RTL-Chefin im Interview

SternTV ohne Jauch - RTL ist "nicht glücklich"

| Lesedauer: 12 Minuten

RTL-Chefin Anke Schäferkordt kann sich nicht über den Wechsel des Moderators zur ARD freuen. Trotzdem soll Günther Jauch bei RTL "sehr präsent" bleiben.

Morgenpost Online: Frau Schäferkordt, Deutschland hat seit 28 Jahren erstmals wieder den Grand Prix nach Hause getragen. Haben Sie am Bildschirm gesessen und mit Lena Meyer-Landrut mitgefiebert?

Anke Schäferkordt: An dem Tag bin ich aus den USA zurückgekommen und hatte offen gestanden...

Morgenpost Online: ...Jetlag?

Anke Schäferkordt: Genau. Ich kam um sieben Uhr abends nach Hause und habe erst mal Kaffee getrunken, um wach zu bleiben. Ich muss gestehen: Ich bin – rein aus Müdigkeit – eingeschlafen. Bis dahin habe ich aber zugeschaut.

Morgenpost Online: Und war da auch Neid dabei? RTL hat schon siebenmal den deutschen Superstar gesucht. ProSiebenSat.1 und die ARD probieren es nur einmal – und finden einen, der sofort die europäischen Charts erobert.

Anke Schäferkordt: Es ist fantastisch, welche Reichweiten die Kollegen erzielt haben: rund 60 Prozent Markanteil. Aber wie sagt der Kölner so schön? „Man muss auch jönne könne.“ Ich finde es sehr positiv für das TV insgesamt, weil es zeigt, was das Medium bewegen kann.

Morgenpost Online: Noch schöner wäre gewesen, wenn die ARD-Kollegen Ihren Casting-Experten Dieter Bohlen um Hilfe gebeten hätten und nicht den von der Konkurrenz, oder? Stattdessen haben Sie jetzt auch noch Günther Jauch an die ARD verloren.

Anke Schäferkordt: Wir sind nicht glücklich, dass Günther Jauch die Moderation von „stern TV“ gegen den ARD-Polittalk tauscht. Darüber hinaus aber wird er bei uns sehr präsent bleiben. Er ist für die WM im Einsatz, der „Millionär“ geht weiter, und wir entwickeln gemeinsam neue Ideen, eine davon kommt im Herbst ins Programm. Ein gutes Verhältnis zeigt sich ja meist in nicht so ganz einfachen Situationen. Und zum Songcontest: Trotz des Erfolgs von Lena war die Castingshow, was die Quote betrifft, im Vorfeld längst kein Hit. In der jüngsten Staffel von „DSDS“ kamen wir dagegen auf über 30 Prozent – über Monate hinweg.

Morgenpost Online: Sind solche Kooperationen zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern in Ordnung, oder weichen sie die Grenzen im dualen Fernsehmarkt unnötig auf?

Anke Schäferkordt: Es ist okay, wenn es die Ausnahme bleibt. Wenn es die Regel würde, müsste man sich fragen, worin sich ARD und ZDF eigentlich noch von uns unterscheiden. Ich gehe aber nicht davon aus, dass das passiert. Am Ende sind wir alle Wettbewerber um Zuschauermarktanteile.

Morgenpost Online: Dabei wird Ihnen derzeit vorgeworfen, mit ProSiebenSat.1 gemeinsame Sache zu machen. Das Bundeskartellamt hat den Verdacht, Sie hätten sich bei der Verbreitung digitaler Programme abgesprochen.

Anke Schäferkordt: Wir finden das Vorgehen des Amtes erstaunlich, denn über alle größeren Projekte war und ist es informiert. Das betrifft auch die verschlüsselte Verbreitung unseres Programms im digitalen Kabel seit dem Jahr 2006. Wir haben das damals offiziell kommuniziert, und fünf Jahre später soll dieser Schritt nun generell infrage gestellt werden. Gleiches gilt für unsere HD-Angebote, auch hier lagen die Details vor.

Morgenpost Online: Womit Sie aber nicht die Frage beantworten, ob Sie sich mit ProSiebenSat.1 abgesprochen haben oder nicht.

