Jungs mit schlechten Karten

Die Poker-Räuber – Könige von Kreuzberg

Es war relativ schnell klar, dass es sich bei den Poker-Räubern von Berlin nicht um kriminelle Genies handelte. Vier junge Männer aus Kreuzberg haben sich bei ihrem ersten großen Coup kräftig verzockt. Nach ihrem Überfall auf ein Pokerturnier ist nur noch einer auf der Flucht.

Es war war wahrscheinlich nicht die erste und ganz sicher nicht die letzte Enttäuschung im Leben von Ahmad El A., aber im Nachhinein kann man schon sagen, dass dieser Tag, an dem er zufällig auch noch seinen 18. Geburtstag feierte, alles änderte.

Zumindest sieht Michael Bensch das so, der es wissen sollte, weil er in Ahmads Ecke stand, als es passierte. In den knapp vier Jahren, in denen der Junge zum Boxtraining ging, in den knapp 15 Kämpfen, auf die Bensch ihn vorbereitet hatte, war Ahmad noch nie unterlegen gewesen.

Er war ein guter Boxer, was heißt, er konnte sich quälen, sich bewegen, war fleißig, diszipliniert und pünktlich. Und mit jedem Tropfen Schweiß, mit jeder Stunde in der Trainingshalle, mit jedem dieser Kämpfe, war seine Zuversicht größer geworden, auch ein großer Boxer zu werden, ein Profi gar, der einen Haufen Geld verdiente und rauskam aus Neukölln.

Jeder von Ahmads 15 Siegen im Ring, ließ die Erinnerung an die zahllosen Niederlagen verblassen, die ihm das Leben in der Schule, auf der Straße und zuhause zufügte, so dass Ahmad, als die Glocke zur ersten Runde seines 16. Kampfes ertönte, aus tiefstem Herzen überzeugt davon war, in Wahrheit ein Sieger zu sein.

„Er bekam einen Kinnhaken in der zweiten Runde. Es war ein klassischer Knock Out“, sagt Michael Bensch, „danach tauchte er nur noch sporadisch beim Training auf, und wenn man nachfragte, grinste er nur.“

Bensch verlor seinen Jungen damals und empfindet das bis heute als Niederlage. Eine Niederlage, an die er in den vergangenen zwei Wochen ständig erinnert wurde, weil Ahmads Bild jeden Tag in der Zeitung war, zuerst als Gesuchter, später als Festgenommener und Verdächtiger in einem spektakulären Kriminalfall.

Ahmad El-A. gehört zu den vier Männern, die vor zwei Wochen Deutschlands größtes Poker-Turnier überfallen hatten und sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

Genau wie Vedat S. und Mustafa U., der sich gestern auf dem Flughafen in Berlin-Tegel bei seiner Einreise aus der Türkei nach Deutschland der Polizei stellte.

Die Festnahme lief nach Angaben der Ermittler ganz ruhig ab. Keiner in der Ankunftshalle des Hauptterminals bekam etwas von der Polizeiaktion mit. Lediglich Jihad Khaled Chetwie ist noch auf der Flucht, doch scheint es eher so, als wisse er nur nicht genau wie er wieder nach Berlin komme, denn er habe sich in den Libanon abgesetzt, stehe mit der deutschen Polizei in Kontakt, wie es aus Ermittlerkreisen heißt.

Es war relativ schnell klar, dass es sich bei den Poker-Räubern von Berlin nicht um kriminelle Genies handelte. Eigentlich zeugte lediglich der Zeitpunkt, in dem die vier maskierten Räuber das Grand Hyatt an Potsdamer Platz überfielen von einer gewissen Schläue, weil die Wachmannschaft zum Teil in der Pause war und rund 650.000 Euro in bar gerade in einem offenen Stahlschrank lagen.

Das Towuhabowu danach, in dem sich Räuber und Wachmänner beschimpften und mit Gegenständen beschmissen, in dem einer der Täter sich erst dank seines Komplizen aus dem Schwitzkasten eines Wachmannes befreien konnte, in dem die Räuber von einem Lehrling um einen Großteil ihrer Beute gebracht wurden, glich eher einer Farce als einem kaltblütig geplantem Verbrechen.

„Das ist eine neue Dimension von Dummheit“, sagte schnell ein Polizeifunktionär, weil die Täter unmaskiert quer durch ein von Videokameras überwachtes Einkaufszentrum flohen.

Hinzu kam, dass ein Zeuge sich das Kennzeichen des Fluchtautos notiert hatte, ein schwarzer Mercedes C-Klasse, den Vedat S. sich erst Tage zuvor in einem Autohaus gekauft und in Bar bezahlt hatte.

