Buchverkauf

Der unverständliche Alleingang des Marco Weiss

Marco Weiss hat am Erscheinungstag seines Buches über die Zeit hinter türkischen Gittern eine Schlappe hinnehmen müssen: Auch sein zweiter deutscher Anwalt legt wegen der Medienpräsenz des 18-Jährigen sein Mandat nieder. Doch Marco hat Glück: Er hat bereits einen neuen Anwalt.

Foto: ddp / DDP

Nach der Veröffentlichung seiner Gefängnismemoiren hat der in der Türkei angeklagte 18-Jährige auch seinen zweiten deutschen Rechtsbeistand, Anwalt Michael Nagel aus Hannover, verloren. Tags zuvor hatte bereits Verteidiger Matthias Waldraff aus Verärgerung über Marcos Alleingang sein Mandat niedergelegt.

Kurzzeitig war Marco Weiss, der in Antalya wegen sexuellen Missbrauchs an einer 13-Jährigen angeklagt ist, allein auf seine türkischen Anwälte angewiesen. Die Familie von Marco reagierte noch am Abend: In Deutschland werde Marco nun wieder von Rechtsanwalt Jürgen Schmidt aus Uelzen vertreten. Er habe die Familie „bereits in der Frühphase des Prozesses hervorragend unterstützt“.

In einer Stellungnahme dankte die Familie Anwalt Nagel – jedoch nicht ohne einen Seitenhieb: Man wolle es nicht versäumen, „auf die umfängliche, nicht enden wollende, mediale Aufbereitung durch die Rechtsanwälte Waldraff und Dr. Nagel hinzuweisen“.

Dabei sah es noch am Donnerstag ganz danach aus, dass sich die Wogen nach Waldraffs Ausstieg glätten würden. In einer ausführlichen Stellungnahme hatte sich Michael Nagel hinter seinen jugendlichen Mandanten gestellt, Verständnis für dessen Buch gezeigt und von der „sinnvollen und notwendigen Verarbeitung des Erlebten“ gesprochen. Aber er hatte noch einen Satz hinzugefügt, der wie eine Bedingung an Marco klang: „Es darf keine öffentlichen Auftritte von Marco bis zur Beendigung des Verfahrens geben.“

Keine 24 Stunden nach diesen deutlichen Worten schien die Bedingung des Anwalts für die Fortsetzung seines Mandats schon nicht mehr eingehalten worden zu sein. Marco und sein Verleger Carlos Schumacher hatten bereits einem Fernsehsender ein Interview gegeben.

Nagel musste reagieren: Marco Weiss sei „aufgrund einer offensichtlich unverantwortlichen Beratung vonseiten Dritter“ wegen der Buchveröffentlichung vertraglich so gebunden, dass der Uelzener Schüler seinen Rat nicht mehr befolgen könne, vor Prozessende keine Interviews zu geben oder „jede Form der Medienpräsenz zu unterlassen“.

Er hoffe trotzdem, dass sich die „negativen Auswirkungen dieser medialen Verarbeitung der Ereignisse in Grenzen halten werden“. Nagel hatte offenbar geahnt, was nun geschehen würde: Dass sich türkische Medien Marco vorknöpfen. Der 18-Jährige habe ein „hässliches Buch“ verfasst, kommentierte die Zeitung „Yeni Safak“. Auch der Fernsehsender CNN-Türk wunderte sich über das Buch. Über dessen Berichte über Folter werde wohl noch viel gesprochen werden, so der Sender auf seiner Internetseite.

In seinem gestern veröffentlichten Bericht geht Marco detailliert auf die Zustände im Gefängnis ein: Unmenschliche 247 Tage habe er in der überfüllten Zelle psychisch wie physisch gelitten, schreibt er: „Eine Toilette ohne Spülung für 36 Mann. Und gleich neben mir spritzten sie sich Heroin oder berauschten sich am heimlich selbst gebrannten Schnaps.“ Seine Zigaretten und andere Habseligkeiten habe er mit den Bandenchefs in der Zelle teilen müssen. „Weigerte sich einer, konnte ich erleben, wie sie ihn drangsalierten und blutig schlugen.“

Einzig die Liebe seiner Eltern, denen er das Buch widmet, habe ihn vor dem Selbstmord bewahrt. Vielleicht könne er irgendwann vergeben, aber niemals könne er diesen Albtraum ganz vergessen, so Marco. Seine Freunde hätten ihn in ein normales Leben zurückgeführt, auch habe er eine Freundin. „Sie haben mir gezeigt, dass ich auch wieder ein junger Mann sein darf, der sich das wünscht, was für alle der größte Wunsch ist: sich verlieben, ein Mädchen an die Hand nehmen, küssen und von einer Zukunft träumen.“

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