Geschichte

Komasaufen hat in Deutschland Tradition

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Hendrik Werner

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Schon die alten Germanen hatten einen ausgeprägten Hang zum Komasaufen. Die Schnuller ihrer schreienden Kinder tauchten sie in Bier, damit sie sich beruhigten. Das ist aber längst noch nicht alles, was man über die Geschichte des Alkohols erzählen kann – deswegen gibt es jetzt ein ganzes Buch darüber.

Alkohol ist eine ambivalente Angelegenheit. Davon weiß auch Herbert Grönemeyer ein Lied zu singen. Einerseits: „Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot.“ Andererseits: „Alkohol ist das Drahtseil, auf dem du stehst, Alkohol ist das Schiff, mit dem du untergehst.“ Mal wird er vergötzt, mal verteufelt, mal gilt er als therapeutische Verheißung, mal als Vehikel höllischer Abhängigkeit.

Dabei ist der Ruf von Alkohol seit jeher janusgesichtig. Schon in der Antike bildeten sich in unserem Kulturkreis zwei schwer zu versöhnende Haltungen heraus: „eine, die alkoholische Getränke als Ausdruck von Lebensfreude und Gesundheit verherrlicht, und eine andere, die sie wegen der Verursachung von Unheil und Krankheit verdammt“. Das schreiben die Suchtforscher Judith Rosta und Manfred V. Singer in einer kulturgeschichtlichen Studie, die, passend zum trunkenen Höhepunkt der närrischen Jahreszeit, dem Prinzip des Maßhaltens huldigt: „Über die Kunst des rechten Alkoholgenusses“ ist eine Aufklärungsschrift mit namhaften Gewährsleuten: So wie der heidnische Chefgott Odin seinem Gefolge laut Hávamál, einer Strophensammlung aus der Edda, „klebt nicht am Becher, trinkt Bier mit Maß“ predigte, sorgten sich auch irdische Machthaber zu allen Zeiten um die Balance ihrer Schutzbefohlenen zwischen sanftem Rausch und totalem Kontrollverlust: „In allen Dingen soll man doch Maß halten“ heißt es in einer Rede, die der norwegische König Sverrir im 12. Jahrhundert vor Kölner Kaufleuten hielt.

Diese Haltung gemahnt an das antike Ideal des rechten Maßes; zugleich antizipiert sie das Problembewusstsein der heutigen Schulmedizin, die wie die Toten Hosen weiß, dass kein Alkohol auch keine Lösung ist: „Less is better“, weniger ist besser, lautet ein aktueller Slogan der Weltgesundheitsorganisation.

Dass in deutschen Landen auch jenseits sakraler und profaner Feste der Met in Strömen und ohne jegliches Maß floss, ist mehr als bloß ein süffiges Stereotyp: Gesellige Gelage sonder Zahl überliefert beispielsweise Tacitus in „Germania“, das um 98 nach Christus entstand.

Und auch wenn der Chronist bisweilen übertreiben mag, so ist es doch nahe einer vorstellbaren Realität, dass die Germanen schon von Kindesbeinen an auf Alkohol-Abusus getrimmt wurden, wenn Mütter ihre schreienden Säuglinge durch in Bier getauchte Schnuller zu beruhigen suchten. Was Hänschen niemals lernen durfte, das bleibt später naturgemäß auch Hans wesensfremd: eine dosierende Zurückhaltung im Umgang mit flüssigen Rauschmitteln.

Das lag freilich auch an der sozialen Funktion des Trinkens. Solch einen eminent hohen Symbolwert besaß in der germanischen Gesellschaft das gemeinschaftliche Bechern, berichten Rosta und Singer, „dass die Ablehnung einer Trinkaufforderung einen Affront gegen die soziale Ordnung darstellte und gleichzeitig ein Anzeichen für eine unvermeidliche Feindschaft und einen kommenden Kampf bedeutete“.

