Klassenfahrt in London

Lübecker Schüler unter Vergewaltigungsverdacht

Schwere Vorwürfe gegen zwei Gymnasiasten aus Lübeck: Sie sollen eine 15-jährige Realschülerin während der Klassenfahrt in London vergewaltigt und ihre Tat gefilmt haben. Die britische Polizei nahm die jungen Männer in Untersuchungshaft. Angeblich trafen sie das Mädchen auf einer Party – und gaben ihr Alkohol.

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Für eine 15-jährige Schülerin aus dem Bremer Umland endete die Klassenfahrt nach London in einem Martyrium. Zwei 18 und 19 Jahre alte Gymnasiasten aus Lübeck sollen die Realschülerin in einem Londoner „Youth Hostel“ vergewaltigt und die Taten per Handy-Kamera gefilmt haben – so jedenfalls lautet der Vorwurf.

Die beiden jungen Männer befinden sich derzeit in Untersuchungshaft. Die britische Staatsanwaltschaft hat gegen sie ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Vergewaltigung eingeleitet. Über den Aufenthaltsort und das gesundheitliche Befinden des offenbar schwer traumatisierten Mädchens ist noch nichts bekannt. Die Tat hatte sich bereits in der vergangenen Woche ereignet und wurde erst jetzt durch entsprechende Medienberichte bekannt.

Es sollten für zwei norddeutsche Schulklassen erlebnisreiche Tage in der britischen Hauptstadt werden. Die Realschüler einer 9. Klasse aus der Nähe von Bremen hatten in dem Jugendhotel genauso ihr Quartier bezogen wie die Gymnasiasten einer 12. Klasse der Lübecker Emil-Possehl-Schule. Nach einer Besichtigungstour durch die Metropole an der Themse wollten die Schüler am Abend eine Party feiern.

Dort lernten sich das Opfer und die mutmaßlichen Täter näher kennen. Nach übereinstimmenden Medienberichten floss bei der Feier reichlich Alkohol. Im Verlauf der Nacht soll das Mädchen in einem der Hotelzimmer sexuell schwer misshandelt worden sein. Die britische Polizei prüft derzeit, ob die beiden Schüler aus Lübeck die Tat geplant und ihr Opfer möglicherweise sogar gezielt wehrlos gemacht haben. Nach der mutmaßlichen Vergewaltigung hatte sich die Neuntklässlerin ihrer Lehrerin anvertraut, die sofort die britische Polizei verständigte.

Prompt rückte die britische Metropolitan Police an und nahm insgesamt fünf Lübecker Schüler fest. Drei der jungen Männer wurden wieder auf freien Fuß gesetzt, weil ihnen eine Tatbeteiligung nach derzeitigem Ermittlungsstand nicht nachzuweisen war. Außerdem beschlagnahmten die Polizisten mehrere Mobiltelefone mit eingebauter Kamera. Ob die Tat tatsächlich gefilmt und bereits ins Internet gestellt wurde, ist nicht bekannt.

Vor allem in den beiden betroffenen norddeutschen Schulen hat der Vergewaltigungsvorwurf großes Entsetzen ausgelöst. Wie der Sprecher des Kieler Bildungsministeriums, Thomas Schunck, der Morgenpost Online auf Anfrage sagte, sind seit vergangener Woche mehrere Mitarbeiter des schulpsychologischen Dienstes aus Schleswig-Holstein in der Lübecker Schule im Einsatz. Sie betreuen jene Zwölftklässler, die an der Reise und der Feier teilnahmen, die in einem Fiasko endete.

Was neben der Scham und dem Entsetzen noch schwerer wiegt, ist die Frage, ob nicht möglicherweise Lehrkräfte ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Dem Kieler Bildungsministerium zufolge hatten zwei feste Lehrkräfte und eine Unterstützungskraft die 12. Klasse des Lübecker Fachgymnasiums Technik begleitet. „Auch wenn es sich um erwachsene Schüler handelt, war es dennoch eine schulische Veranstaltung“, sagte Thomas Schunck. Damit stelle sich die Frage nach der rechtlichen und moralischen Verantwortung auf besondere Weise.

Unterdessen hat das zuständige Kieler Ministerium Kontakte mit dem Bremer Senat, der deutschen Botschaft in Großbritannien, dem Auswärtigen Amt und den britischen Ermittlungsbehörden aufgenommen. Die Lübecker Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Vergewaltigung ein.

„Wir haben aber in Lübeck noch keine näheren Erkenntnisse“, sagte Klaus-Dieter Schultz, Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft. Für einen deutschen Haftbefehl lägen bislang noch keine ausreichenden Gründe vor. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen und die beiden Männer in Großbritannien verurteilt werden, drohen ihnen bis zu zehn Jahren Haft.