Tödliches Hobby

Warum Sportler für den Kick ihr Leben riskieren

Der Trend geht zum Extremen: Ob beim Apnoe-Tauchen oder beim Wüsten-Radrennen – Sportler suchen sich immer verrücktere Herausforderungen. Die Gefahrlosigkeit der westlichen Welt treibt die Menschen wohl dazu. Und das, obwohl einige Hobbys tödlich enden können – wie jetzt wieder im Himalaya.

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Die natürlichen Reflexe funktionieren noch. Das ist wichtig. Man könnte Anna Bader, 25, sonst für lebensmüde halten. Für ihren Sport pflegt die zierliche junge Frau mit der tiefen Stimme im Badeanzug auf einen Fleck zu kraxeln, von dem man aus etwa 20 Metern Höhe auf die Wasseroberfläche blickt.

Das kann der Quermast eines großen Schiffes sein, eine Klippe in Polignano/Italien oder, wie am übernächsten Wochenende, ein Felsen hoch oben über dem Fluss Maggia in der Schweiz. Mit einer verwegenen Vorführung möchte Frau Bader da ein drittes Mal Europameisterin werden: im Klippenspringen.

Zu ihrem Auftritt geht sie dabei zunächst graziös in den Handstand, bleibt kerzengerade in der Luft, bevor sie sich abdrückt und senkrecht nach unten stürzt, um gut zwei Sekunden und eineinhalb Salti später mit den Füßen voran ins Wasser einzutauchen – wenn alles nach Plan läuft. Wenn nicht, kracht sie seitlich oder längs mit dem Rücken aufs Nass, das aus der Höhe aber nicht nachzugeben scheint und wie Beton wirkt. Dann bleibt die Luft weg, die Knochen können brechen, schwere Prellungen auftreten.

Bei einer Show in China ist Bader das mal passiert. Ihren inneren Schweinehund spürt sie seither trotzdem nicht stärker: „Kurz vor dem Sprung mag man eigentlich gar nicht mehr, dann fragt man sich: Warum mach' ich das“, sagt sie, „aber wenn man sich in der Luft befindet, wenn man das Adrenalin spürt, ist das Fluggefühl super – und wenn das Eintauchen klappt, ist die Euphorie unermesslich.“

Bader zählt zu den Frontleuten jener wachsenden Meute Menschen, die Jahrzehnte der Sicherheit, des Friedens und der Information in den Wohlstandsgesellschaften gerade hervorbringen: Menschen, die in der Ära der Reizüberflutung und Tabubrüche immer neue Schikanen ersinnen, um die Grenzen und die Leidensfähigkeit des eigenen Körpers herauszufinden. „Die scheinbare Gefahrlosigkeit der westlichen Welt treibt Menschen dazu, sich bewusst Gefahren auszusetzen“, sagt Rolf Speier, Direktor der Psychiatrieklinik in Haina, „sie wollen den Kick, den Thrill erleben.“

Dafür laufen sie Marathon in Treppenhäusern, springen mit kleinen Fallschirmen ohne Sicherungsvorkehrung, schieben Autos über Ferndistanzen, tauchen ohne Atemgeräte in immer größere Tiefen oder überqueren um die Wette die Alpen mit einem Mix aus Fußmarsch und Gleitschirmflug. Das Risiko erzeugt gerade den Reiz: Extrembergsteiger kennen alle die abschreckenden Geschichten in der Felswand verstorbener Kollegen.

Taucher, die Tiefenrekorde im Meer ohne Atmung aufstellen, was nach dem Griechischen Apnoe genannt wird, kennen nicht nur den Kultfilm „Im Rausch der Tiefe“, sondern auch die tragischen Todesfälle verstorbener Konkurrenten wie des Franzosen Loic Leferme. Ganz Deutschland kennt den verheerenden Ausgang des Zugspitzlaufes, bei dem zwei Hobbyathleten nach einem Wintereinbruch im vorigen Sommer an Erschöpfung und Ermüdung verstarben. „Die Leute, die extremen Sport betreiben, schließen eine Wette mit sich ab“, sagt der Philosoph Gunter Gebauer, „sie suchen aber gerade nicht die Todeserfahrung, weil sie überzeugt sind, die Wette zu gewinnen und lebend herauszukommen.“

Er betrachtet die Nervenkitzelsüchtigen „voller Entsetzen“. Die Menschen, fürchtet Gebauer, „haben kein starkes Bild von sich und der Wirklichkeit und versuchen, beides durch extreme Realitätserfahrungen zu bekommen“.

