Selbstjustiz

Kalinkas Vater gesteht Entführung des Arztes

Vor mehr als 25 Jahren soll der Arzt den Tod der damals 14 Jahre alten Kalinka verantwortet haben. Der leibliche Vater hat seitdem keine Ruhe gefunden. Jetzt hat er eingeräumt, die Entführung des 74 Jahre alten Mediziners nach Frankreich organisiert zu haben. Geknebelt und gefesselt wurde der alte Mann gefunden.

Foto: AFP

Der ungesühnte Tod seiner Tochter vor mehr als 25 Jahren hat einen Vater aus Frankreich zu einem verzweifelten Akt der Selbstjustiz getrieben.

André Bamberski ließ den Arzt Dieter K. in Deutschland von osteuropäischen Handlangern entführen und, gefesselt und verletzt, vor einem Gerichtsgebäude im ostfranzösischen Mühlhausen ablegen, wie bekannt wurde. Bamberski verdächtigt den Arzt, vor 27 Jahren seine 14-jährige Tochter Kalinka missbraucht und getötet zu haben.

Dieter K. war 1995 von einem Pariser Schwurgericht in Abwesenheit wegen Gewalttätigkeit mit fahrlässiger Tötung zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der heute 74-Jährige soll Kalinka in seinem Haus missbraucht und ihr eine Betäubungsspritze gegeben haben, die zum Tode führte. Die deutsche Justiz sah aber keine hinreichenden Beweise für eine Strafverfolgung K.'s. und lieferte ihn nicht aus.

Zuletzt lebte er alleinstehend im Landkreis Lindau, wo er am 17. Oktober auch entführt wurde. Bereits kurz nach der Entführung des Arztes hatten Zeugen vor dem Haus des Mannes Blutspuren und Gegenstände entdeckt und die Polizei informiert.

Der 72-jährige André Bamberski räumte im Verhör ein, die Verschleppung von K. in Auftrag gegeben zu haben. Bamberski wurde in Mühlhausen festgenommen und am Dienstagabend angeklagt, unter Auflagen aber auf freien Fuß gesetzt, wie aus Justizkreisen verlautete.

Kalinka Bamberski war 1982 tot in K.'s Haus aufgefunden worden. Der Arzt lebte damals mit Kalinkas Mutter zusammen, die sich von André Bamberski getrennt hatte.

Weil die deutsche Justiz alle Auslieferungsanträge Frankreichs aus Mangel an Beweisen ablehnte, sah sich Bamberski nun zur Selbstjustiz gezwungen, wie er vor Journalisten erklärte. „Am 9. Oktober erteilte der Vater einem Mann den Auftrag, der den Arzt ein wenig kannte, ihn nach Frankreich zu verschleppen, damit er dort seine Strafe verbüße“, bestätigte ein Justizsprecher. Ein Mann mit starkem russischen Akzent habe die Polizei in der Nacht zum vergangenen Sonntag angerufen und angegeben, wo K. abgelegt worden sei.

Der Ausgang des Dramas ist ungewiss: Nachdem K. gefesselt und mit Kopfverletzungen vor dem Gericht in Mühlhausen gefunden worden war, wurde er zunächst in ein Krankenhaus gebracht und anschließend auf Grundlage eines europäischen Haftbefehls in Untersuchungshaft genommen.

Die Staatsanwaltschaft Kempten ermittelt nun sowohl gegen Bamberski als auch gegen weitere Mittäter. Ein 38-jähriger Mann habe sich bereits der Polizei in Österreich gestellt und seine Beteiligung an der Entführung eingeräumt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der aus dem Kosovo stammende staatenlose Mann habe umfangreich zu der Entführung ausgesagt und auch Komplizen belastet.

Die bayerische Justizministerin Beate Merk erteilte Selbstjustiz eine klare Absage und kündigte an, die Entführung werde mit aller Konsequenz verfolgt. „Es ist inakzeptabel, wenn einzelne sich selbst zum Richter und auch gleich zum Vollstrecker aufschwingen, wenn sie mit staatlichen Entscheidungen nicht einverstanden sind“, sagte die CSU-Politikerin. „Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun.“