Der "King of Pop" ist tot

Jackson war Wegbereiter des schwarzen Amerikas

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Hajo Schumacher

Michael Jackson war der "King of Pop", und auf dem Weg dorthin war er Musikpionier, Exzentriker, ein auch monströser Mensch. Aber nicht nur das. Hajo Schumacher trauert um den Popstar, weil der seinen Anteil daran hatte, Amerika so weit zu bringen, dass es mit Barack Obama tatsächlich einen schwarzen Präsidenten wählte.

Die ganze Welt tanzte zu seiner Musik, die ganze Welt erregte sich an seinen Prozessen und nun erklärt die ganze Welt, warum Michael Jackson starb, womöglich freiwillig. Eine zeitlang war er der größte Popstar der Welt – und bis zuletzt wohl der öffentlichste Mensch der vergangenen Jahrzehnte. Jeder meinte, ihn erklären und bewerten zu können.

Gut möglich aber, dass das Phänomen Michael Jackson gar nicht zu verstehen ist. Vielleicht war dieses Vollzeitbühnenwesen nicht mehr als eine hauchdünne Hülle, eine flüchtige Leinwand, auf die das Publikum und vor allem er selbst Wünsche, Ängste und Weltsichten projizierten. Vielleicht muss ein Mensch, der von und für die Öffentlichkeit lebt, innerlich so gut wie leer sein.

Das globale Greinen um Jacksons Tod passt zur Flüchtigkeit seines Lebens. Eben noch twitterte die Welt über den Iran, jetzt ein paar Tage zu Jacko. Nächste Woche aber wird die globale Welle kollektiver, folgenloser Instant-Betroffenheit schon weiter geschwappt sein. Der King of Pop war eben auch Jedermanns King.

Wie viele Künstler war Michael Jackson ein Exzentriker, wenn auch ein monströser, ein Mensch, der von sozialen Normen abwich. Von Kindheit an wurde er gedrillt, das Anderssein zu perfektionieren. Erst Barry Gordy, dann Quincy Jones waren die Musikgenies, die ihm in den Pop-Olymp verhalfen – und auch zum Ausbruch aus dem Ghetto rein schwarzer Musik und Popularität. So hat sich Michael Jackson gegen den Lauf der Welt gestemmt, gegen das Schicksal, gegen alles, was Durchschnittsmenschen unabänderlich erscheint. Er wollte eine andere Hautfarbe, ein anderes Gesicht, sich bis in alle Ewigkeit tiefkühlen lassen, Kind bleiben, unschuldig, einfach, leicht, ein zeitloses Märchenleben führen auf seiner Spielzeug-Ranch. Ob er Kinder missbraucht hat oder vor allem ihre Nähe suchte, um ein paar angstfreie Momente zu erleben, wird wohl nie geklärt werden.

Michael Jackson hat alle Facetten des amerikanischen Mythen-Arsenals durchlebt, größte Höhen, gruseligste Tiefen. Sein Aufstieg stand für den Traum, dass jeder es bis nach oben schaffen kann, der hart arbeitet und an sich glaubt. Daran glaubt dieses Land bis heute. Jacksons Niedergang, markiert durch zuletzt eher kümmerliche CD-Verkäufe und schwer durchschaubare Missbrauchs-Prozesse, repräsentiert wiederum ein bigottes, inquisitorisches Amerika.

Michael Jackson war weit mehr als ein begnadeter Tänzer, Musiker und Entertainer. Alles, was derzeit in den USA durch Obama und Finanzkrise auf dem Prüfstand steht, hat Michael Jackson gleichsam als gesellschaftlicher Pionier durchlebt: Rassenfrage, Fan-Hysterie, Maßlosigkeit, Ruhm, Trug und am Ende grenzenlose Einsamkeit. Wie Martin Luther King, O.J. Simpson oder Tupac Shakur gehörte auch Jackson zu jenen afro-amerikanischen Grenzgängern, die Aufregung auslösten, aber auch vielfältige gesellschaftliche Debatten, die die relative Unaufgeregtheit um die Präsidentschaft Obamas erst möglich gemacht haben.