Unter den besten Grenzerfahrungsjunkies finden sich Athleten, die im herkömmlichen Spitzensport den Aufstieg nach ganz oben nicht gemeistert haben: Die Klippenspringerin Bader mühte sich zunächst, ihrer Mutter Angelika Kern nachzueifern, die als Kunstturnerin an den Olympischen Spielen 1968 und 1972 teilgenommen hatte. Danach schaffte die Mainzerin es zwei Jahre lang in den B-Kader der deutschen Turmspringer. Der Heilbronner Extremsportler Joachim Stoltenfeldt stellte zwar zum Wohle von Unicef Rekorde im Marathon-Treppensteigen auf oder fuhr in 61 Stunden 1100 Kilometer Fahrrad von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen, aber als er als Jugendlicher Tennisprofi hätte werden können, „war ich ein fauler Sack“, sagt er, „da habe ich nicht den Zug gehabt“.

Die Industrie spendiert Werbemillionen, um zu Schnäppchenpreisen den Wagemut der Sportler als Produkteffekt zu verkaufen. Getränkehersteller Red Bull preist sich nicht nur als Machtfaktor der Formel 1, sondern auch als Initiator von Extremsportspektakeln und Sponsor von Hunderten ihrer Athleten. Deren Risikobereitschaft verkauft das Unternehmen in kleinen Dosen: Grenzerfahrungsgarantie in flüssig, trink und flieg und sieg.

Kommenden Samstag trommelt der Konzern 30 Gleitschirmflieger in Salzburg zum „XAlps“-Wettrennen nach Monaco zusammen: 818 Kilometer abwechselnd klettern und schweben in 20 Tagen. „Dabei geht man an oder über seine körperliche Grenzen hinweg und hat speziell mit Schlafmangel zu kämpfen“, schwärmt der Teilnehmer Michael Gebert, 28, aus Oberstdorf.

Der bestleistungssüchtige Joachim Stoltenfeldt, 36, aus Heilbronn stellt Mittwoch in Schwäbisch Hall sein neuestes Projekt vor. Der Sporttherapeut, der Bundesligateams im Hockey oder den Daviscupspieler Michael Berrer fit getrimmt hat, hält den aktuellen Weltrekord darin, die Marathondistanz von 42 Kilometern über Treppenstufen bewältigt zu haben: 16 Stunden, 16 Minuten steigen. Er weiß auch, wie es ist zu scheitern: In Lübeck wollte er einen VW Polo die Marathondistanz schieben, hat aber bei sechs Grad, Hagel und Regen das 1200-Kilo-Auto nach zwölf Kilometern auf der überfluteten Tartanbahn nicht mehr vorangekriegt.

Wie alle genießt er, wenn das Gehirn endlich Extra-Endorphine ausschüttet: Beim Fahrrad-Marathon nach Garmisch „war nach zwei Tagen der Po komplett aufgescheuert“, sagt Stoltenfeldt, „ab Augsburg bin ich nur in Trance gefahren, von Oberammergau bin ich mit 80 Stundenkilometern in der Dunkelheit bergab dem Wohnmobil hinterher, obwohl das im Nachhinein Harakiri war, aber das Adrenalin sorgt dafür, dass man sich keine Gedanken macht, dass man nichts mehr spürt, sodass auch der Schmerz weg ist.“

Dem alleinerziehenden Vater einer siebenjährigen Tochter finanziert der Wettanbieter „PartyBets.net“ den neuesten Spleen mit 1500 Euro monatlich. „Um zu beweisen, dass sportliche Höchstleistungen auch ohne Doping möglich sind“, hat Stoltenfeldt eine Komplettumstellung seines Körpers in Angriff genommen: von Ausdauer auf Schnellkraft, denn binnen eines Jahres will er den Deutschen Rekord über 50 Meter Freistilschwimmen brechen. Im vergangenen Dreivierteljahr hat er zehn Kilogramm mehr Muskelmasse im Oberkörper aufgebaut. „Ich hab' die Motivation, das Ding zu packen“, sagt Stoltenfeldt, „danach höre ich auf mit den Rekorden, dann habe ich meinem Körper genug abverlangt.“

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen