Nach Amoklauf von Winnenden

"Der Tod unserer Kinder war sinnlos"

Mehr als sechs Wochen nach dem Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten kennen die Ermittler immer noch nicht das Motiv des Täters Tim K. Die Familien der Opfer halten Killerspiele für die Tragödie mitverantwortlich und fordern ein Verbot. So wollen sie anderen Jugendlichen das Leben retten.

Nach den unfassbaren Gewalttaten von Winnenden und Eislingen bleibt Ratlosigkeit. Wie waren die netten jungen Männer aus der Nachbarschaft, die selbst fast noch Kinder waren, zu solchen Taten fähig? Welche Rolle spielte ein zu leichter Zugang zu Waffen, welche die Abstumpfung durch brutale Computerspiele?

Fragen, denen Wieland Backes beim SWR-Talk Nachtcafé in Ludwigsburg mit Betroffenen und Experten nachging. Diskutiert wurde 90 Minuten. Erwartungsgemäß blieben viele Fragen offen – doch Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) versprach: Es wird sich etwas ändern.

Große Stärke zeigt Gisela Mayer, deren 25 Jahre alte Tochter vom Winnender Amokläufer erschossen wurde. „Der Tod unserer Kinder war sinnlos“, sagt sie. Mit anderen Eltern ist sie an die Öffentlichkeit gegangen, um dem Verlust einen Sinn zu geben. „Wir tun das sozusagen für alle anderen Kinder, alle die, die leben“, sagt sie, und fordert eine Verschärfung des Waffenrechts und ein Verbot für Killerspiele.

Fabienne Schneider, deren Sohn Yvan Opfer eines anderen extrem brutalen Verbrechens wurde, pflichtet ihr bei: „Wir wissen auch, dass der Haupttäter die meiste Zeit vor Killerspielen saß.“ Sie als Eltern seien „lebenslänglich“ in ihren Gefühlen gefangen.

Wissenschaftliche Unterstützung bekommen die beiden Betroffenen vom Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Wer sich viel mit Gewalt beschäftige, sie vielleicht noch aktiv am Bildschirm ausübe, werde gewalttätiger, warnt dieser. „Die Seele nimmt auf Dauer die Farbe der Gedanken an“, sagt er, oder anders: Die Gehirne ändern sich durch ihre Benutzung. Das sei eindeutig nachgewiesen.

Dennoch wird dies in Abrede gestellt von einem Mann, der gern am Computer kämpft: Die Spiele ab 16 seien zum Teil nur die moderne Fortsetzung von Räuber und Gendarm, sagt Ibrahim Mazari (34). Jugendliche seien durchaus in der Lage, zwischen der virtuellen und der wirklichen Welt zu unterscheiden.

„Auf der Spielerebene bin ich schon ein bisschen abgestumpft, aber wenn draußen jemand einen Unfall hat, und er blutet, wäre ich der erste, der hinrennt“, sagt der therapierte Spielsüchtige Steffen Holle (21) zur Bestätigung. Unter diese Diskussion zieht Mayer einen Strich mit einer einfachen Frage: „Was ist denn der Nutzen von diesen Spielen? Strategie kann ich auch beim Schach lernen, sogar besser.“ Die Antwort bleiben die Spielefans ihr schuldig.

Auch andere Fragen bleiben unbeantwortet. Etwa: Helfen Verbote oder zwingen sie die Waffennarren und Computerspieler nur in die gefährliche Illegalität? Und: Wäre eine Steuer auf Gewaltszenen, die brutale Spiele und Filme teurer machen würde, vielleicht eine Lösung?

Hierzu meint Innenminister Rech: „Mit einer Steuer belegen, so dass der Staat an Gewaltszenen im Fernsehen oder sonstwo noch Geld verdient? Das lässt mich auch ein wenig erschaudern.“

Er appelliert an die Eltern, ihrer Erziehungsverantwortung gerecht zu werden und die eigene Medienkompetenz zu stärken. Ganz ohne Versprechen lässt er die Betroffenen aber nicht nach Hause gehen: „Beim Medienangebot ist der Staat gefordert – und da müssen wir mit Verboten ganz klare Kante zeigen.“