Mordprozess

15-Jähriger schildert Tod von Dominik Brunner

War es eine geplante Attacke? Im Münchner Prozess um den zu Tode geprügelten Dominik Brunner hat der erste Zeuge ausgesagt. Er war einer der Schüler, die der Manager beschützen wollte.

Foto: dpa

Der 15-jährige Richard M. ist groß und schlaksig, größer als die beiden Angeklagten. Er antwortet klar und deutlich. Zum Bowlen habe man fahren wollen an jenem Samstagnachmittag, er und seine drei Freunde, zwei Mädchen und ein Junge. An der Haltestelle Donnersbergerbrücke mussten die vier in die S7 umsteigen. Auf dem Bahnsteig seien sie plötzlich von hinten sehr aggressiv angesprochen worden.

Als sie sich umdrehten, standen die drei Jugendlichen vor ihnen. Einer von ihnen, der bereits verurteilte Christoph T., habe Geld von ihnen verlangt. Man brauche es für Drogen, so seine Begründung. Als Richard M. nicht reagierte, erhielt er einen Schlag in den Rücken. Er habe kein Geld, sagte er und versuchte, auf die Jugendlichen einzureden. Die wandten sich daraufhin seinem Freund Marcel L. zu. „Was schaust du so?“, habe der Anführer diesen angeherrscht und am Hals gepackt. Eine Frau habe sich daraufhin eingemischt. Doch Christoph T. ließ erst von den Schülern ab, als seine S-Bahn in Richtung Tutzing kam. Im Weggehen habe er seine Freunde aufgefordert, die Schüler zu verfolgen, erinnert sich Richard M.

Am zweiten Prozesstag um den Mord an dem Münchener Manager Dominik Brunner ist erstmals einer der Schüler zu Wort gekommen, die von den Angeklagten angepöbelt wurden. Es waren Schüler wie Richard M., vor die sich Dominik Brunner schützend stellte, bevor er mit 44 Tritten, Schlägen und Stößen zu Tode geprügelt wurde. Er schilderte den Vorgang so: Die vier Schüler stiegen in die S-Bahn in Richtung Solln ein. Die beiden Angeklagten kamen ihnen nach und setzen sich auf den Viererplatz gegenüber. Ob Dominik Brunner dort bereits gesessen habe oder erst später dorthin gekommen sei, könne er nicht mehr sagen, sagt der Zeuge. Die Angeklagten hätten vernehmbar zu Tuscheln begonnen: Wann schlagen wir sie? Wann rauben wir sie aus? Da habe sich der Herr Brunner eingemischt und die Angeklagten aufgefordert, aufzuhören. Doch die hätten ihn nur verhöhnt.

An vieles kann sich Richard M. nicht mehr erinnern. Auch nicht mehr daran, was er und seine Freunde untereinander genau besprachen, als sie in der S-Bahn saßen. Nur daran, dass Dominik Brunner dann irgendwann aufstand und mit lauter Stimme die Polizei anrief. „Erleichtert“ seien er und seine Freunde gewesen, dass Brunner ihnen zu Hilfe kam. Sein Angebot, mit ihm am S-Bahnhof Solln auszusteigen und dort auf die Polizei zu warten, nahmen sie deshalb gern an. Doch die Angeklagten folgten ihnen. „Es war offensichtlich, dass jetzt irgendetwas passiert“, sagt Richard M. Die Angeklagten hätten eine „bedrohliche“ Haltung eingenommen. Deshalb habe Brunner auf dem Bahnsteig seine Jacke und die Tasche abgelegt. „Um vorbereitet zu sein“, wie Richard M. sagt. Dann habe er sich vor die Schüler gestellt und den Angeklagten Markus Sch. geschlagen, um einen Angriff abzuwehren. Markus Sch. sei daraufhin „richtig ausgerastet“, habe wahllos auf Brunner eingeschlagen. Auch Sebastian L. habe mitgeschlagen. Als Brunner den Schlägen standhielt, hätten sich die Angeklagten kurz zurückgezogen und sich beraten. Danach hätten sie mit erkennbar neuer Taktik („einer von vorne, einer von der Seite“) Brunner erneut angegriffen. Einer der Angeklagten habe dabei auch einen Schlüssel in der Hand gehabt. Brunner sei in die Ecke beim Wartehäuschen gedrängt worden, gestolpert, mit dem Kopf aufs Geländer gefallen und zu Boden gegangen. Markus Sch. habe ungehemmt weitergetreten und Brunner angeschrien. Dieser habe auf dem Rücken gelegen und habe die Arme vor Brust und Gesicht gehalten. Sebastian L. habe irgendwann aufgehört und versucht, seinen Kumpel am Arm wegzuziehen. Dann seien die Angeklagten plötzlich weg gewesen. Dass die beiden sich im Gebüsch neben dem Bahnsteig in der Nähe versteckten, bekam der Schüler nicht mehr mit.

Fünf Notrufe von Tatzeugen vom Bahnhof Solln hat die Polizei aufgezeichnet. Direkt einzugreifen traute sich offenbar keiner. Außer ihnen hätten fünf Leute auf dem Bahnsteig gestanden, erinnert sich Richard M. Er habe sie angeschrien, sie sollten etwas tun: „Keiner hat geholfen.“ Nur vom gegenüberliegenden Bahnsteig hätten Kinder gerufen: „Hört auf“. Als dort eine S-Bahn kam, seien diese aber eingestiegen und weggefahren.

Noch einmal versuchte Dominik Brunner aufzustehen, zog sich am Geländer hoch. Richard M. hörte ihn noch murmeln: „Das war hart“, dann brach Brunner wieder zusammen. Ganz blau sei der Mann im Gesicht gewesen, geblutet habe er auch.

Mit seinem Bericht widersprach Richard M. am Mittwoch der Aussage der beiden Angeklagten. Diese hatten am Vortag behauptet, sie hätten am S-Bahnhof Solln nur den Bahnsteig wechseln wollen. Erst der „überraschende“ Schlag von Brunner habe sie dazu bewegt, diesen zu zurückzuschlagen. Die Angeklagten verfolgten die Aussage des Schülers mit scheinbar unbeteiligter Miene. Der Prozess wird fortgesetzt.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.