"ARD-Wahlarena"

Kämpferischer Steinmeier gibt sich siegessicher

| Lesedauer: 6 Minuten
Jens Steffenhagen

Foto: ddp / ddp/DDP

Die Kanzlerin hatte vorgelegt, nun war der Herausforderer an der Reihe: Frank-Walter Steinmeier stellte sich in der ARD-"Wahlarena" den Fragen ausgewählter Zuschauer. Die erlebten einen konzentrierten Kanzlerkandidaten, der seine Forderungen nach einem Mindestlohn bekräftigte und an der Rente mit 67 festhalten will.

An zwei aufeinander folgenden Abenden bat die ARD Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier in die „Wahlarena“. 150 repräsentativ ausgewählte Gäste sollten die Bewerber ins Kreuzverhör nehmen – eine Methode, die unter dem Begriff „Townhall-Format“ bereits 2005 von dem Sender erprobt wurde.

Die Idee einer öffentlichen Befragung der Kandidaten stammt aus den Gründerjahren der USA. Doch während es in den damaligen Stadthallen nicht selten handfest zur Sache ging, herrschte in der Arena des WDR eine beinahe andächtige Stimmung.

Das mag zum einen daran liegen, dass der Wahlkampf bisher erstaunlich geräuschlos verlief. Von Lagerdenken und „Roten Socken“-Kampagnen keine Spur. Zum anderen taugen weder Merkel noch Steinmeier als Feindbilder. Sie polarisieren nicht. Weder politisch noch menschlich. Eitelkeit ist ihnen fremd.

Beiden haftet vielmehr das Image nüchterner Technokraten an, die durch Fleiß und Beharrlichkeit an die Spitze kamen. Und bei beiden musste man befürchten, dass eine derart direkte Konfrontation mit dem Wahlvolk in Langeweile oder Zahlenwirrwarr enden könnte – eine Sorge, die sich als unbegründet erwies.

Besonders Steinmeier lieferte einen souveränen Auftritt ab. Anfangs etwas nervös, fand er auch nach Versprechern sofort wieder in die Spur. Eine Wohltat im Vergleich zu Angela Merkel, die sich mehr schlecht als recht durch die Sätze stolperte. Leicht windschief auf den gläsernen Bistrotisch gelehnt, parlierte der derzeitige Außenminister flüssig und scheinbar frei von der Leber.

Im Unterschied zu Merkel saßen die Gesten, Betonung und Mimik passten zum Inhalt. Einzig die Schweißperlen, die ihm schon nach wenigen Minuten von der Stirn rannen, verrieten den Druck, unter dem der Kandidat steht.

Dass ein derart geschmeidiger Wortfluss seine Tücken hat, das weiß der spröde Westfale. Steinmeier der Schlaumeier. Der Stratege, der Roboter – Etiketten, mit denen man alles wird, nur nicht Kanzler. Sein Rezept: Territoriale Verbundenheit demonstrieren.

Ganz gleich aus welcher Stadt die Fragesteller kamen – Steinmeier war entzückt. „Bochum – ach!“ „Karst? Mmh!“ „Porta Westfalica? Da war ich ja grad noch!“ Schröder nahm man diese Kumpelhaftigkeit ab. Bei Steinmeier macht sie misstrauisch, weil sich echte und aufgesetzte Spontaneität abwechseln.

Angela Merkel dagegen machte sich solche Mühe nicht. Auf ein: „Ich komme aus Neuss“ antwortet sie trocken: „schön“. So gewinnt man zwar keine Charmepunkte, doch das erwartet auch niemand mehr von ihr. Sie ist da, um Fragen zu beantworten, also los. Das ist der Bonus des Amtsinhabers, der Neue dagegen muss die Leute für sich begeistern. Und das gelang Steinmeier in der zweiten Hälfte der Sendung immer besser.

Während Merkel außer dem Versprechen, die Mehrwertsteuer nicht zu erhöhen, keinerlei Geschenke mitbrachte, präsentierte der Herausforderer einige populäre Positionen: Flexiblere Übergänge bei der Rente mit 67, die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns von 7,50 Euro , eine Anhebung des Schonvermögens von Hartz-IV-Empfängern, die Senkung des Eingangssteuersatzes auf zehn Prozent und die Überprüfung der Rahmenbedingungen für Leiharbeiter.

Die Kernenergie nannte er eine “nicht menschengemäße Technik“. Besonders weil die dauerhafte Lagerung von Atommüll weltweit ungelöst sei. Eine Rückkehr zur Atomenergie, wie sie in Ansätzen von Angela Merkel in Aussicht gestellt wurde, lehnte Steinmeier auch mit dem Hinweis auf Tausende von Arbeitsplätzen, die im Bereich der erneuerbaren Energien in Deutschland entstanden seien, ab.

Wenn alte Atomkraftwerke länger am Netz blieben, würden die Betreiber nicht länger in umweltschonende Energieformen investieren. Für ihn sei deshalb ein Festhalten an dem Ausstieg, den er damals mit der Atomwirtschaft verhandelt hat, unverzichtbar.

Steinmeier in seinem Element: Erläutern, erklären, verteidigen. Etwa die Erfolge der Agenda 2010, die er nicht auf Hartz IV reduziert wissen will. Auch die Stärkung der Ganztagesschulen, die steuerlichen Vergünstigungen bei der Kinderbetreuung und die Reform der Arbeitsämter gehörten schließlich zur Agenda.

Ist Steinmeier einmal warm gelaufen, fallen ihm auch die Pointen zu. Auf die Behauptung einer Zuschauerin, als Bankangestellte hätte sie das Prinzip verinnerlicht, immer nur das auszugeben, was sie einnehme, kontert er: „Wenn sich die Banken alle an Ihre Prinzipien gehalten hätten, hätten wir die aktuellen Probleme nicht.“ Es folgt das donnernde Steinmeier-Lachen, diesmal kommt es von Herzen. Man meint die Erleichterung der Zuschauer zu spüren: Da steht ein Mensch wie du und ich!

Dass der Herausforderer davon überzeugt ist, tatsächlich „Kanzler zu können“, wurde während des obligatorischen Quiz deutlich: Auf die Frage: „Was würden Sie bei einem Ende der Großen Koalition am meisten vermissen? A: Angela Merkel, B: Meinen Dienstwagen. Kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Meinen Dienstwagen nicht. Wenn die Große Koalition zu Ende geht, sitze ich ja im Kanzleramt.“

Das klingt kämpferisch. Fast schon nach Schröders prophetischem Ausruf „Ich will da rein“. Nur wie soll das gelingen? Ob er sich denn von den Linken dulden lassen würde, fragt ein Zuschauer. „Eine Koalition mit der Linkspartei habe ich ausgeschlossen. Ich glaube, das ist glaubwürdig. Ich wünsche mir eine Koalition mit den Grünen.“

Dass ihm dazu nach aktuellen Prognosen mindestens zehn Prozent fehlen, ficht Steinmeier nicht an: „Ich spüre, dass da eine große Diskrepanz besteht, zwischen den Umfragen und dem, was ich täglich auf der Straße und bei den Veranstaltungen erlebe.“

Das direkte Duell der beiden Kandidaten wird am Sonntag, 13. September ab 20:30 Uhr von ARD, ZDF, RTL und SAT.1 übertragen.

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