Winnenden

Internet-Panne zeigt Ahnungslosigkeit der Polizei

Deutsche Kriminalbeamte funken nach der Ermittlungspanne von Winnenden SOS. Die Ermitter hatten nicht erkannt, dass es sich bei der vermeintlichen Amokankündigung von Tim K. um eine Fälschung handelte. Nun räumten die Kriminalisten generelle Probleme bei Ermittlungen in den Tiefen des Webs ein.

Der Wirbel um die Panne im Fall Winnenden wirft ein schlechtes Licht auf die Internet-Kompetenz der Polizei. Das nach der wohl gefälschten Amok-Drohung plötzlich bundesweit bekannte Forum krautchan.net äußert nun erhebliche Zweifel an dem Vorgehen der Polizei. Warum man erst umständlich per Hilfsgesuch in den USA um die Daten des Betreibers bat, „ist uns unverständlich“, kritisierte der Moderator mit dem Pseudonym Tsaryu. „Eine einfache Mail an uns hätte genügt. So wurden die Ermittlungen um fast zwei Tage verzögert.“ Die Fälschung sei leicht nachzuvollziehen – auch für die Polizei.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) räumt Mängel bei Ermittlungen in den Tiefen des Webs ein und funkt SOS: „Von 260.000 Polizisten in Deutschland ist nur ein Prozent für die Herausforderungen durch das Internet gewappnet“, sagt der BDK-Vorsitzende Klaus Jansen. Bei 42 Millionen Internetnutzern in Deutschland sei das zu wenig.

Auf krautchan.net hatte in der Nacht vor der Tat um 2.45 Uhr eine harmlose Diskussion stattgefunden. Diese wurde wohl nach dem Amoklauf mit 16 Toten digital abfotografiert (Screenshot). Die Wörter wurden dann durch die angebliche Amok-Drohung von Tim K. ersetzt und als manipulierter Screenshot in Umlauf gebracht. Warum die Polizei den wahrscheinlichen „Fake“ (Fälschung) nicht sofort als solchen erkannte und deshalb in der Öffentlichkeit defensiver mit dem Thema umging, ist noch rätselhaft.

Der fälschlicherweise Tim K. zugeschriebene Beitrag, in dem es heißt: „Ich meine es ernst Bernd – ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen“, ist laut Computerexperten und krautchan.net eindeutig gefälscht. Die Polizei brauchte aber lange, um dies zu erkennen, ein völliges Dementi lag auch Sonntag noch nicht vor.

„Ich sehe durchaus einen sehr großen Mangel an Kompetenz“, betont Moderator Tsaryu mit Blick auf Ermittlungen in den Weiten des Webs. Die Betreiber von krautchan.net führen auf ihrer Startseite Beweise an, die den „Fake“ nachvollziehbar machen. Der Moderator betont, dass sich die Polizei nicht einmal an krautchan.net gewandt habe.

Der langjährige BKA-Mitarbeiter Jansen ist ein ruhiger Mann, ihn kann so schnell nichts in Rage bringen. Aber die Diskussion um die Ermittlungspanne lässt die Worte nur so aus ihm heraussprudeln. Den Kollegen sei kein Vorwurf zu machen, sagt der BDK-Vorsitzende. Die Polizei müsse aber endlich in die Lage versetzt werden, Drohungen, Auffälliges und eben auch Fälschungen in „Echtzeit“ zu erkennen.

Jansens Kollege von der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, unterstützt die Forderung nach mehr Geld für eine bessere Internet-Kompetenz der Polizei – gleichwohl will er nicht von einer Panne im Fall Winnenden sprechen. „Natürlich müssen wir da besser werden“, sagt er. „Selbst das BKA stößt jetzt schon an seine Grenzen, die kriegen auch nicht mehr die besten Leute.“ Der Kampf um die besten IT-Köpfe sei aber nur mit mehr Investitionen zu gewinnen.

Während viele Ermittler gerne weitergehende Befugnisse hätten - Stichwort Online-Durchsuchung – geht es laut Jansen nach Winnenden auch darum, wie man möglichst rasch solche Amok-Androhungen oder andere Auffälligkeiten in einschlägigen Foren bewerten kann. Ihm fehlt eine zentrale Anlaufstelle, an die sich zum Beispiel ein Internet-Surfer aus dem In- oder Ausland wenden kann, wenn er nachts um 3.00 Uhr die Ankündigung eines Amoklaufs an einer Schule entdeckt.

Er schlägt deshalb eine bundesweite Internet-Clearing-Stelle vor. Dort sollten Soziologen, Therapeuten, IT-Experten, Juristen und Polizisten rund um die Uhr sitzen, um Fälle umgehend bewerten zu können. GdP-Chef Freiberg hält so eine Stelle nicht für notwendig, allerdings müsse die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern besser werden. „Der Staat muss in diesem Bereich besser erreichbar sein“, sagt hingegen Jansen. Es gebe die 110 für die Polizei, die 112 für die Feuerwehr, aber keinen Kontakt für Alarmfälle im Netz.

Äußerungen des Moderators Tsaryu von krautchan.net unterstreichen, dass dies weiterhelfen könnte. Weil sich die Polizei nicht meldete, sei man selbst aktiv geworden – mit wenig Erfolg: „Eine telefonische Nachfrage endete in drei von fünf Versuchen mit einem Auflegen, einer mit „wir sind nicht zuständig“ und Auflegen, und erst der fünfte Versuch war erfolgreich, die Nachricht wurde an den jeweiligen Mitarbeiter weitergeleitet.“ Seitdem warte man auf die angekündigte Dienstmail, berichtete Tsaryu.

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