Liliane Bettencourt

Die L'Oréal-Erbin und ihre unversteuerten Inseln

Die Affäre um die L'Oréal-Erbin schwelt seit Jahren. Jetzt soll Liliane Bettencourt auch noch Steuern hinterzogen haben.

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Nicolas Sarkozy dürfte sich derzeit vorkommen wie ein Feuerwehrmann, den man alleine in einem viel zu großen, sommertrockenen Waldstück abgestellt hat. Immer, wenn er gerade an einer Stelle einige Flammen ausgetreten hat, lodert an einer anderen Ecke die Glut wieder auf.

Seit zwei Wochen hält eine Affäre Frankreich in Atem, die als Erbstreit in einer der reichsten Familien Frankreichs begann – und die inzwischen zu einer Regierungskrise ausgewachsen ist, die Sarkozys wichtigsten Minister bedroht: Eric Woerth, der Arbeitsminister, der Sarkozys heikelstes politisches Projekt durchsetzen soll: die Rentenreform.

Woerth wehrt sich gegen den Verdacht, in seiner Zeit als Finanzminister Steuerhinterziehungen der L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt gedeckt zu haben oder zumindest, der mit einem geschätzten Vermögen von 17 Milliarden Euro reichsten Frau Frankreichs eine Schonbehandlung im Hinblick auf Steuerprüfungen gewährt zu haben.

Beweise dafür gibt es bislang nicht, Woerth hat die Vorwürfe in einem Fernsehinterview vergangene Woche vehement zurückgewiesen, Nicolas Sarkozy hat ihm mehrfach das Vertrauen ausgesprochen, wenngleich mit dem auslegungsbedürftigen Satz „Wenn ich Eric befehle zu gehen, würde das ja bedeuten, dass man ihm etwas vorwerfen könnte.“ Geholfen hat das bislang wenig, fast täglich gibt es neue Enthüllungen, besonders aktiv recherchiert die unabhängige Internetseite Mediapart.

Gerichtsverfahren löste Notlage aus

56 Prozent der Franzosen sind inzwischen überzeugt, die Affäre sei „schwerwiegend“ und die Quote derer, die dem Präsidenten Nicolas Sarkozy vertrauen, ist auf einem Allzeittief von 26 Prozent. Entwickelt hat sich diese Notlage aus einem Gerichtsverfahren, das die Tochter von Liliane Bettencourt, Françoise Bettencourt-Meyers anstrengt.

Die Tochter der 87 Jahre alten, schwerhörigen Milliardärin glaubt, dass diese über Jahre hinweg von dem Fotografen François-Marie Banier ausgenommen worden ist. Banier, ein langjähriger Freund der Familie, hat im Laufe der Jahre von Liliane Bettencourt Kunstwerke, Lebensversicherungspolicen und Geldgeschenke in der atemberaubenden Höhe von insgesamt fast einer Milliarde Euro erhalten. Liliane Bettencourt hat bislang stets behauptet, sie sei aus freiem Willem derart großzügig gewesen. Medizinische Untersuchungen durch einen unabhängigen Gutachter hat sie abgelehnt.

Um nachzuweisen, dass Maman nicht mehr Herrin ihrer Sinne ist, hat sich Françoise Bettencourt-Meyers offenbar mit einem Hausangestellten ihrer Mutter verbündet. Über einen Zeitraum von fast einem Jahr hat der Maître d'Hôtel von Liliane Bettencourt die Gespräche seiner Chefin mit ihren Beratern aufgezeichnet. Große Teile sind inzwischen in der Presse veröffentlicht worden. Das führte dazu, dass der für Donnerstag geplante Beginn des Prozesses gegen Banier verschoben wurde.

Das Magazin „Le Point“ druckte diese Woche gleich eine Extra-Beilage mit den saftigsten Passagen. Selten hat man ein plastischeres Sittengemälde aus der bizarren Welt der Superreichen gesehen. Liliane Bettencourt erscheint darin zwar gelegentlich als ein wenig vergesslich, dement ist sie jedoch offensichtlich nicht. Ihre Berater, insbesondere ihr Hauptvermögensverwalter Patrice de Maistre, erklären ihr geduldig Geschäftsvorgänge und manipulieren sie wenn dann eher sanft – etwa wenn de Maistre sie fragt, ob sie ihm eigentlich immer noch ein Geschenk machen wolle. Er könne ein Boot gebrauchen. Müsse aber auch nicht sein.

"Madame, haben Sie Ihre Insel versteuert?"

Zum Politskandal wurden die Gespräche, weil de Maistre beim Aufräumen in der Buchhaltung noch ein paar Konten in der Schweiz entdeckte. „Wissen Sie, wie viel Geld ich dort habe?“, fragt Madame Bettencourt eher beiläufig interessiert. Na, so irgendwas zwischen 60 und 80 Millionen, antwortet de Maistre und empfiehlt, das Geld „vor Weihnachten“ nach Hongkong, Uruguay oder Singapur zu transferieren, jedenfalls in ein Land, das nicht, wie die Schweiz ab 2010, französischen Behörden gegenüber auskunftspflichtig sei. Nebenbei ging es noch um die Seychelleninsel Arros, die Bettencourt besitzt – und die auch nicht ordentlich deklariert ist. Dass in dieser bizarren Comédie humaine in Hörspielform nun nicht nur ein Steuerhinterziehungsfall, sondern auch eine Staatsaffäre steckt, liegt zum einen an der Ehefrau des Arbeitsministers Eric Woerth, Florence.

