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Die Sucht, sich selbst zu verletzen

| Lesedauer: 3 Minuten

Foto: fo_fr_sc_sa/dar / Jens_Schierenbeck

Wenn der seelische Schmerz zu groß wird, ritzen sie sich mit spitzen Gegenständen in Arme und Beine bis das Blut fließt. Immer mehr Jugendliche schaffen ihrer Seele so Erleichterung. In der ZDF-Reportage "37 Grad – Geritzt" berichten zwei Mädchen heute Abend über ihre Therapie und warum sie sich selbst verletzen.

Seelischer Schmerz ist immer sichtbar: Egal, ob es sich um einen Körper handelt, der bis auf die Knochen abgemagert ist oder einer, der die Nahrungsaufnahme verweigert. Mit Bulimie und Magersucht hatten es Psychologen bisher bei Teenagern am meisten zu tun. Seit einiger Zeit aber beschäftigt eine andere Art der Selbstverletzung Therapeuten und Ärzte. Dabei ritzen junge Menschen Arme und Beine mit Scheren, Messern, Scherben oder Zirkeln auf.

Viele verletzen sich so lange, bis das Blut aus den Adern tropft. Dann fließen sie endlich, die so genannten roten Tränen. Und der Körper spürt ein Gefühl der Erleichterung. „Damit werden Spannungen abgebaut“, erklärt Dr. Marianne Klein, Chefärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kinder- und Jugendalters am Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg. Jugendliche sind in der Pubertät vielen emotionalen Problemen ausgesetzt, die sie lösen müssen, so die Psychologin.

Ritzen macht süchtig

Wer emotional schon instabil sei oder nicht gelernt habe, Konflikte zu verarbeiten, sei besonders gefährdet, den aufgestauten Druck auf andere Art und Weise abzubauen. Sich in die Arme zu ritzen, kann laut Klein eine kurze, trügerische Erleichterung bringen. Jugendliche können dadurch aber nicht lernen, Probleme anders zu lösen. Dadurch wiederholen sie ihre alte Strategie immer wieder. „Es ist sehr schwer, das Verhalten zu ändern, da das Ritzen Suchtcharakter hat“, so Klein. Gleich nach der Tat verspürten die Jugendlichen dann meist auch Schuldgefühle. Damit beginnt ein Teufelskreis. Nach Kleins Beobachtungen werden die Ritzer immer jünger. „Das fängt vereinzelt schon mit zehn Jahren an, ab 13 dann gehäuft.“ Mädchen seien mindestens doppelt so oft Opfer dieser Erkrankung wie Jungen.

Was genau im Gehirn passiert, wenn sich Jugendliche ritzen, ist noch nicht erforscht. Manche Theorien besagen, dass dabei kurz, aber heftig Endorphine ausgeschüttet werden, ähnlich wie bei einer Geburt. Auf jeden Fall berichten Jugendliche zwei verschiedene Gefühle. Die einen sagen, der Schmerz fühle sich gut an. Andere spürten den Schmerz zwar als etwas Schlechtes, aber dadurch fühlten sie den eigenen Körper wieder, den sie zuvor nicht mehr spüren konnten, weil der seelische Schmerz zu groß war. Und das gibt ihnen wiederum ein gutes Gefühl. Doch ähnlich wie bei einer Droge müssen auch diese Süchtigen immer tiefer ritzen. Auch Genitalien werden verstümmelt.

Auch Prominente bekennen sich

Manche verbrennen sich selbst mit Zigaretten, kratzen Körperteile mit den Fingernägeln auf, reißen sich Haare aus oder brechen sich Knochen. Internetforen und Chatrooms sind voll solcher Bekenntnisse. „Mein Leben ist einfach die Hölle und ich bin erst 13. Jede Beleidigung in meiner Klasse trifft mich. Ich komme nicht mehr vom Ritzen los“, berichtet ein Mädchen. Auch Prominente haben sich laut Internet geoutet. Angelina Jolie oder Lady Di sollen sich schon selbst verletzt haben.

Marianne Klein findet diese Bekenntnisse kontraproduktiv: „Prominente haben Vorbildcharakter und werden als Idole eher nachgeahmt.“ Das Ritzen sei sowieso etwas, das man als Jugendlicher mal so ausprobiere, weil es die anderen auch machen. Ähnlich wie Rauchen, nur dass dabei nicht die Gefahr eines Suizids besteht. Das kann beim Ritzen schon passieren, sagt Klein: Jugendliche geraten in eine Trance und merken gar nicht, dass sie verbluten, weil Denken, Handeln und Fühlen voneinander abgeschnitten sind.

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