Verbrecher gefasst

Eine Frau wurde Thomas Wolf zum Verhängnis

Die Jagd nach Deutschlands meistgesuchtem Verbrecher ist zu Ende. Die Reeperbahn in Hamburg wurde zu Thomas Wolfs Endstation. Die Polizei hatte schon seit Montag einen entscheidenden Hinweis auf den Erpresser und Bankräuber. Die Frau, mit der Wolf anbändeln wollte, kann jetzt auf eine Belohnung hoffen.

Der Trick mit der Lebensgefährtin als Tarnung hatte fast neun Jahre lang perfekt funktioniert. Neun Jahre, in denen Deutschlands meistgesuchter Verbrecher Thomas Wolf unerkannt mit seiner Freundin in einem gesichtslosen Mehrfamilienhaus im Frankfurter Westend lebte. Nicht einmal die Frau selbst, eine überarbeitete Lehrerin, soll den Hauch einer Ahnung gehabt haben, mit wem sie Tisch und Bett teilte.

Doch dass Wolf nun in Hamburg nach demselben Muster untertauchen wollte, wurde ihm zum Verhängnis: Wie Morgenpost Online aus Polizeikreisen erfuhr, wurde eine Frau, mit der er in der Hansestadt anzubändeln versuchte, misstrauisch. Sie konnte sich einige Eigenarten des hochgewachsenen, sportlichen 56-Jährigen nicht erklären, forschte im Internet nach – und bekam heraus, wer ihr Verehrer war. Am Montag dieser Woche wählte sie die Hotline-Nummer der Frankfurter Polizei, wo eine 80 Mann starke „Soko Wolf“ seit Monaten verbissen nach dem Verbrecher suchte.

Neun Jahre vergebliche Suche

Es war der entscheidende, der alles verändernde Tipp. Neun lange Jahre hatten Hamburgs Zielfahnder um Hauptkommissar Jörn Blicke nach Thomas Wolf gesucht, nachdem er Ende 1999 nicht aus einem Hafturlaub zurückgekehrt war. Am Donnerstag Punkt 18.27 Uhr ging ihnen Deutschlands meistgejagter Verbrecher dann mitten auf der Reeperbahn ins Netz. Die Freude über den Fang war derart groß, dass sich gestandene Polizeibeamte in Hamburg und Frankfurt in die Arme fielen.

„Wir sind überaus erleichtert“, sagte Frankfurts Vize-Polizeichefin Sabine Thurau am Morgen nach der Festnahme. Denn Wolf, der im März diesen Jahres bei der Entführung einer Bankiersgattin in Wiesbaden fast zwei Millionen Euro Lösegeld erbeutet hatte, gilt als einer der skrupellosesten Gewalttäter des Landes. "Wir haben befürchtet, dass er nach Aufbrauchen der Beute erneut zuschlagen würde“, sagte Thurau. Diese Gefahr ist endgültig gebannt. Wolf sitzt hinter Gittern und wird demnächst nach Wiesbaden gebracht. Neben seiner ursprünglichen Reststrafe von sechs Jahren hat er mit weiteren 15 Jahren Gefängnis zu rechnen.

„Es war eine der längsten und schwierigsten Zielfahndungen, die wir je in Hamburg hatten“, sagt Hauptkommissar Blicke. Denn Thomas Wolf war ein Chamäleon, hinterließ kaum Spuren. Er plante jede Aktion sorgfältig, war dabei aber einfach zu gewöhnlich, zu unauffällig. „Er führte ein einfaches Leben“, sagt Blicke. Zu einfach für die Polizei. Es gab kaum Ansatzpunkte. Viele Hinweise auf Thomas Wolf erwiesen sich als falsch. Andere kamen so spät, dass die Fahndung ins Leere lief.

Doch am Montag dieser Woche war das anders. Die Frankfurter „Soko Wolf“ gab den Tipp aus Hamburg an die Kollegen weiter. „Wir hatten schon viele solcher Hinweise. Oft war schnell klar, dass es sich nicht um Wolf handelte“, sagt Blicke. Insgesamt mussten die Fahnder bis zum entscheidenden Anruf 751 Hinweisen aus der Bevölkerung nachgehen, nachdem 25.000 Fahndungsplakate in ganz Deutschland geklebt und zwei Mal in der Sendung „Aktienzeichen XY ... ungelöst“ nach Wolf gesucht worden war.

Doch dieses Mal passte alles: die Beschreibung des Aussehens und Verhaltens, aber auch die Art, sich zu kleiden. Am Donnerstag, so wussten die Fahnder, würde der Verdächtige in der Hamburger Innenstadt unterwegs sein. Ein engmaschiges Netz von zivilen Posten wurde aufgezogen, außerdem Überwachungstechnik eingesetzt. Über ihr genaues Vorgehen will die Polizei keine Angaben machen. Doch bekannt ist: Gegen 18 Uhr erkannten einige Fahnder Wolf auf dem Kiez, verloren ihn kurz aus den Augen, und entdeckten ihn bald darauf in der Kultkneipe „Lehmitz“ direkt auf der Reeperbahn. Als er kurz vor 18.30 Uhr heraus kam, stürzten sich zivile Elitepolizisten des Mobilen Einsatzkommandos auf den Gewalttäter und warfen ihn zu Boden.