Anke Schäferkordt: Wir treffen unsere Entscheidungen autonom. Das betrifft strategische Fragen ebenso wie ihre Umsetzung. Aber ist die Tatsache, dass Autos für gewöhnlich vier Räder haben, Beleg dafür, dass sich Mercedes, Audi und BMW absprechen? Oder macht es nicht einfach nur Sinn, weil es sich auf drei Rädern schlecht fährt? Es gibt nun mal Herausforderungen, die Wettbewerber im selben Markt gleichermaßen betreffen. Eine davon ist, für Medien weltweit, die Digitalisierung. Was die Grundverschlüsselung betrifft, kann übrigens auch der Blick über den Tellerrand helfen: Die ist ja keine Erfindung von RTL. In vielen Ländern um uns herum verschlüsseln Sender ihre Programme längst – als Antwort auf die wachsende Gefahr der Piraterie in der digitalen Welt: Wir wollen eben nicht, dass uns dasselbe passiert wie der Musikindustrie, die zusehen musste, wie ihre teuer erstellten Inhalte im Internet geklaut und kopiert wurden.

Morgenpost Online: Diese Woche hat die Politik entschieden, dass die Bürger künftig keine geräteabhängige TV-Gebühr mehr zahlen. Stattdessen wird es eine Haushaltspauschale geben, dank deren ARD und ZDF auf Jahre hinaus mit gesicherten Einnahmen rechnen können – egal wie schlecht die Zeiten auch sein mögen. Ist dieses Modell zeitgemäß?

Anke Schäferkordt: Grundsätzlich halte ich eine Haushaltsabgabe für richtig. In multimedialen Zeiten macht eine Differenzierung nach Geräten einfach keinen Sinn mehr. Befremdlich finde ich dagegen, dass, während beim Staat, in der Wirtschaft und bei Sozialleistungen über Jahre hinweg Milliardeneinsparungen bevorstehen, sich die Debatte von ARD und ZDF im Kern immer wieder nur um eines dreht: Es darf nicht weniger Geld für sie geben. Ich weiß, es ist eine geradezu verrückte Idee: Aber auch die Öffentlich-Rechtlichen könnten ja mal überlegen, ob sie nicht auch Einsparungen hinbekämen.

Morgenpost Online: Helfen Sie Ihren Kollegen doch mal: Wo könnten sie ansetzen?

Anke Schäferkordt: Vielleicht kann man in der aktuellen Situation noch mal überdenken, ob ARD und ZDF tatsächlich in Summe 23 TV-Kanäle betreiben müssen. Schauen Sie sich die BBC in England an: Sie hinterfragt ihre Aktivitäten ohne massiven politischen Druck.

Morgenpost Online: Die Politik wollte eigentlich ein Werbeverbot für ARD und ZDF ab 2013 beschließen, ruderte jetzt aber zurück. Fühlen Sie sich verschaukelt?

Anke Schäferkordt: Es ist, wie es immer gewesen ist: Das Ergebnis kann nicht zufriedenstellen. Alle Parteien hatten sich dafür ausgesprochen, das Bundesverfassungsgericht hatte es gefordert. Es gab einen Lösungsvorschlag für spätere eventuelle finanzielle Engpässe, und das Werbeverbot hätte der Rechtfertigung der Öffentlich-Rechtlichen gedient. Programmlich ähnelt deren Angebot schon heute dem der Privaten. Wären ARD und ZDF werbefrei, würden die Zuschauer besser verstehen, warum sie fast 20 Euro im Monat dafür zahlen sollen.

Morgenpost Online: Kommen wir zu einem anderen stark umstrittenen Thema: Nachrichten, die für alle Sender teuer sind, weil Werbeunterbrechungen verboten sind. ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling liebäugelt daher mit einem Verkauf von N24. Sind Sie Ihrem Kollegen insgeheim dankbar, dass er das Thema mal publik gemacht hat?

Anke Schäferkordt: Nein! Eine so geführte Debatte löst lediglich einen vorhersehbaren negativen Reflex aus. Und der Reflex der Regulierer ist noch mehr Regulierung. Eine solche Diskussion geht aber am Problem vorbei. Wir liefern mit „RTL aktuell“ nach der „Tagesschau“ die erfolgreichste Nachrichtensendung, vor „heute“. Dennoch ist es natürlich ein Problem, dass derartige Angebote von uns vor allem aufgrund gesetzlicher Vorgaben nicht refinanzierbar sind. Statt über weitere Sanktionen nachzudenken, sollten wir überlegen, wie man Angebote wie etwa N-tv ordnungspolitisch unterstützen kann.

Morgenpost Online: Aber ist es nicht in Ordnung, auch für die Privaten gewisse Maßstabe zu setzen und der Boulevardisierung Grenzen zu setzen?

