Homosexualität

Sind die Schwulen mit der Emanzipation am Ende?

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Gregor Tholl

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Schwul ist cool und längst kein Schmuddelthema mehr. Doch hat sich die Homosexuellen-Emanzipation in Deutschland tatsächlich totgesiegt? Die junge Generation kann mit dem Kampf um Gleichberechtigung nichts mehr anfangen. Oder gibt es doch noch Probleme, obwohl ein Mann mit Mann Vizekanzler ist?

Lesben und Schwule müssen sich nicht mehr verstecken. Nicht zuletzt zehn Jahre Homo-Ehe, offen schwule Popstars und Politiker, aber auch lesbische TV-Größen sorgen für Selbstbewusstsein. Die meisten Medien haben viel Verständnis. Außenminister Guido Westerwelle plauderte über sein Schwulsein sogar in der Jugendzeitschrift „Bravo“. Die Insolvenz des schwulen TV-Senders Timm könnte man außerdem so auslegen, dass keine Extrawurst mehr nötig ist. Und das Web sorgt sowieso für unendliche Freiheit. Doch herrscht wirklich Friede, Freude, Eierkuchen?

Die Begriffe „schwul“ und „lesbisch“ rufen in jedem etwas anderes hervor – das ist auch bei den Leuten so, die sich selbst vom eigenen Geschlecht erotisch angezogen fühlen. Viele Jüngere können mit den Kampfbegriffen aus den 70er-Jahren nichts mehr anfangen. Sie sehen damit überkommene Verhaltensweisen verbunden und eine offensive Rolle des Andersseins, die sie nicht einnehmen wollen.

Dazu kommt das Internet, das den Rückzug ins Private einfach macht und gleichzeitig viel Raum schafft, sich auszuleben. Außer in Großstädten, vor allem in Berlin mit seiner riesigen Homo-Szene, ziehen viele inzwischen die Aktivität im Web der öffentlichen Aktion vor – oft tun sie das aber auch nur, weil das bequemer ist und man keine Blicke oder Getuschel aushalten muss.

Mancher Schwule alter Schule ist währenddessen genervt von zu viel Verständnis oder sogar positiver Diskriminierung. „Wir sind nur noch das hippe Ambiente für den weltoffenen Mainstream, das aufregende Umfeld für das langweilige Leben anderer“, beschwerte sich ein Leserbriefschreiber im Hamburger Schwulenmagazin „Hinnerk“. Grund: Im eigentlich schwullesbischen Café Gnosa machen angeblich zu viele Hetero-Frauen die „schwule Wohnzimmerkultur“ kaputt. „Ganz ehrlich, so hab' ich mir die Gleichstellung nicht vorgestellt.“

Doch denken jetzt wirklich alle, Schwule haben die schöneren Cafés, die cooleren Clubs, die witzigeren Klamotten? „Seit dem Jahr 2008 steigt die sogenannte Homophobie (Schwulenfeindlichkeit) wieder an, nachdem sie jahrelang kontinuierlich abnahm“, sagt Prof. Dr. Andreas Zick von der Uni Bielefeld. Der Wissenschaftler vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung stützt sich auf repräsentative Umfragen in einem Forschungsprojekt zu „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. In einer Umfrage Ende 2008 stimmten 38 Prozent der Deutschen der Auffassung zu, Homosexualität sei unmoralisch.

Das „sexuelle Vorurteil“ hängt laut Zick mit einer Palette anderer Vorurteile zusammen – es komme fast nie alleine vor. Nach wie vor ist „schwul“ ein Schimpfwort auf Schulhöfen und in Stadien. Gerade im Fußball gibt es noch viel Gedruckse beim Thema Homosexualität – mittlerweile ist es ein Klassiker politisch korrekter Meinungsäußerung, das zu beanstanden.

Eine andere Erkenntnis bei aufmerksamer Gesellschaftsbeobachtung dürfte sein, dass die schlimmsten Schwulenfeinde oft selber homophil sind, um es mit einem altbackenen Begriff zu umschreiben. Mancher Verklemmte wirft Homosexualität sogar mit Pädophilie in einen Topf – sei es aus Boshaftigkeit oder Dummheit.

In der Politik ist Schwulenfeindlichkeit dagegen inzwischen weitgehend passé. Kaum jemand nimmt noch an, dass männerliebende Männer nicht führen können, aber auch nicht, dass sie reibungsloser regieren – und das ist auch gut so. Egal, ob Ole von Beust (CDU) in Hamburg oder Klaus Wowereit (SPD) in Berlin: Politiker polarisieren. In einer Demokratie sind sie dafür da. Für Guido Westerwelle (FDP) gilt das aber besonders. Er hat sich viele Gegner erarbeitet, bis hin zu Gruppen wie „Gays against Guido“.

Kompliziert wurde es, als Westerwelle vor ein paar Wochen wegen seiner Amtsführung angegangen wurde. Es ging um seine Reise-Entourage. Parteifreunde verdächtigten Kritiker der Homophobie. Jens Jessen schrieb in der Wochenzeitung „Die Zeit“, ein solcher Einwand könne „das Klischee des larmoyanten Schwulen“ wiederbeleben: „Die Unterstellung ist vor allem höchst riskant. Sie ruft etwas wieder auf, was der größte Teil der Gesellschaft überwunden hat, aber womöglich, mit der Nase darauf gestoßen, wiederentdecken könnte.“

Die Situation von Lesben und Schwulen ist also widersprüchlich. Einerseits schafft das Internet Freiheit, andererseits ist es eine Art Rückzugsgebiet. Einerseits fühlen sich manche Schwule von zu viel Verständnis erdrückt, andererseits moralisiert fast die Hälfte der Bevölkerung noch immer ihr Privatleben. Und dann noch das: Mancher Politiker verwechselt Kritik an einem Schwulen mit Homophobie und ein liberaler Kommentator warnt Homosexuelle, bitte nicht angeblich überwundene Vorurteile zu bestätigen. Deutschland im Jahr 2010.

( dpa )