"Er leistete keinen Widerstand“, sagt Polizeisprecher Ralf Meyer. "Er hatte auch keine Chance dazu.“

Er hatte eine Plastiktüte dabei

Als Wolf die Handschellen angelegt wurden, fragte einer der Beamten, ob er der Gesuchte sei. Wolf habe „eine flapsige Antwort“ gegeben, die seine Identität offen ließ, berichtet die Polizei. In der Plastiktüte, die er bei seinem Spaziergang dabei hatte, steckten keinerlei persönliche Papiere, aber entgegen der Befürchtung der Fahnder auch keine Waffen. Nach der Überprüfung seiner Fingerabdrücke durch das Bundeskriminalamt war klar, dass den Beamten tatsächlich der ganz große Fang gelungen war.

Bald darauf, so berichtete es der Frankfurter Soko-Leiter Matthias Weber, gestand Wolf dann auch die Entführung in Wiesbaden. Über den Verbleib der 1,8 Millionen Euro Lösegeld schweigt er sich weiterhin aus.

Die Polizei konnte unterdessen seinen Aufenthaltsort in Hamburg ausfindig machen. Wolf hatte sich im Hotel "Condor“ am Steintorweg im Bahnhofsviertel St. Georg einquartiert. Dort bewohnte er das Zimmer 27. Das passte. „Wolf hatte immer nur in billigen Hotels – oft in Bahnhofsvierteln – gewohnt“, sagt Blicke. Im Zimmer des Gesuchten fand die Polizei 140.000 Euro, Geld, das aus der Entführung in Wiesbaden stammt. Außerdem lag dort das Medikament, das Wolf regelmäßig nehmen muss, nachdem seine Schilddrüse herausgenommen wurde.

Mittlerweile ist klar, dass Wolf mindestens sieben oder acht Tage in Hamburg war, möglicherweise schon seit dem 13. Mai, also einen Tag, nachdem er noch einmal von einem Spaziergänger im Rhein-Main-Gebiet identifiziert worden war. Dass es einen konkreten Grund für seinen Aufenthalt in Hamburg gab, glaubt Blicke nicht. Schon Ende März, direkt nach der Entführung der Bankiersgattin, hatte sich Wolf mit dem Lösegeld aus Frankfurt abgesetzt und war seither kreuz und quer durch Deutschland gejagt worden.

Leben mit zahlreichen Pseudonymen

Nicht ganz klar ist, warum der Verbrecher nicht ins Ausland floh, wo nicht ganz so intensiv nach ihm gefahndet wurde. Immerhin spricht Wolf fließend englisch und niederländisch, lebte in Frankfurt auch unter dem niederländischen Pseudonym David van Dyke. Doch Blicke, der nach der jahrelangen Fahndung mit dem Charakter des Verbrechers vertraut ist, erklärt sich die Zielwahl mit Wolfs „einfachem Naturell“. Außerdem hat er wahrscheinlich auch in den Niederlanden Banküberfälle begangen.

Seine letzten Stunden in Freiheit hatte Wolf mit einer Shopping-Tour durch die Innenstadt verbracht. Er war vom Hotel aus in Richtung St. Pauli geschlendert. „Sein Weg war ziellos“, sagt Blicke. Wolf kaufte ein wenig ein, erstand noch ein Hemd und besuchte einige Kneipen und Lokale, um Kaffee zu trinken. Im „Lehmitz“ dürfte auch Höherprozentiges dabei gewesen sein. Wolf, so wissen die Zielfahnder, ging nicht nur gern schwimmen oder stählte sich durch Bodybuilding. Er trank auch regelmäßig Alkohol, am liebsten Gin Tonic. Aber nie so viel, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle gehabt hätte. Ohnehin saß er am liebsten an einem Platz in der Nähe der Tür. Ganz ohne Kneipenbesuche kam Wolf nicht aus – er brauchte offenbar die Geselligkeit.

Jetzt sitzt Wolf im Untersuchungsgefängnis Hamburg. Die Zielfahnder können die Akten zu einem ihrer schwierigsten Fälle schließen. „Es war extrem mühsam, seine Spuren zu verfolgen“, sagt Blicke. „Er hatte nur sehr wenige hinterlassen.“ Der Meister der Verwandlung benutzte insgesamt 14 verschiedene Identitäten, veränderte sein Aussehen und gab sich gerne als Engländer oder Holländer aus. Dabei hat er keine höhere Bildung, sondern lediglich im Gefängnis einen Hauptschulabschlusskurs und einen Lehrgang zum Fräser absolviert.

Seine kriminelle Karriere begann früh, im Alter von 15 Jahren. Zunächst klaute Wolf Räder und Kleinigkeiten in Läden, später kamen Raub, Betrug, schwere räuberische Erpressung, Verabredung zur Geiselnahme und Gefängnismeuterei dazu. Von 1981 bis Ende 1999 saß Wolf in fast jedem Gefängnis Nordrhein-Westfalens, und drei Mal nutzte er schon die Gelegenheit zur Flucht: 1982 entkam er aus einer Gefängnisklinik, 1988 zersägte er die Gitterstäbe in Gütersloh, 1989 nutzte er den gelockerten Vollzug in Geldern zum Türmen. Ein Fluchtversuch mit Geiselnahme scheiterte.

Dennoch wurde ihm an Silvester 1999 erneut Hafturlaub gewährt, den er prompt für seine Zwecke nutzte. Im April 2000 überfiel er mit einer Bombenattrappe eine Bank in Hamburg und erbeutete eine halbe Million Mark. Nach demselben Schema soll er drei Jahre später bei einer Bank in Eindhoven vorgegangen sein.

Für die Tippgeberin hat sich der Anruf wohl gelohnt: Insgesamt 100.000 Euro Belohnung war auf Wolfs Festnahme ausgesetzt.

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