Late Night

Plasberg macht aus Röttgen einen Clown

Zur 100. Sendung "Hart aber fair" moderierte sich Frank Plasberg souverän durch den Atom-Streit – und demontierte nebenbei den Bundesumweltminister.

Die befragten Passanten wissen es nicht. Jedenfalls nicht so genau. Ist Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) eigentlich für oder gegen die Atomkraft?

Einige raten, ansonsten herrscht kollektives Stirnrunzeln in der Kölner Fußgängerzone. Nach dem entlarvenden Einspielfilm fällt Röttgen erst mal gar nichts ein, verdattert schaut der selten maulfaule Politiker durchs „Hart aber fair“-Studio. Frank Plasberg schmunzelt in seine Fragekärtchen. Passend zu seiner 100. ARD-Sendung hat er gerade bewiesen, warum er den erfolgreichsten Polittalk im deutschen Fernsehen macht. Weil Plasberg aus Politikern traurige Clowns machen kann. Wenn er nur will.

„Der Atom-Showdown – wer siegt im Kampf um Energie und Macht?“ war die fetzige Überschrift des Mittwochstalks. Der Hintergrund: Das ewige Hickhack um die Restlaufzeiten der Atommeiler . Darüber gibt es in der schwarz-gelben Regierungskoalition mehr Meinungen, als in allen Oppositionsparteien zusammen. Und natürlich geht es um das große Geld. Denn die Energiekonzerne sollen für längere Laufzeiten kräftig zahlen.

Der Erlös soll entweder den Ausbau erneuerbarer Energien pushen (Position von Röttgen), oder dabei helfen, denn Haushalt aufzupäppeln (Position des CDU-Finanzministers Wolfgang Schäuble). Ob per Vertrag, durch eine so genannte Brennelementsteuer, oder gar durch beides – nichts Genaues weiß man, nächste Woche will Schwarz-Gelb aber beschließen.

Wie die Lösung aussehen wird, hat Röttgen bei „Hart aber fair“ nicht verraten. Also ging es in der Diskussionsrunde eher um Atomkraft an sich.

Wolfgang Clement, Ex-SPD-Arbeitsminister und ehemaliger NRW-Ministerpräsident, findet Atomenergie unersetzlich. Er habe von den britischen Grünen gelernt, die hätten sich inzwischen auch zur Kernkraft bekannt, erklärt er der verdutzten Runde. Clement sitzt jetzt im Aufsichtsrat einer Tochter des Energiekonzerns RWE, er ist einer von 40 Managern und Prominenten, die vergangene Woche in ganzseitigen Zeitungsanzeigen der Regierung in Sachen Atom und Kohle den Marsch bliesen.

Einen „Erpressungsversuch“, nennen Kritiker die teure Kampagne der Atom-Lobby. „Derjenige, der hier erpresst wird, ist die Industrie“, entgegnet Clement. Durch immer neue Steuern und Abgaben werde der Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet. Außerdem seien erneuerbare Energien maßlos überschätzt.

Die Augen von Renate Künast glühen wie Brennstäbe. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende ist wütend auf den Mann, der in rot-grünen Koalitionen in Land und Bund den Atomausstieg mitgetragen hat. Aber Clement ist ein Mann von gestern, Künast dagegen will Klaus Wowereit (SPD) 2011 aus seinem Berliner Bürgermeisterbüro verdrängen.

Deshalb schlägt sie nur verbal zurück: „Die Energiekonzerne wollen sich mit der Laufzeitverlängerung eine Million Euro mehr Profit am Tag sichern. Und alle anderen schauen in die Röhre.“ Ein Anti-Atom-Argument nach dem anderen legt sie aufs rhetorische Förderband: Atomkraft sei nicht sicher, in der Asse rosteten die Fässer, gegen Terrorismus aus der Luft seien die Meiler schon gar nicht zu schützen. Es gehe doch auch ohne Atomkraft, Studien hätten das längst bewiesen. Mit erneuerbaren Energien „wird hier kein Licht ausgehen“, glaubt Künast.

Plasberg muss die Grüne bremsen. Ansonsten gibt der Moderator aber den englischen Schiedsrichter: Er lässt viel laufen.

Neben Künast steht Frank Schätzing. Der Mann war Werber und ist jetzt Bestsellerautor („Der Schwarm“). Aber weil sich im Seitenwald seiner dicken Science-Fiction-Thriller immer auch Naturwissenschaft und Technik im finden, hat er zur Atomkraft viel zu sagen: „Es wird niemals ein sicheres Endlager geben. Und deshalb ist die Atomkraft – auch wenn sie eine Brückentechnologie ist - eine Technologie der Vergangenheit.“ Mit Musketier-Frisur und breitem rheinischen Akzent schwingt sich Schätzing schnell zum glaubwürdigen Bürgervertreter der Runde auf.

Atom-Lobbyist Ralf Güldner kommt über die gesamte Sendezeit nicht aus der Defensive. „Die Gegner der Atomkraft haben in diesem Land doch die Meinungsführerschaft“, moniert der Vorsitzende des Deutschen Atomforums. Das stimmt wohl – und es liegt vor allem an Leuten wie Güldner. Er bleibt farblos wie Leitungswasser, auch wenn er den ein oder anderen knackigen Satz parat hat: „Wer bezahlbaren Strom will, kommt an der Kernkraft nicht vorbei.“

Und Röttgen? Ihn macht Plasberg zum „Mann der Woche“ – schließlich kandidiert Röttgen jetzt auch noch für den CDU-Vorsitz in Nordrhein-Westfalen. Doch im Duell mit dem Moderator kann „Muttis Klügster“ – wie ihn Berliner Parteifeinde spotten – kaum punkten. Er lächelt viel und hält sich zurück. Er gibt weder den „Angegrünten“ noch den Möchtegern-Kanzler. Er redet immer nur von der Brücke, die Atomkraft für ihn sei. Das ist etwas wenig für einen, dem in Berlin und am Rhein ein verdammt heißer Herbst bevorsteht. Röttgen verspielt eine Chance sich zu profilieren. Warum, weiß nur er.

Und so ist der vermeintliche Höhepunkt der Sendung nur eine verschenkte Viertelstunde. Da sind die rot-grünen Veteranenkämpfe aufregender, die Gästekonstellation ist generell sehr gut geglückt. Natürlich kommen in der Debatte die komplexen Inhalte des Atomstreits zu kurz. Aber „Hart aber fair“ ist eben ein Polit-Talk – und kein Bundestagsausschuss.

Bald kommt Günther Jauch in die ARD. Ob der RTL-Rateonkel ein besseres Polit-Format als „Hart aber fair“ abliefern kann? Wohl kaum. Doch auch darüber wird sich der Volksmund in der Kölner Fußgängerzone schnell ein Urteil bilden. Hoffentlich fragt dann noch jemand nach.

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