mit deftiger Hausmannskost, Haxn und Schnitzel, verwöhnten.

Ein geheimer Kreis, der das weißblaue Brauchtum pflegt, trifft sich im „Augustiner“ zum anregenden Stierbeutel-Essen. OB Christian Ude hält mit Leidenschaft, schon am ersten Wiesnsonntag, in der „Bräurosl“ Hof, um den traditionellen Glockenbach-Abend warmherzig einzuläuten. Der Münchner kommt gern von hinten, wenn er in ein Bierzelt will. Er umgeht die überfüllte Wirtsbudenstraße und kennt die rückwärts gelegenen Spezialeingänge.

Der Zuagroaste

Der flächendeckende Dresscode für das Oktoberfest begann vor sechs Jahren: Vorher war die Tracht auf dem Oktoberfest nur vereinzelt gefragt und meist Chiemgauern überlassen. Sich für die Wiesn eigens umzuziehen ist relativ neu und ein touristischer Renner.

Italiener, Afrikaner, Chinesen und norddeutsche Besucher sind ganz heiß auf Lederhose und Dirndl und sehen darin zuweilen sehr ulkig aus. Der FC Bayern lässt seine Truppe, in der es fast keine Münchner mehr gibt, traditonsbewusst in halblangen Lederhosen ins Bierzelt stürmen. Der italienische Star-Kicker Luca Toni zeigt in diesem Outfit ganz stolz seine nackten langen Beine. In diesem Jahr wurde München von einem regelrechten Dirndl-Tsunami überschwemmt.

An jeder Ecke im Stadtkern und in den einschlägigen Geschäften wie Lodenfrey und Angermeier hängen traubenweise wie beim Luftballon-Verkäufer die rustikalen Heidi-Alm-Kluften. Weil: Das Dirndl lockt als raffiniertestes Kleidungsstück der Damengarderobe. Es gaukelt unschuldiges Heimatwesen vor und zeigt dabei größten Alpenblick. Oft ist der Landhausstil so neu, dass gelegentlich auch noch das Preisschild rausblitzt.

Lederhosen, in der knielangen Version, speckig und zum Teil hundert Jahre alt, wie es sie in der Nähe des Restaurants Sedlmayr gibt, haben die Bundhose und die lange Lederhose verdrängt. Der metrosexuelle Wiesngänger will gepflegt gewaxte Beine zur Schau stellen, um Kahlschlag des ganzen Körpers zu signalisieren. Kojak-Style für "untenrum".

Die deutsche Nebengesellschaft

Die sogenannte Z-Plus-Prominenz versucht sich im „Hippodrom“ wichtig zu machen. Dort laufen die winzigsten Lederhotpants Parade. Die Maxi-G-Strings sind in diesem Jahr so raffiniert geschneidert, dass sie gerade noch die wichtigsten Schnittpunkte mit einem Hauch von Leder zukeuschen. Die mit Lurex und Latex getunten Lola-Paltinger-Kleider feiern dort ihre Urständ.

In dem Zelt des neuen Geldes agieren wegen der leichten Beute die meisten Fotografen und verdienen sich mit Objekten der Nichtbegierde ihr tägliches Brot: Wiesnzeit ist auch dort Erntezeit. Obwohl weiß Gott ungefährdet, laufen Wichtigtuer mit dem Statussymbol "Bodyguard" ein, sonst würden die No-Names gar nicht auffallen. Was besonders schwer fällt, wenn man unter sich ist. In diesem Streichelzoo des ultimativen Nichts agieren gern eine Münchner Nervensäge, blond, im bayerischen Piratenkleid, die aus Funk und Fernsehen bekannte Spinat-Vorkosterin und die Bohlen-Abgelegte mit blitzendem Klaviergebiss.

Aber auch eine Container-Blondine aus dem Norden, die durch Kakerlaken-Essen im TV bekannt geworden ist und allen Ernstes behauptet, es würden sie alle Männer lieben. Ich frage: Welche?

Wegen seiner Größe geht der Hausherr, der kleine Wirt Sepp Krätz, immer mit stark durchgedrücktem Kreuz durch sein Zelt und sehnt sich im Trubel vermehrt nach einer Tour aufs Schneefernerhaus.

Der Adel

Die Wiesn ist für Aristokraten ein bevorzugtes Jagdgebiet. Unter der gusseisernen Bavaria-Statue pendeln Hochadel (Fürstenberg, Bayern, Hohenzollern, Habsburg) und Finanz-Adel (Flick, Finck und Aktien-Gambler Auersperg) zwischen "Schützenzelt" und "Käfer’s Wiesnschänke".

Leicht zu erkennen in Hosen und Jacken aus glücklichen Kindertagen, sehen sie aus wie frisch aus dem Silberrahmen auf dem Kaminsims entsprungen und in fremd eingetragenen Budapestern auf dem Weg zu einem Geburtstag einer Fürstin Mannie Sayn Wittgenstein.

Fehlt nur noch der Labrador mit blauweißer Schleife, aber Hunde sind auf der Wiesn verboten. Der Adel ist natürlich ausgerüstet mit den entsprechenden Sesam-Öffne-Dich-Kärtchen und weiß die geheimen Go-Ins. Der Nachwuchs zeigt sich im Schützenzelt von Eddie Reinbold und musste sich bei der Tiffany's-Party erst an den neuen Gastgeber gewöhnen.

Schön wird die Party, wenn blaues Blut langsam Blaues Blut zu spüren beginnt. Alexandra Flick, die besonders entzückend im Dirndl (allerdings von Lanz) aussieht, liebt das Oktoberfest. Im „Schützenzelt“ tanzte sie vergangenes Jahr noch ausgelassen, als längst Zapfenstreich war und Bob Arnold wieder neue Verse vor sich hin murmelte und Ruhe gab.

Michael Graeter ist Kolumnist der Münchner "Abendzeitung". Gerade erscheint seine Autobiografie „Extrablatt“, Langen-Müller Verlag, 19.95

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