Beisetzung

Emeka Okoronkwo – Held der Zivilcourage

Die Stadt Frankfurt am Main hat einen Helden begraben. Emeka Okoronkwo starb, weil er zwei jüngeren Frauen helfen wollte. Sie wurden bedrängt. Er wurde erstochen. Die Stadt trauert um einen Mann, der einfach nur in Frieden leben wollte.

Foto: dpa

Emeka Okoronkwo war ein Held, ein Held der Zivilcourage. 1988 in der nigerianischen Stadt Ahoado geboren, endete sein kurzes Leben 2010 in der deutschen Stadt Frankfurt am Main.

Als er am Morgen des 2. Mai einen Salsa-Club verließ, sah er, wie zwei junge Frauen vor dem Eingang des Lokals von zwei Männern bedrängt wurden, wie die Frauen sich wehrten und dass die Männer sie anspuckten.

Er tat, was in dieser Situation selbstverständlich sein sollte, aber nicht selbstverständlich ist. Er stand den beiden Frauen bei, es kam zu einem kurzen Handgemenge. Einer der Angreifer stach ihm ein Messer ins Herz. Ein paar Stunden noch kämpfte Emeka Okoronkwo im Krankenhaus um sein Leben, bevor er starb. Die beiden Täter wurden wenige Tage später gefasst. So weit die Fakten.

Seither sind zwei Wochen vergangen. Jetzt Emeka Okoronkwo in seiner kleinen Heimatstadt Langen südlich von Frankfurt beerdigt. Die Anteilnahme der Bevölkerung, so heißt es oft in Berichten über derartige Trauerfeiern, war groß.

Aber nüchtern betrachtet waren die vergangenen zwei Wochen angefüllt mit Trauerfeiern. Am Ort des Verbrechens wurde eine Mahnwache eingerichtet. Drei Tage nach der Tat gab es eine erste Gedenkfeier für den Ermordeten im Frankfurter Kolping-Haus, seinem Wohnheim während seiner Ausbildungszeit.

In der Straße, in der er starb, bildeten über hundert Menschen eine Menschenkette, schlossen sich zunächst zu einem Kreis zusammen und formten dann ein Herz. Hilflose Zeichen einer Anhänglichkeit, die nicht wahrhaben will, was nicht mehr ungeschehen zu machen ist.

Was diesen Tod für so viele so unbegreifbar macht, bringt Emekas Mutter in ihrer Erschütterung auf einen simplen Satz: „Emeka war einfach nur ein guter Junge.“ Was immer die Lehrer, Ausbilder, Kollegen, Freunde von diesem jungen Mann berichten, der mit acht Jahren nach Deutschland kam, klingt, als läsen sie es von den Wunschzetteln der Integrationsbeauftragten dieses Landes ab.

Okoronkwo hatte ein klares berufliches Ziel, er wollte Koch eines großen Hotels werden, und arbeitete hart daran, eine Chance dazu zu bekommen. Er rauchte nicht, er trank nicht, er nahm keine Drogen. Er las viel. Im Langener Jugendzentrum betreute er die Kleinen beim Fußball, leitete den Chor und erprobte sich als Tanzlehrer. Er besuchte einen Kurs als Streitschlichter, um bei Konflikten zu vermitteln und sich nicht provozieren zu lassen.

Dass er gerade daran gestorben ist, an dem Versuch, „einfach nur ein guter Junge“ zu sein und Streit zu schlichten, macht die Bestürzung so ungeheuer groß. Er war ein Vorbild – dieser Satz ist in fast allen Trauerreden zu hören, die zu seiner Beerdigung gehalten werden.

Und es sind viele Trauerreden, denn viele möchten über Emeka sprechen. Nach der Beerdigung ist das Trauerbedürfnis so groß, dass in der Langener Stadthalle noch weitere Reden gehalten werden. Ihm trauten die Leute zu, in Deutschland allen Problemen zum Trotz Fuß zu fassen und seinen Weg zu finden.

Die Probleme sind nicht klein, man glaubt sie mit Händen greifen zu können, wenn man seine Freunde sieht, wie sie vor der Trauerhalle stehen und sich begrüßen mit komplizierten Ritualen aus Umarmungen, sanften Schulterstößen und Handabklatschen. Es ist das typische Verhalten junger Männer, die sich zusammenschließen, weil sie sich von anderen ausgeschlossen fühlen. Sie könnten das Vorbild von einem aus ihrem Kreis, der ankommt an dem Ziel, das er sich in diesem Land gesteckt hat, gut gebrauchen.

Später dann spricht einer von ihnen auf Wunsch der Mutter Emekas über seine Erinnerungen an den Ermordeten. Zugegeben, Theologen dürften wohl nicht mit allem einverstanden sein, was er über Gott und Tod zu sagen hat, aber er sagt auch: „Unsere Herzen werden voll Liebe sein, wenn wir an Emeka denken“. Er sagt das ohne Sentimentalität, er möchte fest und klar sprechen, doch wenn man genau hinhört, hört man die feinen Brüche in seiner Stimme. Es ist schwer, nach einer solchen Rede zu sprechen.

Jutta Ebeling (Grüne) überbringt als Bürgermeisterin Frankfurts das Beileid ihrer Stadt: „Emeka Okoronkwo ist ein junger, verantwortungsbewusster Bürger unserer Zivilgesellschaft gewesen“, sagt sie, lobt seinen Mut, betont die Dankbarkeit der Stadt und klingt doch um eine Spur zu professionell.

Vielleicht ist es tatsächlich noch zu früh darüber zu entscheiden, ob Okoronkwo posthum mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden soll, wie es manche fordern.

Vielleicht muss sich ein Politiker so kurz nach einer noch nicht bis in alle Details geklärten Tat mit Entscheidungen zurückhalten. Doch wenn Okoronkwo ein Vorbild sein soll, wie auch Jutta Ebeling es betonte, dann werden die Repräsentanten unserer Gesellschaft etwas dafür tun müssen, dieses Vorbild öffentlich sichtbar zu machen und ihm den Respekt zu erweisen.

Gerade 8 Monate ist es her, dass Dominik Brunner in München starb, als er in der Münchner U-Bahn Kinder vor zwei Gewalttätern zu schützen versuchte. Das Entsetzen über seinen Tod und die Anteilnahme an seinem Schicksal beschäftigte die Öffentlichkeit wochenlang.

Inzwischen ist eine Dominik-Brunner-Stiftung gegründet und ihr Vorstand Alois J. Meier schloss seiner Trauerrede auf Emeka Okoronkwo mit einem Satz, den man an diesem Tag gern auch aus dem Mund eines Politikers gehört hätte. „Sollten Sie Hilfe benötigen“, wandte es sich an die Mutter des Ermordeten, „dann sind wir für Sie da.“

Was dann folgte, lässt sich schwer beschreiben. Billiges Pathos hat dieser Tote nicht verdient. Vielleicht so viel: Es ist wohl kaum etwas so untröstlich wie das Bild einer Mutter, die sich über den Sarg ihres Kindes beugt.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen