Verkehrschaos

Der Superstau in China, der gar keiner war

Über 100 Kilometer lang und mehrere Wochen sollte er laut Medienberichten dauern: der Superstau in China. Er war dann doch viel kürzer.

Das Pekinger ARD-Fernsehteam brauste über Autostraßen tief nach Hebei im Norden. Es konnte sich über seine freie Fahrt nicht recht freuen. Denn die Reporter waren auf der Suche nach einem Jahrhundertstau.

Unverrichteter Dinge kehrten auch andere internationale Korrespondenten nach Peking zurück, die 260 Kilometer bis in die Innere Mongolei vorgedrungen waren. Die Nachrichtenagentur AFP schrieb frustriert: „Monsterstau über Nacht verschwunden.“

Alles fing vergangene Woche mit der Nachricht an: In China, wo heute die meisten Fahrzeuge der Welt verkauft werden, stehe der Fernverkehr still.

Tausende von Lastwagen, die vom Norden aus über die Innere Mongolei nach Hebei und zur Hauptstadt unterwegs sind, würden kaum noch einen Kilometer pro Tag vorankommen. Der „Megastau“ ließ nicht nur Autofahrer in aller Welt erschauern. Er schreckte die Auguren auf, die das Reich der Mitte für sein „rasendes Entwicklungstempo“ bewundern.

Pekings Boulevardpresse sah dagegen die stehende Blechlawine als Sommerthema an und trug extra dick auf. Internationale Medien griffen die Mär vom „epischen“ Verkehrschaos auf. Selbst die seriöse „Wall Street Journal“ warnte, dass der über 100 Kilometer lange Stau „wochenlang anhalten kann.“

Was sie da noch nicht wusste: Die Straßen waren schon Sonntagabend wieder frei. 220 Verkehrspolizisten hatten in wenigen Stunden für Ordnung gesorgt. Sie leiteten den Schwerverkehr um, ließen die Lkws auf die normalerweise für sie gesperrten Autobahnabschnitte fahren.

Regionale Behörden, die den Durchfahrtsverkehr über Mautstellen immer wieder stoppen und die Fahrer abkassieren, mussten mehr Durchgänge öffnen. Zudem wurden alle Einfahrtskontrollen nach Peking vereinfacht und der Lkw-Kohletransport aus der Inneren Mongolei vorerst gestoppt.

Mit so simplen Maßnamen lösten sie den angeblichen Jahrhundertstau in Nichts auf. Zu viele Kohlelaster auf den Straßen, zu viele neue Baustellen trugen die Hauptschuld, dass sich der Verkehr auf den chronisch-verstopften Überlandstraßen diesmal so stark aufgestaut hatte. Viel schlimmer als der Phantomstau ist Pekings alltäglicher Verkehrsstau. Der lässt sich nicht über Nacht auflösen.

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