Politstar aus Grevenbroich

Horst Schlämmer will Bundeskanzler werden

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Peter Zander
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Horst Schlämmer will Bundeskanzler werden

Hape Kerkeling hat als Kanzlerkandidat Horst Schlämmer in Berlin für seinen Film "Isch kandidiere!" geworben und ein ganz spezielles Wahlprogramm vorgestellt.

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Pünktlich zum Wahlkampfauftakt für die Bundestagswahl wirft auch Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer als Kanzlerkandidat seinen Hut in den Ring. Munter plauderte er in Berlin vor vollem Haus über sein "Programm", seine Gegner und Grevenbroich als Ort des nächsten G-8-Gipfels.

Alles senfgelb. Die Parteifähnchen. Und die Buttons. Alles Senf. Auch wenn die „HSP“ das als ocker bezeichnet. Die „HSP“, das ist die Horst Schlämmer Partei. Sie will im Bundestagswahlkampf antreten. Und ihr Chef will Kanzler werden. Das Parteiprogramm reicht, wohin die Politiker unsere Steuererklärung noch immer nicht gebracht haben, auf einen Bierdeckel. Mit fünf mageren Punkten wie Sonnenbank für alle – gratis, Schönheitsoperationen für alle – auf Kasse und die Herabsetzung des Wahlalters auf 12 Jahre.

Auch auf der „Bundespressekonferenz“ der HSP im Berliner Ritz Carlton Hotel vertritt der Parteichef klare Positionen. Schweinegrippe? „Mit uns nicht. Ein klares Nein.“ Atomkraft? „Raus. Alles raus. Auch aus dem Ausstieg.“ Und die Frage, ob er, wenn er erst mal Kanzler ist, auch mit einem Dienstwagen in Urlaub fahren würde, kontert er: „Nein, ich würde mit Ulla Schmidt in Urlaub fahren!“

Brüno, Wöllner, Schlämmer

Eigentlich braucht der deutsche Wahlkampf derzeit keine Satire. Frau Schmidt lässt sich mit geklautem Wagen erwischen, Herr Steinmeier verspricht Vollbeschäftigung: Das ist schon fast Realsatire. Darüber lacht die Nation. Dennoch kommt da nun einer, der meint, Politik werde zu ernsthaft betrieben und müsste aufgelockert werden: Hape Kerkeling.

Und wieder lässt er seine Kunstfigur Horst Schlämmer heraus. Jenen schmuddeligen, unter Schnappatmung leidenden Herrentaschenträger, der es laut fiktiver Biographie bis zum stellvertretenden Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts geschafft hat, im realsatirischen Leben aber bis auf den Stuhl von Günter Jauch und bis zum Deutschen Comedypreis. Jetzt will der Mann mit der fiesen Perücke in die Politik gehen. Und am 27. September Angela Merkel ablösen.

Filmplot im realen Leben fortgeführt

Nein, natürlich nicht wirklich. Am 20. August kommt nur der Film „Horst Schlämmer – Isch kandidiere“ ins Kino, und der will medienwirksam beworben sein. Also spielt man den Filmplot im realen Leben fort. Horst Schlämmer tritt persönlich im Ritz auf. Von Kerkeling keine Spur. Der soll im Film auch Ulla Schmidt, Ronald Pofalla und Angela Merkel spielen. Das würde man auch gerne sehen. Aber das kann man nicht. Der Film ist noch nicht fertig. Dennoch lädt man die geballte Presse ein. Und die spielt ungeniert mit.

Is dat witzisch?, möchte man die rheinische Rohnatur fragen. Die Politikverdrossenheit im Lande ist auf einem traurigem Hochstand. Führen Spaßaktionen wie diese, in denen der Wahlkampf als verlängerter Karneval missbraucht wird, nicht dazu, dass man die Demokratie – von Schlämmer augenzwinkernd „Demografie“ genannt – gar nicht mehr ernst nehmen kann? Die hehren Journalisten dieses Landes jedenfalls, von „Spiegel“ über „Bunte“ bis zu diversen ARD-Anstalten, überbieten sich an Fragen, die dem Pseudo-Politiker die Stichwörter zu seinen wohlkalkulierten Pointen liefern.

Schlämmers willige Gehilfen, kein Zweifel, setzen auf einen neuen Trend. In einer zunehmend virtuellen Welt werden Kunstfiguren immer mehr für bare Münze genommen. Den Anfang machte der Brite Sasha Baron Cohen mit seinem „Borat“ und gerade aktuell mit „Brüno“. In Deutschland zog Christian Ulmen nach, der auf „ulmen.tv“ als Uwe Wöllner auftritt. Und Schlämmer ist auch längst dabei, seinem Erfinder Kerkeling den Rang abzulaufen. Brüno, Wöllner, Schlämmer – sie bilden eine klare Linie, immer mit Umlaut.

Schlämmer hat sich unter Politiker gemischt

Auch Schlämmer hat sich für seinen Film, wie Brüno, unter das Volk gemischt. Und sogar unter die Politiker. Und Größen wie Claudia Roth oder Cem Özdemir agierten vor der Kamera begeistert mit. Wie Cohen bleibt aber auch Kerkeling zunehmend im Hintergrund und lässt seine Kunstfigur an seiner Statt die Promotion erledigen.

Manche Medien bieten sich als Promo-Plattform geradezu an. „Der Spiegel“ druckte jüngst ein Schlämmer-Interview, Brüno durfte sich unter anderem im „SZ-Magazin“ austoben. Danach aber stöhnte die „Süddeutsche“: „Warum lässt eine Zeitung sich darauf ein, eine Seite lang mit dem fiktiven Uwe Wöllner zu reden?“

Vielleicht, weil im Wechselspiel der Medien diese dann selbst Teil der Inszenierung werden. Das zumindest ist die augenzwinkernde Erklärung Schlämmers/Kerkelings, warum es schon eine Pressekonferenz, aber noch keinen Film gibt: „Uns fehlen noch sieben Minuten. Die quälen wir mit euch rein.“ Gut möglich also, dass die Pressekonferenz am 20. August, wenn „Isch kandidiere“ in die Kinos kommt, tatsächlich ein Bestandteil des Films ist – und die Presse dann die Statisterie bildet. Auch wenn sie damit ein Stück Glaubwürdigkeit verlieren könnte.

Sonneborn sabotiert Schlämmer

Kerkeling und sein Regisseur (und Lebensgefährte) Angelo Colagrossi hätten dann noch brandaktuelle Last-Minute-Szenen. Und doch sehen sie mit ihrer Realsatire jetzt schon alt aus. Denn ein anderer Spaßpolitiker hat sie an Frechheit rechts überholt. Der Ex-„Titanic“-Chef Martin Sonneborn hat tatsächlich eine Spaßpartei, Die Partei, gegründet. Und nutzte die fingierte HSP-Pressekonfernz keck für seine eigenen Zwecke. Mit seiner Spitzenkandidatin eroberte er das Podium und begann, für die Partei zu werben. Der Ton wurde ihnen schnell abgedreht, doch es dauerte, bis die Bodyguards sie aus dem Saal warfen.

Bei Ideen-Klau versteht auch ein Komiker wie Kerkeling keinen Spaß. Sonneborn indes hat einen Satire-Akt gleichfalls satirisch sabotiert. Er hat übrigens auch einen Film über seine Partei gedreht, dessen Plakat er vor dem Ritz Carlton aufstellen ließ. „Die Partei“ kommt bereits am 13. August ins Kino, eine Woche vor Schlämmer.