Kloster Ettal

"Brutal misshandelt, sadistisch gequält, sexuell missbraucht"

183 Seiten, so lang ist es geworden, das wohl traurigste Kapitel in der Geschichte der Benediktinerabtei Ettal: Der Ermittlungsbericht zu den sexuellen Missbräuchen im Internat. „Alle Berichte sind wasserdicht", sagt Anwalt Thomas Pfister. Ehemalige Schüler sprechen dagegen von Stimmungsmache.

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Gestern Nachmittag erhielten Pater Emmeram Walter und der Generalvikar des Erzbistums München und Freising, Prälat Peter Beer, den Abschlussbericht des Anwalts Thomas Pfister – zehn Seiten Bericht, 173 Seiten Opferschilderungen.

"Meine Ermittlungen ergaben eindeutig, dass in dem Kloster Ettal über Jahrzehnte hinweg bis ca. 1990 Kinder und Heranwachsende brutal misshandelt, sadistisch gequält und auch sexuell missbraucht wurden", sagte Pfister.

15 Patres haben offenbar über Jahrzehnte mehr als 100 Internatsschüler missbraucht. Die meisten Taten sind verjährt. Gegen drei Klosterbrüder ermittelt die Staatsanwaltschaft München. Ob der Bericht veröffentlicht wird, ist noch nicht klar. Zunächst solle er von den Verantwortlichen gelesen werden.

"Ich erwarte nichts Gutes", sagt Ulrike Schramek und meint damit nicht nur die Geschichten der Opfer, sondern die Arbeit des Sonderermittlers. Schramek wurde als eine von zwei ehemaligen Ettaler Schülern vom Kloster gebeten, eine Mittlerfunktion zwischen Geschädigten und Abtei einzunehmen.

Schramek ist Abiturientin des Jahrgangs 1984 und mit einem Altettaler verheiratet. Während ihrer Schulzeit sollen sich viele der von Pfister dokumentierten Fälle ereignet haben. "Thomas Pfister ist es egal, ob das, was er der Öffentlichkeit mitteilt, wahr ist oder nicht", kritisiert Schramek den Anwalt.

Am Wochenende hatte Pfister geschildert, wie Kinder von einem Pater gezwungen wurden, lebende Molche zu essen. "Das ist erlogen", ist Schramek überzeugt. Es handle sich allenfalls um eine Schülermutprobe. "Es gibt sehr viele Trittbrettfahrer. Das ist Stimmungsmache. Wer von Molchen und gleichzeitig von sexuellem Missbrauch spricht, entwürdigt die Opfer der schlimmen Taten."

Schrameks Kritik teilen viele Altettaler. Sie hatten die Anwaltskammer in München aufgefordert, Pfister zu neutraler und sachlicher Arbeit zu verpflichten.

"Alle Berichte sind wasserdicht", sagte Thomas Pfister der Morgenpost Online. Die Altettaler sollten sich schämen, ihren Kameraden in den Rücken zu fallen. "Der Mann, der von den Molchen erzählte, hat seine Geschichte vor der bayerischen Justizministerin wiederholt." Es gebe keine anonymen Trittbrettfahrer. Die Berichte sollten veröffentlicht werden.

Offenheit lautet für die Kirche das Gebot der Stunde. Als Zeichen "absoluter Transparenz" will der Vatikan die gestrige Veröffentlichung der schon 2003 durch die Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger verfassten Richtlinien zum Umgang mit Kindesmissbrauch durch Priester verstanden wissen. Demnach muss jeder Fall den Behörden eines Landes gemeldet werden.

In vielen Berichten der vergangenen Monate hatte es immer wieder geheißen, dass es dazu eben keine Verpflichtung gebe. Bei schweren Fällen von Pädophilie kann ein Priester vom Papst ohne kirchenrechtlichen Prozess in den Laienstand versetzt werden.

Derzeit fackelt die Kirche nicht lange. Aus Regensburg und Hamburg wurde gestern gemeldet, dass zwei Priester wegen des Verdachts des sexuellen Übergriffs auf Minderjährige suspendiert und in letzterem Fall in den Ruhestand versetzt wurden.

Ein wenig entlastet darf sich dagegen ein prominenter Beschuldigter fühlen: Augsburgs Bischof Walter Mixa. Ein ehemaliges Heimkind in Schrobenhausen schreibt in einem offenen Brief, von Mixa während dessen Zeit als Stadtpfarrer nicht geprügelt worden zu sein.

Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" geben allerdings neun Personen an, durch Mixa im Schrobenhausener Kinderheim Schläge bekommen zu haben. Der Bischof bestreitet dies.

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