Haus Quickborn

Missbrauch auf Sylt – Sex, sonst Schläge

In einer Klinik der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) ist es angeblich zu sexuellem Missbrauch zwischen Kindern gekommen. Nun ist ein internes Papier aufgetaucht, in dem Details geschildert werden - die DAK nennt die Vorfälle bislang "erweiterte Doktorspiele".

Die im Sylter Kurheim „Haus Quickborn“ mutmaßlich missbrauchten Kinder sind laut Medienberichten unter Androhung von Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen worden. Die Zeitung „Westfalen-Blatt“ berichtet von einem internen Papier des Kurheim-Betreibers, der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). In diesem Papier, das sich auf Aussagen von betroffenen Kindern bezieht, sei von „Schwulenabenden“ die Rede. Dabei sollen einige der insgesamt 16 betroffenen Kinder von anderen aus der Gruppe zu sexuellen Handlungen gezwungen worden sein.

Kindern aus der Gruppe seien „Aufgaben“ gestellt worden - anfangs Küsse, später Oral- und Analverkehr. In dem DAK-Bericht ist demnach auch von Gruppenzwang oder -druck sowie Drohungen mit Schlägen die Rede. Wer die „Aufgaben“ nicht erfüllte, sei beschimpft und ausgegrenzt worden. An den sexuellen Handlungen sollen nach dem internen Bericht 13 der 16 Kinder beteiligt gewesen sein. Drei der Jungen hätten sich geweigert mitzumachen, mussten darum „Schmiere stehen“. Den Eltern wurde laut dem Bericht von der Klinikleitung auch empfohlen, über die Vorfälle Stillschweigen zu bewahren.

Das interne Papier datiert laut „Westfalenblatt“ vom 24. August 2010. Die betroffen 16 Kinder, die aus verschiedenen Gegenden der Bundesrepublik kommen, sollten vom 2. Juli bis 13. August in der Klinik in Westerland behandelt werden. Nach Bekanntwerden der Vorfälle am 6. August seien die drei Anführer im Alter von neun, elf und zwölf Jahren von der Gruppe getrennt und anschließend nach Hause geschickt worden, sagte DAK-Sprecher Frank Meiners. Die Leitung des Kurheims habe die Eltern der betroffenen Kinder informiert. Den Eltern sei angeboten worden, die Kinder abzuholen. Davon habe eine Mutter Gebrauch gemacht. Eine psychologische Betreuung sei eingerichtet worden, auch habe man die Polizei eingeschaltet und die Staatsanwaltschaft informiert.

Meiners sagte auch, dass „erweiterte Doktorspiele“ in der Gruppe häufiger vorgekommen seien. „Medienberichte über angebliche Vergewaltigungen weisen wir aber entschieden zurück.“ Der Klinikleitung und dem Fachpersonal könnten keine Vorwürfe gemacht werden, sagte Meiners dem „Westfalenblatt“. Die Vorfälle hätten sich in der sogenannten „Ruhephase“ in der Zeit von 21 bis 21.30 Uhr ereignet, in der sich die Kinder in ihre Zimmer zurückziehen. In dieser Zeit hätten sich kleinere Gruppen verabredet und das Spiel »Flaschendrehen« mit sexuellen Handlungen kombiniert.

Die Eltern zweier Kinder haben inzwischen Strafanzeige gestellt. Die Mutter eines betroffenen Elfjährigen macht der DAK Vorhaltungen, die Ereignisse vom Sommer herunterzuspielen. Es habe es sich keineswegs nur um »erweiterte Doktorspiele« gehandelt, sagte die Frau: Ihr Sohn, der sich mit einem anderen Kind am 6. August einer Erzieherin offenbart hatte, sei mit Schlägen zu den sexuellen Handlungen gezwungen worden. Sie kritisierte, dass die Darstellung der DAK nun den Eindruck vermitteln könnte, dass alle Kinder bei den »Schwulenabenden« mehr oder weniger gern mitgemacht hätten.

Nach Angaben des Sexualpädagogen Bernd Priebe ha sich die Zahl von Sexualdelikten unter Jugendlichen in den vergangenen 20 Jahren bundesweit mehr als verdoppelt. Deshalb dürfe das Thema Sexualität in pädagogischen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche nicht länger tabuisiert werden, sagte der Leiter der Hamburger Beratungsstelle „Wendepunkt“ für jugendliche Täter am Mittwoch am Rande der Fachtagung „Sexuelle Grenzverletzungen unter Jugendlichen“ in Lüneburg.

"Wo unter Jugendlichen nicht offen mit dem Thema Sexualität umgegangen wird, treten auch häufiger Missbrauchsfälle auf“, sagte Priebe. Besonders Ehrenamtliche müssten in der Jugendarbeit künftig besser geschult werden, sagte Priebe. Betreuer und Angehörige machten häufig den Fehler, die Missbrauchsfälle zu bagatellisieren. „Oft wollen Eltern nicht wahrhaben, dass ihre Kinder zu Tätern werden“, sagte der Experte. Sie spielten die sexuellen Annäherungen als „einfache Doktorspiele“ herunter.