Prozessauftakt

Prinz Ernst August und der Ohrfeigenskandal

Ernst August Prinz von Hannover wird am Landgericht Hildesheim zur Neuauflage seines Prozesses wegen Körperverletzung erwartet. Der Adlige hatte für eine Wiederaufnahme des Strafverfahrens gekämpft: Er hofft, dass neue Zeugenaussagen ihn entlasten.

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Die Meinung des Philosophen ließ an Deutlichkeit keine Wünsche offen. „Narretei“ sei noch das Netteste, was man über adlige Ehrvorstellungen sagen könne, beschied Arthur Schopenhauer Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein System, das verbale Beleidigungen mit körperlicher Gewalt vergelte – und nach einem Backenstreich die Möglichkeit eines Duells auf Leben und Tod bereithalte. Finsterstes Mittelalter, in halbwegs aufgeklärten Zeiten durch nichts mehr zu rechtfertigen.

Die Frage, inwieweit sich die Zeiten seit dem Mittelalter geändert haben, wird ab morgen vor dem Hildesheimer Landgericht nicht verhandelt. Sehr wohl aber geht es bei der Wiederaufnahme des Prozesses gegen Ernst August von Hannover wegen schwerer Körperverletzung neben der Summe von 445.000 Euro Schmerzensgeld um die Ehre des Prinzen. Denn die entscheidende Frage lautet, ob eine angebliche Prügelorgie des Prinzen sich nicht als ein einfaches Handgemenge herausstellt. Ob die Rufschädigung, die Ernst August der europäischen Hocharistokratie als vorbestrafter Schläger zufügte, nicht auf überzogenen Behauptungen fußt.

Die Version des Vorfalls, die als Grundlage für das Urteil des Landgerichts Hannover diente, sieht so aus: Anfang des Jahres 2000 machte Ernst August mit seiner Gattin, Caroline von Monaco, Urlaub auf der kenianischen Insel Manu. Am 14. Januar nahm der Prinz an der Bar des Hotels „Peponi“ Platz. Schnell kam die Rede auf den Deutschen Josef Brunlehner, der auf der Nebeninsel Manda Island eine Diskothek betrieb, deren Lautstärke dem Prinzen bereits zuvor häufiger Anlass zu Klage gegeben hatte.

Nun kam „Mombasa Joe“ – so der Spitzname Brunlehners in Kenia – am gleichen Abend in die Bar. In der Urteilsbegründung ist davon die Rede, dass Ernst August mit etwa zehn Einheimischen auf Brunlehner zustürmte, einen Kenianer anwies, den Discobesitzer festzuhalten, und diesem dann mit der Hand so brutal gegen den Oberkörper schlug, dass Brunlehner „lebensbedrohliche Verletzungen“ erlitt. Das Gericht fuhr fort: „In oder an seiner Hand hatte der Angeklagte dabei eine Art Schlagring, den er gezielt für diese Schläge nutzte.“ Brunlehner habe „Blut erbrochen“.

"Du deutsches Schwein"

Der Discobesitzer indes habe nicht zurückgeschlagen. Ernst August soll seine unverzügliche Flucht noch mit den Worten garniert haben: „Du deutsches Schwein. Du schwules Schwein. Du Zuhälter. Ich hetze eine Mafiabande auf dich, die dich in Stücke schneidet.“

Brunlehners Leiden nach der Attacke fanden schnell den Weg in die Medien. Fernsehbilder zeigten den Geschäftsmann, wie er im Krankenhaus im künstlichen Koma liegt. Doch vor allem die Glaubwürdigkeit dieser Bilder wird nun erschüttert. Der „Spiegel“ stützte sich diese Woche auf die Tatsache, dass Brunlehner mit einem angewinkelten und aufgestellten Bein im Krankenbett lag, was aus medizinischer Sicht für einen Patienten im Koma eine schier unmögliche Leistung hätte sein müssen.

Das Magazin zitiert Zeugen, die darauf hinweisen, dass das Opfer seine schweren Verletzungen nur vortäuschte. Zwei kenianische Ärzte geben zu Protokoll, dass die künstliche Beatmung Brunlehners nicht echt gewesen sei. Tatsächlich soll der Schlauch einer verwendeten Atemmaske nirgendwo angeschlossen gewesen, sondern unter der Matratze des Krankenbettes versteckt worden sein.

Zwei weitere Zeugen wollen beobachtet haben, dass sich Brunlehner unmittelbar nach dem Unfall ganz normal bewegt habe. So sei er nach dem Angriff mit seinem Boot noch selbst zu seinem Hotel gefahren. Brunlehner soll erst am nächsten Tag ein Krankenhaus in Mombasa aufgesucht haben. Ein Arzt, der ihn auf dem Flug nach Mombasa begleitet hatte, berichtet von der Untersuchung: „Blutdruck, Puls, Temperatur, alles normal.“ Es habe auch keine Ohnmacht und kein künstliches Koma gegeben.

Ernst August selbst hatte vor dem Landgericht in Hannover lediglich angegeben, zwei Ohrfeigen ausgeteilt zu haben. Eine Version, die auch seine Frau zu Protokoll gab. Sein damaliger Verteidiger Jochen Heidemeier allerdings hatte während des Prozesses im Jahr 2004 mit einer Erklärung für Aufsehen gesorgt, die er ohne die Einwilligung seines Mandanten unterschrieben hatte. Darin hieß es, Ernst August habe am fraglichen Abend „erhebliche Mengen Alkohol“ zu sich genommen: Josef Brunlehner fiel, nachdem ihm Ernst August zwei Ohrfeigen verpasst hatte, in eine Grube hinter einer Mauer. Was dann geschah, habe der Prinz nicht mehr gesehen. Ernst August habe Freunde bei sich gehabt, die Brunlehner traktiert haben könnten. „Ernst August kann nicht ausschließen, dass er einen Gegenstand verwendet hat.“

Das Geständnis wirkte sich strafmildernd aus – der Schlagring und der Umstand, dass Ernst August gemeinsam mit anderen zur Tat geschritten sein soll, allerdings waren auch die Voraussetzung, dass der Prinz wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurde. Ohne diesen Punkt würde nur eine Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung in Betracht kommen.

Hans Wolfgang Euler, der neue Rechtsvertreter des Prinzen, sagte nun der „Welt am Sonntag“, er sei sicher, die Justiz sei einem „Schauspiel“ Brunlehners aufgesessen. Der Prinz, der morgen nach Hildesheim kommen wolle, sei deshalb zuversichtlich, jetzt beweisen zu können, dass er von Anfang an die Wahrheit gesagt habe. Dann wäre wenigstens ein Teil seiner Ehre simpel durch die Anwendung des Strafrechts, das für alle gilt, wieder hergestellt.

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