Überlingen-Drama

Mildere Strafe für Tötung eines Fluglotsen

Die Haftstrafe gegen den Russen, der nach der Katastrophe von Überlingen einen Fluglotsen getötet hat, ist im Revisionsverfahren erheblich reduziert worden. Das Obergericht des Kantons Zürich senkte das Strafmaß. Am Schuldspruch änderte sich aber nichts.

Foto: DDP

Die Flugzeugkatastrophe von Überlingen aus dem Jahr 2002 mit 71 Toten – heute wurde die Erinnerung wieder wach. Ein russischer Hinterbliebener wird einem zweiten Urteil zufolge für die Tötung des Fluglotsens der Unglücksnacht milder bestraft, Hoffnung auf eine vorzeitige Freilassung kann sich der 51-Jährige, der den Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung Skyguide knapp zwei Jahre nach dem Unglück erstochen hatte, jedoch vorerst nicht machen.

Das Obergericht des Kantons Zürich gab bekannt, dass die Freiheitsstrafe von acht Jahren auf fünf Jahre und drei Monate verringert wird. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft kündigte umgehend Beschwerde bei der höchsten Instanz an, dem Schweizer Bundesgericht. Auch die Verteidigung schloss nicht aus, erneut Rechtsmittel einzulegen.

Der Bauingenieur Witali K., der bei dem Flugzeugabsturz am 1. Juli 2002 seine Familie verloren hat, war am 26. Oktober 2006 wegen vorsätzlicher Tötung zu einer achtjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden. Das Obergericht musste jetzt auf Anweisung der oberen Instanz das Strafmaß neu festsetzen.

Es bescheinigte dem Verurteilten "in hohem Grad verminderte Schuldfähigkeit“. Unter Anrechnung der Untersuchungshaft hat er etwa zwei Drittel der Strafe bereits verbüßt. "Das Urteil hat er mit Genugtuung entgegengenommen“, sagte Verteidiger Markus Hug. Staatsanwalt Ulrich Weder kritisierte dagegen das "überaus milde Urteil“.

Die ganze Familie des Russen war im Unglücks-Flugzeug

Der 51-Jährige hatte den 36-jährigen dänischen Fluglotsen, der in der Unglücksnacht allein im Zürcher Kontrollzentrum im Einsatz war, am 24. Februar 2004 umgebracht. In dem Flugverkehrsleiter hatte er den Hauptschuldigen der Tragödie gesehen. Bei der Flugzeugkatastrophe vom 1. Juli 2002 waren die Frau, der elfjährige Sohn und die vierjährige Tochter des Russen ums Leben gekommen.

Im Prozess Ende Oktober 2005 hatte der Hinterbliebene bestritten, voller Rache nach Zürich gereist zu sein, um den Lotsen zu töten. Er beteuerte, er habe ihn in dessen Haus in Zürich-Kloten aufgesucht, um ihm Fotos seiner toten Kinder zu zeigen und ihn zu bitten, sich bei ihm für das Leid zu entschuldigen.

Der Täter war der erste Angehörige am Unfallort

Begonnen hatte das tödliche Drama in Barcelona, wo der Russe seit 2000 arbeitete. Vergeblich hatte er in der Unglücksnacht am Flughafen auf seine Familie gewartet. Die spanische Mittelmeermetropole war das Ziel der Tupolew der Bashkirian Airlines mit 69 Menschen an Bord, deren Bahn sich mit einer von zwei Piloten geflogenen DHL-Fracht- Boeing am Bodensee kreuzte. Witali K. war als erster Angehöriger am Unglücksort und suchte mit den Einsatzkräften nach seinen Lieben. Zurück in seiner Heimat bildete die Trauer seinen einzigen Lebensinhalt. Nach Medienberichten hatte er seine Wohnung wie eine Gedenkstätte hergerichtet und ein Mausoleum bauen lassen.

"Ich habe praktisch zwei Jahre auf dem Friedhof verbracht“, hatte er im Prozess erzählt. Die Untersuchungen nach dem Unglück gingen nach seiner Ansicht zu langsam voran, Schuldige wurden nach seinem Eindruck nicht zur Rechenschaft gezogen. Er vermisste Mitgefühl und vor allem eine Entschuldigung seitens Skyguide. Am Ende des Prozesses hatte er sich zu einer Entschuldigung bei der Familie des Lotsen durchgerungen, der Vater von zwei Kleinkindern war.

Wegen des Flugzeugunglücks haben acht Skyguide-Mitarbeiter in der Schweiz vor Gericht gestanden. Sie mussten sich im vergangenen Mai wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Das Urteil wird am 4. September verkündet. Am vergangenen Sonntag war in Überlingen anlässlich des fünften Jahrestags mit mehreren Veranstaltungen an die Flugzeugkatastrophe erinnert worden. Dazu waren auch 35 russische Familienangehörige der Opfer an den Bodensee gekommen. Witali K. konnte nicht dabei sein. "Das war ein schwerer Tag für meinen Mandanten“, sagte sein Anwalt.

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