Homosexueller Priester

Priestertum und Schwulsein ist kein Widerspruch

Seit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche stehen homosexuelle Geistliche unter Generalverdacht. Dabei schwingt stets der Vorwurf mit, gerade Schwule fühlten sich zur katholischen Kirche hingezogen. Pater A. (57) ist homosexuell. Morgenpost Online erklärt er seine Motive, Priester zu werden.

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Morgenpost Online: Sie sind schwul. Warum sind Sie Priester?

Pater A.: Ich bin Priester. Mit „schwul“ kann ich mich nicht identifizieren. Das war in meiner Generation noch ein Schimpfwort. Mich hat neben der christlichen Kultur die griechische geprägt. Der Schönheitssinn, das ordnende Denken der Griechen war meine Welt, bei der mir erst im Lauf der Zeit bewusst wurde, dass sie auch eine homoerotische Komponente hat. Darin konnte ich atmen, ohne mein christliches Ideal der Keuschheit verleugnen zu müssen. Keuschheit aber wird einem nicht geschenkt, sie muss errungen werden. Als Lehrer unter blühenden Jünglingen konnte ich dennoch gleichzeitig schwimmen im Glück und stolz sein auf die Distanz, zu der ich fähig bin.

Morgenpost Online: Schwul und keusch, wie geht das zusammen? Sind das nicht unvereinbare Gegensätze?

Pater A.: Wir kennen fast nur noch die Identität von schwul und schamlos. Im 18. Jahrhundert etwa gab es aber sich liebende Männer- und Frauenpaare, ohne den Gedanken an Sexualität. Gerade unter Jugendlichen war Zärtlichkeit selbstverständlich. Offenheit dem eigenen Geschlecht gegenüber ist seiner Natur nach keusch und wird erst in der geschlechtlichen Praxis problematisch. Der Unterschied zwischen der griechischen Figur eines Jünglings und einem schwulen Männerposter könnte deshalb nicht schreiender sein.

Morgenpost Online: Wie verstehen und leben Sie den Zölibat?

Pater A.: Als Ordensmann bin ich eingebunden in einen Konvent. Obwohl es einige Mitbrüder gibt, mit denen mich mehr verbindet als mit anderen, bin ich doch in keinen „verliebt“. Eine Beziehung allerdings muss unentwegt gepflegt werden, das ist die Beziehung zu Gott. Ohne Gottesbeziehung wird der Zölibat nur noch grausam.

Morgenpost Online: Aber ist der Zölibat für Homosexuelle überhaupt ein Opfer für die Liebe zu Christus, da Sie doch ohnehin keine Frau heiraten und eine Familie gründen wollten?

Pater A.: Zölibat heißt zwar Ehelosigkeit, meint aber mehr, nämlich Keuschheit. Eine unkeusche Ehelosigkeit um Christi willen ist so absurd wie ein Ehebruch aus Gottesfurcht. Enthaltsamkeit hingegen meint für jeden das Gleiche. Die Sehnsucht junger, heterosexueller Männer geht zunächst auch nicht auf die Familiengründung. Sie wollen zusammen sein mit der Frau, die sie lieben. Ich sehe da keinen Unterschied im Verzicht.

Morgenpost Online: Nach den neuen kirchlichen „Beurteilungskriterien für eine Berufung zum Priester bei Personen mit homosexuellen Tendenzen“ aus dem Jahr 2005 hätten Sie gar nicht geweiht werden dürfen. Was ging in Ihnen vor, als Sie von diesen Richtlinien erstmals gelesen haben?

Pater A.: Ich bin skeptisch, wenn in der Kirche ungeprüft Psychologien übernommen werden, die mit dem Anschein der Wissenschaftlichkeit einer jahrhundertelangen Erfahrung der Kirche widersprechen. Der Zentralbegriff christlichen Lebens ist die Umkehr. Wer gibt das Recht, den anderen eine Umkehr abzusprechen? Eine genaue Prüfung der Berufung ist unumgänglich, aber eine ideologisch fixierte Schnüffelei in der immer rätselhaften Seele des Menschen kann nicht christlich sein. Christsein bedeutet, in Christus neu geschaffen zu sein. „Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen" (Kol 3, 11).

Morgenpost Online: Wodurch unterscheiden Sie sich von einem heterosexuellen Priester?

Pater A.: Nun, ich bin ein alter Mann, da fällt der Unterschied nicht mehr auf. Junge Männer sind als Priester – solange sie sich im orthodoxen Umfeld bewegen – weniger Anfechtungen ausgesetzt. Die Pfarreien sind ja keine Areale der Schwulenbewegung. In kranken Konventen oder in entgleisten Seminaren ist die Anfechtung für gleichgeschlechtlich Orientierte natürlich stärker. Doch der keusche und der unkeusche Priester unterscheiden sich weit mehr als der homosexuelle von dem heterosexuellen Priester.

