Indonesien

Der Kannibale, der keine Therapie bekommt

"Sie hat gut geschmeckt", sagt Sumanto auch heute noch über die 81-Jährige, deren Leichnam er 2003 verspeiste. In Indonesien ist der geistesgestörte Bauer nur als "Der Kannibale" bekannt. Doch die psychiatrische Hilfe, die Sumanto ganz offensichtlich benötigt, bekommt er in dem Inselstaat nicht.

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"Ich liebe alle Arten von Fleisch, Hauptsache es ist gar. Menschen werde ich aber nicht mehr essen, stattdessen esse ich Spinat“, sagt der 37-Jährige. Damals vor sechs Jahren habe er sich einfach eine günstige und "schmackhafte“ Mahlzeit zubereiten wollen.

2003 wurde der Bauer aus dem Dorf Palumutan auf der Insel Java in einem Aufsehen erregenden Prozess wegen Leichenraubs und Störung der öffentlichen Ordnung verurteilt. In den meisten anderen Ländern wäre Sumanto wohl in der Nervenklinik gelandet, in Indonesien saß er vier Jahre mit gewöhnlichen Kriminellen im Gefängnis. "Er hätte in die Psychiatrie gemusst, nicht ins Gefängnis“, sagt Kartono Mohammad, der ehemalige Präsident des indonesischen Ärzteverbandes.

Nach seiner Freilassung wollte Sumanto in sein Dorf zurückkehren. Doch die Nachbarn entsetzte die Vorstellung, mit dem Kannibalen zusammenleben zu müssen. Ein religiöses Zentrum nahm Sumanto schließlich auf. Die Einrichtung in Purbalingga ist eine von vielen, die den Mangel an Behandlungsmöglichkeiten für psychisch Kranke in Indonesien auszugleichen versuchen.

Anfangs sei Sumanto sehr reizbar gewesen und habe weder essen noch trinken wollen, sagt der Leiter des Zentrums, Supono Mustajab. "Wir mussten sein Zimmer Tag und Nacht bewachen, damit er die anderen nicht störte.“ Im Zentrum lernt Sumanto inzwischen den Koran zu rezitieren; Sport, Fischen und der Umgang mit Tieren sollen ihn auf andere Gedanken bringen. "Heute geht es ihm besser“, sagt Mustajab.

Dorfgemeinschaft verstieß die Familie

Doch in seinem Heimatdorf Palumutan, inmitten von Reisfeldern, denken die Bewohner immer noch mit Abscheu an den Mann, der auch Katzen, Eidechsen und Kakerlaken gegessen haben soll. "Hier würde Chaos ausbrechen, sollte er jemals hierher zurückkehren“, sagt die direkte Nachbarin der Familie, Ngadiah. "Ich will nicht, dass er mich für sein Abendessen umbringt.“ Nie werde sie den "Geruch des Todes“ und den Anblick von "Menschenfleisch in Sojasauce“ in der Nachbarhütte vergessen, sagt die 43-Jährige.

Die Dorfgemeinschaft verstieß Sumantos gesamte Familie, sie lebt jetzt außerhalb der Ortschaft. Sumantos Vater Nuryadikarta fühlt sich hilflos. "Auch wenn er Böses getan hat, so ist er doch mein Sohn und ich würde ihn wieder aufnehmen. Aber was kann ich tun, wenn die Nachbarn ihn niemals wieder akzeptieren?“, sagt der 65-Jährige.

Sumanto selbst gibt die Hoffnung nicht auf, "dass ich die Herzen der Dorfbewohner wieder erobern kann“. Und er möchte die Liebe entdecken, "die ich nie kennengelernt habe“, sagt er. Was Sumanto nun in erster Linie brauche, sei eine Therapie, sagt der Psychiater Prianto Djatmiko. "Ohne Therapie kann sich sein Geisteszustand noch verschlimmern.“