Missbrauchsprozess

Türkische Medien nennen Marcos Buch "hässlich"

Monatelang saß der Teenager Marco Weiss im türkischer Untersuchungshaft, weil er im Urlaub eine 13-Jährige missbraucht haben soll. Sein Buch über die Zeit im Gefängnis ist seit heute im Handel. Die türkischen Medien kritisieren das Werk. Und auch der zweite Anwalt Marcos legt deshalb sein Mandat nieder.

Foto: ddp / DDP

Mit Kritik und Verwunderung haben türkische Medien auf das Buch des in der Türkei angeklagten deutschen Teenagers Marco Weiss reagiert. Weiss habe ein „hässliches Buch“ verfasst, kommentierte die Zeitung „Yeni Safak“. Das Blatt verwies auf die Vorankündigung des Buches, in der von Folter und Drogen im türkischen Gefängnis die Rede war, und verglich es mit dem Film „Midnight Express“. Der Film über die erschreckenden Erlebnisse eines US-Bürgers in türkischer Haft hatte lange Zeit das schlechte Image der Türkei im Westen mitgeprägt.

Die Staatsanwaltschaft im südtürkischen Antalya wirft Marco W. vor, sich während eines Urlaubs im vergangenen Jahr an einem damals 13-jährigen Mädchen aus Großbritannien vergangen zu haben. Der heute 18-jährige Teenager aus Uelzen, der nach acht Monaten Untersuchungshaft in Antalya kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres nach Hause zurückkehrte, weist die Vorwürfe zurück.

Seine Entscheidung, noch vor dem im kommenden Jahr erwarteten Urteil in seinem Prozess ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben, hatte in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt.

Marco Weiss begründete seinen Gang an die Öffentlichkeit unter anderem mit der Leukämie-Erkrankung seines Vaters, für die er um Registrierung von Knochenmark-Spendern bat. Das Buch kam am Freitag auf den deutschen Markt.

In 22 Kapiteln schildert der Sohn eines Juristen und einer Bewährungshelferin darin zunächst, wie unbeschwert er in der Kleinstadt Uelzen aufwuchs. Er freute sich auf den Urlaub an der türkischen Rivera – auf ein Land, in dem die Familie schon neun Mal zuvor die Ferien verbracht hatte.

„Schöne Tage im April waren das. Endlich lange schlafen, stundenlang Volleyball am Strand spielen, (...) ein bisschen flirten, sonst nichts“, erinnert sich Marco. Seine Unbeschwertheit endet, als er das britische Mädchen kennenlernt, das er im Buch Carolina nennt: „Ein Mädchen, das mich eigentlich gar nicht interessierte, von der ich wirklich nichts wollte.“

Detailliert beschreibt Marco schließlich „die Nacht“ in Zimmer 5350 der Bungalowanlage: „Sie schob ihre Hand erst unter meinen Pulli, ließ ihre Finger dann langsam nach unten wandern. Für mich war das überraschend, ich fühlte mich beinahe überrumpelt. So wollte ich das nicht, jedenfalls nicht so schnell.“ Davonlaufen wollte er aber auch nicht, weil es ihm „feige“ erschien. So knöpfte Carolina seine Jeans auf. „Doch, noch ehe es richtig angefangen hatte, war bei mir schon alles vorbei“, gesteht Marco.

Der Vorfall veränderte sein Leben und sorgte für Schlagzeilen. Während sich Politiker und Bürger hierzulande für den Schüler engagierten, machte dieser schreckliche Erfahrungen im Gefängnis – acht Monate, in denen er „nur noch ums Überleben kämpfte“. Folglich räumt der 18-Jährige dieser Leidenszeit den weitaus größeren Teil des Buches ein, als der Begegnung mit der Britin. Unmenschliche 247 Tage habe er in der überfüllten Zelle psychisch wie physisch gelitten, gehofft und gebangt, in einem Brief an Carolina um seine Freiheit gebettelt.

„Eingepfercht zwischen Mördern und Straßenräubern. (...) Eine Toilette ohne Spülung für 36 Mann. Und gleich neben mir spritzten sie sich Heroin oder berauschten sich am heimlich selbstgebrannten Schnaps.“ Seine Zigaretten und andere Habseligkeiten musste Marco mit den Bandenchefs in der Zelle teilen. „Weigerte sich einer, konnte ich erleben, wie sie ihn drangsalierten und blutig schlugen.“ Einzig die Liebe seiner Eltern, denen er das Buch widmet, habe ihn vor dem Selbstmord bewahrt. Vielleicht könne er irgendwann vergeben, aber niemals könne er diesen Alptraum ganz vergessen, betont der 18-Jährige, der seine prägenden Erlebnisse zwischen Naivität und dem Bewusstsein seiner wachsenden Bekanntheit Revue passieren lässt.

Inzwischen absolviert Marco Weiss ein Praktikum bei einem Elektronikmarkt und plant eine Ausbildung oder ein Fachhochschulstudium in einem technischen Bereich. Seine Freunde hätten ihn in ein normales Leben zurückgeführt, auch habe er eine Freundin. „Sie haben mir gezeigt, dass ich auch wieder ein junger Mann sein darf, der sich das wünscht, was für alle der größte Wunsch ist: Sich verlieben, ein Mädchen an die Hand nehmen, küssen und von einer Zukunft träumen.“

Die Zeitung „Yeni Safak“ nutzte ihre Berichterstattung über das Buch auch für Kritik am türkischen Medienkonzern Dogan. Das regierungsnahe Blatt wies darauf hin, dass die „Bild“-Zeitung die Aufzeichnungen von Marco Weiss als Serie veröffentlicht, der Springer-Verlag aber eng mit dem türkischen Medienzaren Aydin Dogan zusammenarbeit, der unter anderem die Zeitung „Hürriyet“ verlegt. Dogan und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatten sich in den vergangenen Monaten einen öffentlichen Streit geliefert.

Auch der zum Dogan-Konzern gehörende Fernsehsender CNN-Türk wunderte sich über das Buch von Marco Weiss. Über dessen Berichte über Folter in türkischen Gefängnissen werde wohl noch viel gesprochen werden, meinte der Sender auf seiner Internetseite.

Unterdessen hat der angeklagte Marco Weiss auch seinen zweiten Rechtsbeistand verloren. Anwalt Michael Nagel teilte in Hannover mit, dass er sein Mandat niedergelegt habe. Als Grund nannte er die gesteigerte Medienpräsenz seines Mandanten, von der er vor Abschluss des Strafverfahrens ihm in der Vergangenheit dringend abgeraten habe. Nagel sagte, sein Mandant sei „nach einer offensichtlich unverantwortlichen Beratung von Seiten Dritter“ vertraglich in einer Weise gebunden worden, die es ihm unmöglich gemacht habe, sich von Interviews und anderen Auftritten in den Medien fernzuhalten. Näher beschrieb der Anwalt die vertraglichen Verpflichtungen nicht. Er werde überdies keine weiteren Stellungnahmen mehr abgeben.

Bereits am Tag zuvor hatte Matthias Waldraff, Marco Weiss' anderer deutscher Anwalt, aus ähnlichen Gründen sein Mandat niedergelegt. Der 18-Jährige hat ein Buch veröffentlicht, in dem er seine Erlebnisse während seiner Zeit in türkischer Untersuchungshaft schildert. Das Verfahren gegen ihn in Antalya läuft noch und soll im April fortgesetzt werden.

Marco Weiss wird vorgeworfen, im April 2007 im türkischen Urlaubsort Side eine damals 13-jährige Britin sexuell missbraucht zu haben. Er hat diese Vorwürfe stets bestritten.

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