S. stellte sich dementsprechend als erster der Polizei, er kam in Begleitung seines Anwalts und verriet die Namen seiner Komplizen in der Hoffnung auf eine mildere Strafe. Sein Vater sagt, er habe Schande über die Familie gebracht, aber sein Sohn habe seinen Fehler auch eingesehen und werde ihn wieder gutmachen.

Er hatte es nicht weit zum Landeskriminalamt, zwei U-Bahnstationen sind es bis zu seinem Zuhause, einer Wohnung im ersten Stock eines 70er Jahre Baus, in der er bei seinen Eltern und mit sechs Geschwistern lebt. Wie alle Familienmitglieder musste S. die Schuhe vor die Haustüre stellen, bevor er mittags die Wohnung betrat, um an einem Tisch Platz zu nehmen, der niemals allen Familienmitgliedern gleichzeitig Platz bot.

Nach der Tat im Hyatt parkte S. seinen Mercedes direkt vor dem Haus. Zielfahnder der Berliner Polizei hatten dort zunächst auf der Lauer gelegen, doch so dumm war Vedat dann auch nicht. „Es tut mir Leid für sie. Sie sind in etwas hineingeraten, was ein paar Nummern zu groß für sie ist“, sagt Bensch heute.

Die vier kannten sich schon als Kinder, hatten gemeinsam die Schule geschwänzt, den Graefekiez unsicher gemacht. Sie waren wie viele der Jungs, die auf den Straßen in Kreuzberg und Neukölln aufwachsen, ohne Perspektive und misstrauisch, vor allem der Polizei gegenüber.

Sie trieben sich herum und langweilten sich. Die Enge der Wohnungen und der raue Ton im Elternhaus trieben sie immer wieder auf die Straße hinaus. Schließlich wurden sie nach und nach polizeibekannt durch kleinere Delikte, meist Diebstahle. Lediglich Mustafa S. war bei der Polizei als sogenannter Intensivtäter registriert. Er soll gemeinsam mit einem Komplizen 2006 einen Mann lebensgefährlich verletzt haben.

Es gibt zwei Sorten von Vorbildern, die sie haben: Leute, die es aus dem Kiez geschafft, sich eine halbwegs bürgerliche Existenz aufgebaut haben und ab und zu aber immer seltener zurückkommen und die, die geblieben sind: Kleinkriminelle, die sich, wenn sie ein bisschen Geld gemacht haben große Gebrauchtwagen kaufen und auf der Straße erfundene Geschichten erzählen.

Mustafa U. etwa hat einen älteren Bruder. Er sitzt zurzeit eine Haftstrafe im Gefängnis ab. Als ein Spezialeinsatzkommando der Berliner Polizei in dieser Woche die Wohnung der Familie stürmte, war das bereits der zweite SEK-Einsatz in zwei Jahren. In ihrer Nachbarschaft gelten nun die Poker-Räuber als Helden. Wer nach ihnen fragt, bekommt Prügel angedroht.

Am Tag nach der Tat kauften sie sich die Zeitungen, zeigten auf die Geschichten über den Hyatt-Raub und brüsteten sich auf der Straße: „Das waren wir.“ Auch wenn die Polizei inzwischen sagt, dass der Tathergang weitgehend aufgeklärt sei, ein paar nicht unwichtige Details fehlen noch.

Unklar ist, wo die Beute ist. So sollen die vier Poker-Räuber jeweils 40.000 Euro bekommen haben, die Beute belief sich jedoch auf 240.000 Euro. So gibt es Hinweise, dass mindestens ein weiterer Mann an der Tat beteiligt gewesen sein soll. Das Mitglied einer polizeibekannten arabischen Großfamilie soll unter den Poker Spielern im Hyatt gewesen sein und kurz vor dem Überfall ein Telefonat geführt haben.

Irgendwann vor dem großen Coup werden sie zusammen gesessen haben und den Plan durchgegangen sein. Das kann in einer Teestube gewesen sein, in einer Döner-Bude, in einem Wettbüro, in einer dieser Läden eben, die es in Kreuzberg und Neukölln zu Hunderten gibt.

Sie waren sich ihrer Sache sicher, dass alles gut geht, dass niemand sie erwischt, dass ihnen eigentlich nichts passieren kann. Und wie sollten sie auch zu einer anderen Auffassung kommen, als dass sie unantastbar sind? Jüngere wechselten die Straßenseite und lächelten dankbar, wenn sie mal nicht verprügelt wurden, eine Verhaltensweise, die bei ihnen unter Respekt abgebucht wurde.

Sie hatten Muskeln und Mädchen und einer von ihnen hatte gerade erst einen gebrauchten schwarzen Mercedes gekauft. Sie waren die Könige von Kreuzberg.