St.-Antonius-Krankenhaus

Deutschlands größter Klinik-Skandal vor Gericht

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Christoph Wenzel

Foto: ddp / ddp/DDP

Einer der größten Klinikskandale der vergangenen Jahre wird vor dem Landgericht Mönchengladbach verhandelt. Wegen des Todes von sieben Patienten und einer Vielzahl von Körperverletzungsdelikten muss sich der Ex-Chefarzt verantworten.

Der Prozess um einen der größten Krankenhaus- Skandale in Deutschland ist in Mönchengladbach nach wenigen Minuten vertagt worden. Verteidiger Egon Geis stellte einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter und eine Beisitzerin. Die Richter könnten voreingenommen sein, weil sie einen Haftbefehl gegen den angeklagten Chefarzt erlassen hatten. Nun muss eine andere Kammer des Gerichts über den Antrag entscheiden.

Die Anklage hat es in sich: Vier fahrlässige Tötungen, drei Körperverletzungen mit Todesfolge, ein Fall von unterlassener Hilfeleistung und 61 weitere Fälle verschiedenster Formen von Körperverletzung wirft die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach Arnold.P. vor.

Der 53-jährige ehemalige Chefarzt des St.-Antonius-Krankenhauses im nordrhein-westfälischen Wegberg muss sich dafür vor der 7..Großen Strafkammer des Landgerichts Mönchengladbach verantworten.

Im Juli 2005 hatte.P. im St.-Antonius-Krankenhaus zu arbeiten begonnen. Am 1. Januar 2006 kaufte er für 26.000 Euro die kleine, wirtschaftlich angeschlagene Klinik von der Gemeinde Wegberg. Dadurch wurde er Eigentümer, Chefarzt und ärztlicher Leiter zugleich. Eine machtvolle Position, die die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie „ungewöhnlich“ für ein deutsches Krankenhaus nennt.

P. habe laut Staatsanwaltschaft die Klinik nach dem Kauf sofort „einem strengen Wirtschaftlichkeitspostulat“ unterworfen. Das soll sich besonders auf die sparsame Verabreichung von Blutkonserven und teuren Medikamenten wie Antibiotika ausgewirkt haben. In „zahlreichen Fällen“ habe P. außerdem zur Desinfizierung von Wunden statt einer sterilen Lösung frisch gepressten Zitronensaft verwendet – alles nur, um Kosten zu senken, wie die Staatsanwaltschaft vermutet.

Daneben habe P. eine Vielzahl von medizinisch unnötigen Operationen durchgeführt. Darunter seien unter anderem Gallenblasen-, Nieren- und Brustfellentfernungen gewesen. P. habe sich bei der Behandlung einiger seiner Patienten überdies eine medizinische Fachkompetenz angemaßt, über die er gar nicht verfügt habe.

Diese Entscheidungen mussten nach Überzeugung der Anklage sieben Menschen im Alter zwischen 50 und 92 Jahren mit dem Leben bezahlen. Ihre Angehörigen treten nun teilweise als Nebenkläger im Prozess auf.

Erst durch eine anonyme Anzeige im Dezember 2006 kamen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft schließlich ins Rollen. Sie beschlagnahmte Patientenakten und durchsuchte die Wohnung von P., mehrere Gutachten wurden eingeholt. Aus ihnen ging hervor, dass die Sterberate im Krankenhaus „extrem auffällig“ sei.

Für den Mammutprozess hat allein die Staatsanwaltschaft sechs medizinische Sachverständige und 106 Zeugen benannt. Grund seien die vielen Einzelfälle, die geklärt werden müssten. Dabei geht es auch um die Rolle von fünf weiteren Ärzten der Klinik. Sie sind unter anderem als Mittäter angeklagt – und zum Teil heute noch im Wegberger Krankenhaus als Ärzte aktiv.

P., dem die Approbation vorläufig entzogen wurde, sieht sich indes als Opfer einer gezielten Kampagne. Er bestreitet die Vorwürfe. Mit Gegengutachten will seine Verteidigung die 382 Seiten lange Anklageschrift entkräften. Dafür hat sich.P. gleich zwei bekannte Verteidiger genommen.

Einer ist Egon Geis. Der 78-jährige Frankfurter Anwalt ist nicht nur für seine langen, ausgefeilten Plädoyers bekannt. Sondern auch dafür, dass er sich gerne auf große Fälle stürzt. Zuletzt hatte er vor dem Münchener Landgericht im März die Verteidigung von Helg Sgarbi übernommen, der die BMW-Erbin Susanne Klatten erpresst hatte. Der andere ist Rolf-Werner Bock. Der 52-Jährige, der sich auf Prozesse um Behandlungsfehler spezialisiert und mehrere Fachbücher zum Thema Recht und Medizin verfasst hat, gilt als einer der profiliertesten Medizinanwälte Deutschlands.

Das Landgericht hat zunächst 24 Verhandlungstage angesetzt – ein Urteil wird nicht vor März 2010 erwartet.