Anke Schäferkordt: Wieso „auch“? Für die mit 7,3 Milliarden Euro ausgestatteten Kollegen von ARD und ZDF gibt es keine Grenzen. Der jüngste öffentlich-rechtliche Kanal ZDF neo, bezahlt von unseren Gebühren, zeigt keine Minute Nachrichten. Oder nehmen Sie das Beispiel Lena: Am Tag nach dem Songcontest hat die „Tagesschau“ mit Lenas Sieg aufgemacht. Bei der ARD ist das offenbar okay. Aber diese Diskussion ist müßig. Was wir stattdessen brauchen, ist eine Medienordnung, die die heutige Medienwelt endlich widerspiegelt.

Morgenpost Online: Also der zunehmenden Bedeutung des Internets Rechnung trägt.

Anke Schäferkordt: Ja. Bei den Nachrichten steht „RTL aktuell“ mit „heute“ und der „Tagesschau“ im Wettbewerb, Sender wie N-tv aber auch mit Internetseiten. Das wird ausgeblendet. Während Online-Angebote wie „Spiegel online“ in Sachen Werbung frei agieren können, unterliegt ein TV-Sender vielen Beschränkungen, die dringend überdacht werden müssen.

Morgenpost Online: RTL ist erstaunlich gut durch die Krise gekommen, auch dank eines 200 Millionen Euro großen Sparprogramms. Ist 2010 auch so viel drin?

Anke Schäferkordt: Wir wissen nicht, ob die Krise wirklich vorbei ist, auch wenn es im Moment ganz gut aussieht. Wir werden also vorsichtig bleiben, weiterhin effizient arbeiten und unsere Chancen nutzen.

Morgenpost Online: Die Krise hat die Werbeeinnahmen dramatisch einbrechen lassen. Spüren Sie, dass die Werbung, die im Zuge der Konjunkturerholung zurückkommt, ins Netz abwandert?

Anke Schäferkordt: Nein, ich glaube, dass TV in diesem Jahr deutlich mehr zulegt als das Internet. Es ist eine Mär, dass TV als Leitmedium für die Werbetreibenden vom Internet abgelöst wird. Es gibt kein Medium, mit dem man so schnell solche Reichweiten aufbauen und Markenbotschaften so emotional vermitteln kann.

Morgenpost Online: Aber zumindest die Zuschauer wandern ab. Studien zufolge verbringen viele Teenager heute mehr Stunden im Internet als vor dem TV.

Anke Schäferkordt: Da werden immer wieder gern Äpfel mit Birnen verglichen. Wenn ein Jugendlicher heute vier Stunden im Netz ist, kann es doch sein, dass er eine Stunde davon mit Freunden mailt, für die Diplomarbeit recherchiert oder von mir aus Schuhe gesucht hat – Zeit also, die nicht den TV-Sendern verloren geht, sondern vielleicht der Post oder dem örtlichen Schuhhandel. Das sagt jedoch wenig über die Mediennutzung im Internet. Gerade Jugendliche schauen TV-Inhalte im Netz, die dem Fernsehen heute noch nicht zugerechnet werden.

Morgenpost Online: Anders als der Rest der Medienbranche, die angesichts der Gratiskultur im Internet verzweifelt nach neuen Geschäftsmodellen sucht, sind Sie also entspannt?

Anke Schäferkordt: Entspannt ja, aber gleichzeitig wachsam: Wir beobachten sehr genau, was passiert. Gegenüber den Verlagen aber haben wir einen großen Vorteil: dass wir Bewegtbilder haben, die die erklärten Wachstumsbringer im Internet sind. De facto haben wir schon heute immense Wachstumsraten im Netz: Die letzte „DSDS“-Staffel etwa hat auf unseren Onlineplattformen mehr als 80 Millionen Videoabrufe gebracht. Das sind Größenordnungen, die auch die Werbeindustrie interessieren.

Morgenpost Online: Fragt sich, wie lange noch. Das US-Pendant „American Idol“ verlor zuletzt bei der Quote 16 Prozentpunkte.

Anke Schäferkordt: Ich kann Sie beruhigen: Die letzte „DSDS“-Staffel war die erfolgreichste seit der Premiere.

Morgenpost Online: Aber mal ehrlich: Wenn Dieter Bohlen bald zum achten Mal mit seinen berüchtigten Sprüchen loslegt, kriegen Sie doch auch Ermüdungserscheinungen.

Anke Schäferkordt: Sie werden sich wundern: Ich bin bei vielen Produktionen im Studio. „DSDS“ ist einfach die größte und erfolgreichste lang laufende Show, die es je gab. Unser Erfolg basiert aber nicht nur auf einem Format, sondern auf der Vielfalt unseres Programms.

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