Neue "Popstars"-Staffel

Wenn der Castingwahn auf die Provinz trifft

Erinnern Sie sich noch an "Some & Any", "Queensberry" und "Room 2012"? Nicht? Komisch, denn diese Bands waren mal Popstars – zumindest in der gleichnamigen Castingshow. Jetzt sind sie vergessen, Nachschub ist dringend nötig. Und der wird in der deutschen Provinz vermutet. Zum Beispiel in Paderborn.

Gerade hat Deutschland seinen neuen „Superstar“ Mehrzad Marashi gewählt – doch man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass sein Erfolg von geringer Dauer sein wird. Jahr für Jahr schießen Privatsender - allen voran RTL und ProSieben - neue junge Talente künstlich in den Musikhimmel – und damit auch an die Spitze der deutschen Charts.

Und dann? Some & Any, Queensberry und Room 2012 sind längst vom Publikum vergessen, von der Musikindustrie wurden die Bands fallen gelassen. Für Nachschub wird nämlich gesorgt, diesmal auf ProSieben.

Der „Popstars“-Castingtross zieht dieser Tage unter dem Motto „Girls forever“ durch das Land. Eine neue Girlsband wird dringend gesucht. Und da man laut ProSieben den Teilnehmerinnen „Massencastings“ ersparen will, hat man sich dazu entschlossen, in 16 deutschen Städten nach den neuen Popstars zu suchen, um den Wettbewerb zu entzerren.

Pforzheim, Siegburg, Elmshorn oder Hamm gehören dazu – die Popstars von morgen werden scheinbar in den eher ländlichen Gebieten vermutet. „Wir wollen näher an die Kandidaten heran. Und zu viele Leute sollen auch gar nicht kommen“, sagt ProSieben-Sprecher Frank Wolkenhauer. Auch das tief in Westfalen gelegene Paderborn wurde von den „Popstars“-Machern auserkoren.

Nun ist der Westfale aber offensichtlich ein eher ruhiger Geselle: In der Paderborner Innenstadt nimmt kaum jemand Notiz vom Castingwahnsinn. Direkt vor dem Kino, in dem der Sender ProSieben sich eingenistet hat, verteilt die FDP ihre letzten NRW-Wahlkampfflyer, die Malteser-Helfer suchen nach Spendern. Im „Popstars“-Kino herrscht dafür reges Gedränge.

Es fragt sich allerdings wirklich, wie wichtig eine gute Stimme für das Weiterkommen in der Sendung überhaupt ist: „Wenn du eine Geschichte aus deinem Leben zu erzählen hast, kommst du eher weiter“, sagt eine Teilnehmerin im Kinosaal.

Andere Mädchen stimmen ihr zu: Schicksalsschläge und prägende Erlebnisse – das Vorstellungsgespräch zielen genau darauf ab, sagen sie. Das sieht Frank Wolkenhauer, der Sprecher von ProSieben, ein bisschen anders: Man frage nicht explizit nach solchen intimen Details. Man wolle nur wissen, mit was für Kandidaten man es zu tun hat.

Die Marschrichtung der kommenden „Popstars“-Staffel scheint klar: Aussortiert wird, wer nicht in das Sendekonzept passt. Nur warum überhaupt Popstar werden, wenn nach sehr kurzer Zeit die Bedeutungslosigkeit droht? „Es muss endlich wieder eine gute Girlsband geben. Und die „No Angels“ haben bewiesen, dass sich auch gecastete Bands lange halten können“, sagt die 17-jährige Vanessa. Viele andere Mädchen sind dann aber doch nur aus Spaß gekommen, „um mal bei einem Casting dabei zu sein.“

Immerhin scheint die ProSieben-Castingshow bei ihnen besser anzukommen als das RTL-Pendant. „Bei DSDS hat mir nie jemand gesagt, was schlecht an mir ist“, sagt Patricia, 16 Jahre alt und an diesem Tag an der ersten Hürde der Castingshow gescheitert. „Hier wird einem von der Jury wenigstens erklärt, was der Fehler war.“ Gibt sie ihren Popstars-Traum jetzt auf? „Auf keinen Fall“, sagt sie – sie will es beim nächsten Casting wieder versuchen.

Noch bevor die neue Staffel überhaupt angelaufen ist, hat ProSieben auf der Juryseite einen kleinen Coup gelandet: Neben Marta Jandová von der Rockband „Die Happy“ konnte auch Thomas Stein für die neue Popstars-Jury gewonnen werden.

Stein war schon Jurymitglied der ersten beiden Staffeln von RTLs „Deutschland sucht den Superstar“. Jetzt soll der Musikmanager auch die kommenden Popstars auf die Erfolgsspur bringen.

Doch erst im Juni wird die Jury um Stein und Detlef D! Soost die Teilnehmerinnen wirklich kennenlernen. Bisher treten die Mädchen vor unbekannten „Popstars-Musikexperten“ auf –wie ProSieben sie nennt.In Paderborn bestand diese „Expertengruppe“ aus genau einer Person.