Freilassung

Anwohner protestieren in Hamburg gegen Sex-Täter

Der Umzug eines freigelassenen Sexualstraftäters nach Hamburg hat für Unruhe gesorgt. Der Mann wird erneut umziehen müssen.

Anwohner haben in Hamburg gegen einen entlassenen Sex-Täter in ihrer Nachbarschaft protestiert.

Polizeisprecher Mirko Streiber bestätigte entsprechende Medienberichte. Außerdem habe der Mann einen Pressefotografen angegriffen, der ihn fotografieren wollte. „Als Konsequenz aus diesem Vorfall müssen wir den Mann nun erneut woanders unterbringen“, sagte Streiber.

Der 53-jährige Sexualstraftäter saß fast 30 Jahre in Baden-Württemberg hinter Gittern. Seit Mitte Juli ist er auf freiem Fuß. Der Mann war zunächst in Bad Pyrmont untergebracht, zog dann aber nach öffentlichen Druck nach Hamburg. Dort überwachen ihn Polizeibeamte rund um die Uhr.

„Das ist schon das zweite Mal, dass wir den Mann innerhalb Hamburgs woanders unterbringen müssen“, sagte Streiber. Wie die Informationen über den Aufenthalt des 53-Jährigen an die Presse gelangen, konnte er nicht sagen.

Zwei Fotografen wollten den entlassenen Straftäter vor seiner neuen Unterbringung ablichten. Doch der Mann wollte das nicht und schlug einem der Fotografen die Kamera aus der Hand. „Polizeibeamte sind dazwischen gegangen und haben die Situation entschärft“, sagte Streiber. Der Fotograf habe daraufhin Strafanzeige gegen den Mann erstattet.

1981 war der Sexualstraftäter zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und neun Monaten mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Das Oberlandesgericht Karlsruhe hatte die JVA Freiburg nun jedoch angewiesen, ihn zu entlassen.

Hintergrund ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Die Straßburger Richter hatten Deutschland verurteilt, weil es einen Straftäter wegen seiner Gefährlichkeit länger als zu der zur Tatzeit geltenden Höchstdauer von zehn Jahren in Sicherungsverwahrung festgehalten hatte. Er und Häftlinge in ähnlichen Fällen müssen daher nun unabhängig von ihrer Gefährlichkeit freigelassen werden.

Für wie gefährlich Experten den 53-Jährigen halten, blieb unklar. „Wir warten auf das Gutachten unserer Spezialisten“, erklärte die Sprecherin der Justizbehörde, Pia Kohorst. Wann die Expertise vorliegen wird, könne sie nicht sagen. Von der Einschätzung der Gutachter hängt es ab, welche Auflagen der Mann erfüllen muss.

Nach Ansicht des Kriminalpsychologen Prof. Rudolf Egg wird die Gefährlichkeit von Schwerverbrechern, die aus der Sicherungsverwahrung freikommen, möglicherweise überschätzt. „Denn es handelt sich da ja nicht um junge, kräftige Männer, sondern zum Teil um doch schon sehr betagte und jedenfalls jahrelang im Gefängnis lebende Personen“, sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden.

Außerdem entschieden Gutachter bei der Prognose der Gefährlichkeit von Straftätern im Zweifel eher zugunsten der Sicherheit, betonte Egg. Im Gegensatz zur Schuldfrage vor Gericht: Dort wird im Zweifel eher für den Angeklagten entschieden. „Bei der Prognose begeht man also eher den Fehler, dass man zu vorsichtig ist als zu großzügig.

Es kann durchaus sein, dass etliche der Personen, die jetzt freikommen, gar nichts mehr machen werden.“ Für Egg bedeutet das: „Es ist ein gewisses natürliches Experiment, das wir gerade erleben.“

Die Justiz gebe zwar nie preis, wo ein Straftäter nach seiner Freilassung unterkommt. Dass Medien und Öffentlichkeit in solchen Fällen aber viel Druck machten, sei „nicht so ganz zu vermeiden“: „Das ist sehr bedauerlich.“ Schließlich habe jeder das Recht auf Resozialisation – „also die Möglichkeit, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen“.