Morgenpost Online: Untersuchungen haben ergeben, dass rund 80 Prozent aller Missbrauchfälle durch Priester weniger pädophile Handlungen sondern homosexueller Natur sind. Werden Schwule eher versucht, ihr Reinheitsgelübde zu brechen?

Pater A.: Diese Untersuchungen kenne ich nicht. Doch es müssten hier auch die Verführungen im heterosexuellen Bereich einbezogen werden. Oft bleiben solche Verhältnisse verdeckt, weil sie in akzeptierten Konkubinaten enden. Homosexuelle Übergriffe sind dagegen auffälliger – und dass eine enthemmte Homosexualität sich wilder geriert, mag sein.

Morgenpost Online: Können Priester ganz allgemein überhaupt keusch sein? Sie sind doch auch nur Menschen?

Pater A.: Möglicherweise war es früher einfacher als in unserer sexualisierten Zeit, „rein“ zu bleiben. Ich bin jedenfalls um jede sexuelle Erfahrung froh, die ich nicht gemacht habe. Im Zölibat hilft ein Mangel an Erfahrung. Auch mit diesem Startvorsprung bleibt es aber eine harte Arbeit keusch zu leben. Zugleich kann es sehr leicht, ja lustvoll sein, da die Hilfe von oben spürbar wird. Der Zölibat ist eine Art Stromkabel: Mein Mangel holt sich da alle nötige Energie.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Causa Mixa, wo Kreise, die der katholischen Kirche normalerweise Homophobie unterstellen, diesem Bischof plötzlich homosexuelle Neigungen in durchaus diffamierender Absicht nachsagen?

Pater A.: Die Gewalt und Masse der Vorverurteilungen lässt mich eine grandiose Intrige befürchten. Was die Medien betrifft, so ist ihre Schizophrenie ein Ausdruck der Dekadenz unserer Kultur. Schon Karl Kraus hat die Mutation des Landes der Dichter und Denker zum Land der Richter und Henker beobachten können.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie den jüngsten Vorstoß Erzbischof Schicks, dem Missbrauchunwesen mit einer Lockerung des Zölibats zu begegnen?

Pater A.: Ob das nun von einem Erzbischof kommt oder von einem Hobby-Psychologen: Sexuelle Entgleisung mit vermehrter Sexualität bekämpfen zu wollen, bedeutet, ein Feuer mit Benzin zu löschen.

Morgenpost Online: Was wäre durch eine Abschaffung des Zölibats für die katholische Kirche gewonnen?

Pater A.: Die Keuschheit des Priesters ist sein persönliches Zeugnis dafür, nicht auf diese Welt zu setzen, sondern auf Gott. Die Abschaffung des Zölibats würde uns um jenes Lebenszeichen ärmer machen, das uns Christus und die Apostel vorgelebt haben.

Morgenpost Online: Und was ist mit den schwulen Priestergruppen?

Pater A.: Priestertum und Schwulenbewegung, das ist ein Widerspruch. Die Schwulen dieser Bewegung berufen sich auf die Zeit der Verfolgung, etwa im Dritten Reich, als es die Pflicht eines Priesters gewesen wäre, einen homosexuellen KZ-Flüchtling auch unter Lebensgefahr zu verstecken. Heute dagegen ist es eine Pflicht derselben Priester – wie auch immer sie selbst orientiert sein mögen – dem totalen Herrschafts- und Lustanspruch der Schwulenbewegung entgegen zu treten und zu widersprechen.

Morgenpost Online: Auf dem Kirchentag gibt es kein Forum für den Lebensschutz, aber zahlreiche Foren für Homosexuelle. Hat Homosexualität den Lebensschutz als gesellschaftlichen Tagesordnungspunkt abgelöst?

Pater A.: Es gibt einen Zusammenhang von Triebbefriedigung und Tötung, der mir keine Ruhe lässt. Es gibt keine harmlose sexuelle Spielerei. Sexualität ist die am verantwortungslosesten gehandhabte Fähigkeit des Menschen, weil sie in der Selbstentschuldigung schwelgt, als müsse vor dieser übermächtigen Urgewalt jeder Wille kapitulieren. Sie ist zum Motor der Lüge geworden, die unsere Gesellschaft lenkt. Wenn aber die sexuelle Scham sinkt, dann steigt die religiöse Peinlichkeit und umgekehrt. Der Mensch muss sich entscheiden, welche Triebe er entwickeln will. Auf dem Kirchentag wird davon leider abgelenkt.

Morgenpost Online: Noch einmal. Warum sind Sie Priester geworden?

Pater A.: Nicht meiner sexuellen Neigung wegen. Mich hat der Gottesdienst angezogen, die Heiligkeit, das waghalsige Unternehmen, alles auf eine Karte zu setzen.