Holzklotz-Prozess

Ein Junkie vor Gericht – Warf er oder warf er nicht?

Im Mai gestand Nikolai H. den tödlichen Holzklotzwurf von einer Autobahnbrücke. Später widerrief der heroinabhängige Mann. Jetzt steht er vor Gericht – und schweigt. Sein Anwalt verteidigt die Unschuld des Mandanten vehement. Und erklärt, dass dieser schon einmal eine Tat auf sich nahm, die er gar nicht begangen habe.

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Vor dem Landgericht Oldenburg hat der Prozess gegen einen Mann begonnen, der einen Holzklotz von einer Autobahnbrücke geworfen haben soll, wodurch eine Frau ums Leben kam.

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Nikolai H. betritt unsicher den Schwurgerichtsaal des Oldenburger Landgerichts. Ein schmaler, mittelgroßer Mann mit kurz geschorenem Haar, der jünger wirkt als 30. Am 23. März dieses Jahres soll H. von der Brücke Butjadinger Straße bei Oldenburg auf die Autobahn A29 einen sechs Kilogramm schweren Holzklotz geworfen haben. Der Klotz durchschlug die Frontscheibe eines silberfarbenen BMW, in dem eine vierköpfige Familie aus dem nordrhein-westfälischen Telgte saß. Die Beifahrerin Olga K. wurde getroffen und starb noch am Unfallort. Nikolai H. ist nun angeklagt wegen Mordes und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

Der tragische Tod der zweifachen Mutter hatte für Furore gesorgt. Nicht nur wegen der so brutalen wie sinnlosen Tat. Es soll auch Drohungen und Racheschwüre innerhalb der Communitiy gegeben haben. Denn sowohl der Angeklagte als auch das Opfer sind so genannte Russlanddeutsche.


Auch im Verhandlungssaal ist die Atmosphäre ist angespannt. Prozessbeobachter werden streng durchsucht. Vor dem Angeklagten steht eine Wand aus Panzerglas. Nikolai H. gegenüber sitzt nur wenige Schritt entfernt der Ehemann des Opfers, der 36-jährige Alexander K. Er wirkt traurig und erschöpft. Und irgendwie auch erstaunt, als begreife er nicht, was hier vor Gericht geschieht.


Es ist für einen Außenstehenden letztlich auch schwer nachzuvollziehen. Kommt es an diesem ersten Verhandlungstag doch nur zur Verlesung der Anklageschrift. Nikolai H. lehnt ab, etwas auszusagen.


Sein Geständnis, das er am 21. Mai bei der Polizei ablegte, hatte er schon vor Prozessbeginn widerrufen. Die Kammer muss nun prüfen, ob Nikolai H. am 21. Mai überhaupt vernehmungsfähig war. Er ist heroinsüchtig und soll bei seinen entlastenden Aussagen unter starkem Entzug gestanden. Man werde die Verwertbarkeit dieser Aussage genau prüfen, kündigte der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz an. „Und wenn nötig, ziehen wir bis vor das Bundesverfassungsgericht.“

Einen weiteren Verteidigungsansatz sehen die Anwälte in der Frage, ob es überhaupt stimmt, was sein Mandant am 21. Mai zu Protokoll gab. Nikolai H. sei ein schwer berechenbarer Mann und äußerst leicht zu beeinflussen, sagt sein Verteidiger Matthias B. Koch. Man müsse vor Gericht noch klären, „wie die Situation bei der Vernehmung war“. Habe sein Mandant vor zehn Jahren doch schon einmal eine Tat auf sich genommen, die er gar nicht begangen habe: einen Verkehrsunfall mit zwei Toten. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt Koch. „Da musste ihm die Staatsanwaltschaft nachweisen, dass die Faserspuren auf dem Fahrersitz nicht von ihm stammten. Erst danach hat er zugegeben, dass ein anderer gefahren war.“

Auch im Holzklotz-Fall hatte Nikolai H. bei der Polizei nur ein vages Motiv für die sinnlos Tat genannt: Er sei an jenem Abend frustriert gewesen, weil er ein kein Heroin habe auftreiben können. Aber er soll auch Beobachtungen kundgetan haben, die nach Meinung der Ermittler „Täterwissen“ sind. So hatte er geschildert, wie das Auto nach dem Wurf des Holzklotzes bremste, der Fahrer um die Kühlerhaube herum rannte und sich um die Person auf dem Beifahrersitz kümmerte.

Genau so hatte es auch der 36-jährige Alexander K. bei der Polizei beschrieben. Er habe sein Frau Olga sogar noch mit Mund-zu-Mund-Beatmung retten wollen, hatte er gesagt. Doch es gab dafür keine Möglichkeit mehr. Der sechs Kilogramm schwere Pappel-Stamm hatte den Oberkörper der 33-Jährigen zerschmettert.

Die Polizei hatte Anfang April öffentlich verkünden lassen, dass sie am Holzklotz DNA-Spuren gefunden hätten und über einen Massengentest nachdächten. Doch es gab einen Mann, der den Holzklotz nach Meinung der Beamten berührte, und nun fürchtete, identifiziert zu werden: Nikolai H., der am 5. April freiwillig bei der Polizeistation Rastede erschien. Es soll angeblich reiner Ordnungssinn gewesen sein, hatte er gesagt. Der Holzklotz habe im Wege gelegen und er habe ihn beiseite gelegt. Die Anwälte bezweifeln auch den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. „Hier muss vor Gericht alles noch einmal genau geprüft werden“, sagt Schulz. „Wir wollen Gewissheit haben, ob dieser Angeklagte wirklich ein so genannter Brückenteufel ist.“