Im Jenseits sollte es Bier und Wein geben

Dabei war den alten Germanen trotz ihres Faibles für Komasaufen durchaus bewusst, dass Alkohol ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit drastisch trübte: Tacitus erzählt, dass Beschlüsse, die von einer Versammlung gefasst werden sollten, gleich zweimal besprochen und angenommen werden mussten: einmal im angetrunkenen, einmal im nüchternen Zustand. Nur wenn die Initiative beide Male Zustimmung fand, wurde sie umgesetzt.

Auch im privaten Bereich kam Alkohol eine wichtige, Gemeinschaft stiftende Funktion zu. Gastlichkeit, diese altgermanische Tugend, die schon Tacitus rühmte, fand ihren Niederschlag auch in der reichlichen Darbietung von Essen und Trinken. Zu den Üblichkeiten, von denen beispielsweise das Nibelungenlied und das Beowulf-Epos berichten, zählte unter anderem ein Willkommenstrunk, den der Gastgeber dem Neuankömmling bereits auf der Schwelle servierte. So ergab in der Regel ein Horn das nächste.

Das sollte sich nach dem Willen der Germanen auch nach ihrem Ableben nicht ändern: Ihre trunkene Jenseits-Utopie sah vor, dass sie in Walhall beim Gastmahl sitzen und aus den Händen der Walküren randvolle Becher mit Bier oder Wein empfangen. Dabei galt dort wie auch auf Erden das ungeschriebene Gesetz, dass jedes Gelage im Vollrausch aller Beteiligten zu enden habe, da es ein unentschuldbarer Regelbruch war, wenn ein Mitglied der Trinkgemeinschaft vorzeitig kapitulierte. Ein ähnliches Tabu war und blieb in Deutschland die Verweigerung eines angebotenen Getränks, die mit Ächtung oder gar dem Ausschluss aus der Gemeinschaft sanktioniert wurde.

Flatrate-Partys als Brauchtumspflege

Soziale Kodizes wie diese arbeiteten folglich der Maßlosigkeit zu, statt ihr Einhalt zu gebieten. Das führen Rosta und Singer am Beispiel einer Quelle aus dem 16. Jahrhundert vor, die den besonders trinkfesten Sachsen und ihren Wettkampfritualen gewidmet ist: „Solche Biertrinker sind es, dass man ihnen etwa mit Kannen nicht genug zutragen mag, sie setzen vielmehr einen Melkeimer auf den Tisch, darin ist eine Schüssel. Wer Durst hat, der trinkt, ja, sie saufen einander daraus zu. Das Bier ist sehr gut, doch keine Kuh könnte so viel trinken, wie eines dieser Säue, schier unglaublich zu sagen. Sie trinken Tag und Nacht, bis sie voll und wieder nüchtern werden; wer im Trinken ihr aller Meister ist, der empfängt nicht aller Lob, sondern Lohn und einen Kranz dafür. Wer nicht mit säuft, der packe sich.“

Angesichts dieser rustikalen Tradition, die auch aus anderen Regionen bezeugt ist, verwundern heutige Jugendrituale wie Flatrate-Partys nicht. Man kann sie getrost als Brauchtumspflege bezeichnen. In ähnlicher Weise wie den Karneval, zu dessen unverzichtbaren Bestandteilen zwischen Bier und Bütt seit alters her Gesten der totalen Verausgabung zählen. Diese Gesten sind einer Ökonomie der Verschwendung geschuldet, die, gut gemeinten Einflüsterungen von Gesundheitsaposteln zum Trotz, maßlos sein müssen.

Folgt man etwa dem russischen Kulturanthropologen Michail Bachtin, so stellt das Prinzip des Karnevals alle alltäglichen Werte und Normen auf den Kopf. Insofern kontrastiert auch und gerade der alkoholische Exzess an den närrischen Tagen das gesellschaftlich geforderte Maßhalten jenseits des Festes. In diesem Sinne: Trinkt, Brüder, trinkt, lasst doch die Sorgen zu Haus. Und das Auto tunlichst stehen.

Judith Rosta/Manfred V. Singer: Über die Kunst des rechten Alkoholgenusses. Eine kleine Kulturgeschichte des Alkohols. Shaker, Aachen. 120 S., 19,80 Euro