Diese arbeitete als Anlageberaterin in der von Patrice de Maistre gesteuerten Vermögensverwaltungsgesellschaft von Liliane Bettencourt namens Clymène. Von Konten in der Schweiz und der Seychellen-Insel will sie indes nichts mitbekommen haben, sie sei nur für Investitionen zuständig gewesen, gab sie an.

Einen möglichen Interessenkonflikt habe sie wohl „unterschätzt“, sagte sie, nachdem sie vergangene Woche ihren Posten niedergelegt hatte. Besonders beliebt war sie bei ihrem Chef nicht. Sie sei anstrengend, erzählt de Maistre auf den Tonbändern, „sehr Madame Minister“. Ihr Mann dagegen, sei „ein Freund“ und „sehr sympathisch“. Genau diese Freundschaft könnte Woerth nun zum Verhängnis werden. Hat er in seiner Funktion als Finanzminister Steuerprüfungen von Liliane Bettencourt verhindert?

Ein Vermögensverwalter aus der Ehrenlegion

Zumindest stand er regelmäßig in Kontakt mit de Maistre und traf offenbar auch mit Liliane Bettencourt zusammen, um verschiedentlich Schecks in Empfang zu nehmen. Woerth ist im Nebenberuf nicht nur Bürgermeister des Nobelortes Chantilly, sondern auch noch Schatzmeister der Regierungspartei UMP und sammelte in dieser Funktion Spenden ein. Mal für seinen eigenen Wahlkampf, mal für andere UMP-Kandidaten, mal für die Partei. Nach allem, was bislang bekannt ist, bewegten sich diese Spenden jedoch im Rahmen der legal erlaubten Maxmalhöhe von 7500 Euro.

Die guten Beziehungen zum Hause Bettencourt pflegte Woerth auch, indem er den Vermögensverwalter de Maistre in die Ehrenlegion aufnahm. 2008 erhielt Liliane Bettencourt zudem eine Steuerrückzahlung von 30 Millionen Euro, wie Mediapart am Donnerstagabend berichtete – ein normaler Vorgang, auf den er keinen Einfluss genommen hätte, beteuert der Minister. Die Opposition delektiert sich dennoch an den beinahe täglichen Enthüllungen. Die ehemalige sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal, die indes nicht für nüchternes Urteilsvermögen berühmt ist, sieht im Verhalten des Ministers den Beleg dafür, dass der „Geist der Korruption“ das „Régime Sarkozy“ dominiere.

Die Woerth-Affäre kommt für Sarkozy auch deshalb ausgesprochen ungelegen, weil diverse Mitglieder seines Kabinetts in den vergangenen Wochen durch wenig maßvolles Verhalten aufgefallen sind – zu einer Zeit, wo die Regierung ihren Bürgern immer neue Zumutungen abverlangt. Die Sport-Staatssekretärin Rama Yade kritisierte die teure Unterkunft der französischen Nationalelf, nur um dann bei ihrem eigenen Südafrika-Besuch festzustellen, dass man sie in einem noch teureren Hotel untergebracht hatte.

Das Medienecho ahnend, suchte sie sich eine billigere Unterkunft – dummerweise war ihre Suite aber schon bezahlt. Die Staatssekretärin für Stadtentwicklung, Fadela Amara, fiel ebenso wie der Industrieminister Christian Estrosi dadurch auf, dass sie Verwandte in ihren Pariser Dienstwohnungen einquartierte. Der für Francophonie zuständige Staatssekretär Alain Joyandet machte von sich reden, weil er zum Preis von 116.000 Euro im Privatjet zu einer Konferenz nach Martinique flog. Außerdem besorgte er sich eine illegale Baugenehmigung für sein Ferienhaus in Saint-Tropez. Den von der Medienwirkung her verhängnisvollsten Fehltritt leistete sich jedoch der für die Entwicklung des Großraumes Paris zuständige Staatssekretär Christian Blanc, der auf Kosten seines Amtes für mehr als 12.000 Euro Dienst-Zigarren orderte. Die muss er zurückzahlen.

Mögliche Konsequenzen nach den Sommerferien

Blanc dürfte zu jenen Regierungsmitgliedern gehören, die die Sommerferien nun dazu nutzen können, sich nach einer neuen beruflichen Herausforderung umzuschauen. Präsident Sarkozy hat für Oktober eine Kabinettsumbildung angekündigt. Er wolle die Konsequenzen aus „manchen ministeriellen Verhaltensweisen“ ziehen, drohte Sarkozy in der Kabinettssitzung am vergangenen Mittwoch. „Flugzeuge, Zigarren, Hotels...“, sagte er dann noch, damit auch jeder wusste, wer gemeint war.

Bereits am Montag hatte Sarkozy in einem Brief an Premierminister François Fillon drastische Sparmaßnahmen für alle Ministerien und die Einschränkung zahlreicher ministerieller Privilegien angekündigt und jenen mit „Sanktionen“ gedroht, die sich an die neue Sparsamkeit nicht halten. Für einen Präsidenten, der seine Amtszeit mit einem Essen im Neureichen-Lokal „Fouquet's“ begonnen hatte, besiegelte der Akt einen Philosophiewechsel, den die Krise und die Umfragewerte ihm gleichermaßen aufgezwungen haben.

Dem symbolischen Spar-Aktionismus fällt unter anderem auch einer der elegantesten Schauplätze französischer Regierungskunst zum Opfer, das Jagdschloss Chambord. Solange jedoch täglich neue Alarm-Meldungen aus der Woerth-Affäre die Medien beherrschen, wird Sarkozy mit solchen Aktionen die Gunst der Wähler ebenso wenig zurückgewinnen wie mit der Absage der Élysée-Gartenparty am 14. Juli. Es gibt nicht viele Franzosen, welche die Sommerferien so herbeisehnen wie Nicolas Sarkozy.