Mediale Hassfiguren

Mein täglich Feindbild gib mir heute

Mediale Hassfiguren sind unersetzlich. Zu ihnen zählen Heidi Klum, Dieter Bohlen oder Politiker wie Guido Westerwelle und Roland Koch. Je mehr diese Menschen an unseren Nerven sägen, desto weniger können wir von ihnen lassen. Sonst wüssten wir ja nicht, wer wir sind.

In irgendeinem Sketch sah man vor Jahren den Kabarettisten Gerhard Polt breitbeinig vor dem Fernseher fläzen und in den Apparat pöbeln: „Jetzt bringen die den schon wieder.“ Das ist eine typische identitätsstiftende Situation.

Neben den hehren Fernsehlieblingen, an denen sich ein Großteil der Bevölkerung nicht sattsehen zu können scheint, gibt es die mindestens so wichtigen Feindbilder, deren regelmäßiges Erscheinen auf dem Bildschirm und in Boulevardmagazinen der Medienkonsument mit wüsten Verfluchungen quittieren kann.

Essenziell ist dabei freilich, dass die zum Teufel gewünschte Reizfigur wirklich zuverlässig immer wieder aus dem digitalen Höllenpfuhl aufsteigt und man die Schimpfkanonaden, die man über ihr ausschütten wird, mit dem insgeheim erleichterten Stoßseufzer einleiten kann, dass „die den schon wieder bringen“.

Im wahren Leben echte Feinde zu haben ist recht unangenehm. Das medial vermittelte Feindbild hingegen bietet die ideale Projektionsfläche für risikolose Aggressionsabfuhr.

Der Mann oder die Frau auf der Mattscheibe hört ja die üblen Herabwürdigungen nicht – und wenn, könnte er oder sie deren Absender nicht identifizieren. Eine effektivere Form bequemer Abreaktion niederer Hass- und Neidinstinkte bietet allenfalls das anonyme Kommentieren im Internet.

Dabei muss man bei den virtuellen Feindbildern zwischen verschiedenen Kategorien unterscheiden. Neben der lupenreinen Hassfigur, die als Inbild des Bösewichts dient, gibt es noch die Nervensäge, über deren grenzenlose Aufdringlichkeit man sich kopfschüttelnd fassungslos zeigen kann, und die Spottfigur, über deren peinliches Wesen man entweder ätzenden Spott ausgießen oder für die man sich mit wohligem Schauder ohne Ende fremdschämen kann. Prototypisch für den ersten Typus, den kollektiv verdammten Bösewicht, ist unbestritten Josef Ackermann.

Seit der Deutsche-Bank-Chef vor Gericht das Victoryzeichen gemacht hat, gilt er als Ausgeburt zynischer, kapitalistischer Menschenverachtung. In einem Land, in dem Geld, sofern es nicht unter dem eigenen Kopfkissen gehortet wird, sondern als Kapital „vagabundiert“ und sich „von der Realwirtschaft abkoppelt“, als dämonischer Seelenverderber gilt, ist man unendlich dankbar, wenn die abstrakte Macht des Finanzkreislaufs eine Gestalt aus Fleisch und Blut annimmt, mit der man dem ungreifbaren Bösen einen Namen geben kann.

Da kann Ackermann noch so bieder lächelnd den sonoren Schweizer herauskehren und seine Ader für die soziale Marktwirtschaft betonen – in der Rolle als oberster Hexer des Raubtierkapitalismus ist er unersetzlich. An ihn heran kommt allenfalls noch ein Altstar wie Roland Koch, der zu seinem Ruf, soziale Tiefkühltruhenkälte zu verbreiten, auch noch als wulstlippiger Unsympath verschrien ist.

Am anderen Ende des Spektrums der Feindbilder finden sich an sich harmlose, aber medial allgegenwärtige Nervensägen wie der Entertainer Oliver Pocher und der Comedian Mario Barth, die – jenen hyperaktiven Kindern gleich, welche von der Super-Nanny gern mal auf die „stille Treppe“ geschickt werden – mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wissen, sobald sie merken, dass sich die Erwachsenen miteinander unterhalten wollen.

Fließend werden die Übergänge von der Nervensäge zur Spottfigur, wenn es sich um Sternchen wie Sandy Meyer-Wölden oder „Naddel“ Abd El Farrag handelt, bei denen man sich die quälende Frage stellen muss, welchen Grund es eigentlich gibt, dass sie permanent auf der Mattscheibe erscheinen – außer dem, dass sie einmal Gespielinnen dieser oder jener Nervensäge waren.

(Dass es übrigens möglich ist, von einem wahrhaften Weltstar in die Liga der medialen Nervensägen absteigen beweist – nein, nicht Lothar Matthäus, obwohl, der wohl auch, sondern Boris Becker.) Zu den Spottfiguren lassen sich im Übrigen pauschal die Insassen des RTL-„Dschungelcamps“ rechnen, einer Sendung, die eigentlich nicht „Ich bin?…“, sondern „Ich war einmal ein Star – holt mich hier raus“ heißen müsste.

Dass man freilich auch von der Nervensäge zur veritablen Hassfigur aufsteigen kann, wenn man durch zu erfolgreiches und geschäftstüchtiges Agieren den Dünkel der gebildeten und sich für gebildet haltenden Stände zu dreist hervorkitzelt, beweisen die Beispiele Dieter Bohlen und Heidi Klum.

Sie gehören zu den beliebtesten Feindbilder jenes Typus des wichtigtuerischen, geistig manikürten Möchtegernintellektuellen und Verächters der „Spaßgesellschaft“, wie ihn in seiner öligsten und verlogensten Art Roger Willemsen verkörpert, der selbst eine unvermeidliche TV-Nervensäge ist. Willemsen treibt die bildungskleinbürgerliche Attitüde naserümpfender Verachtung der nach Unterschicht müffelnden sogenannten Trivialunterhaltung so weit, dass er bei den Taliban weit mehr kulturelle Tiefe entdeckt als in Castingshows wie Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“.

Mit diesem oberschülerhaften Krähwinkel-Snobismus stellt er sogar noch die Trivialkulturphobie der ewigen Doyens der deutschen Nachkriegsliteratur um Günter Grass und Christa Wolf in den Schatten, die sich nicht zu schade waren, jüngst einmal mehr eine Erklärung gegen den fortschreitende Kulturverfall zu signieren – ausgelöst durch die 18-jährige Schreibdebütantin Helene Hegemann, die seitenweise von einem Blogger abgeschrieben haben soll. Martin Walser hatte da mit Reich-Ranicki doch noch ein höherkarätiges Lieblingsfeindbild, um daran seine Obsessionen abzuarbeiten.

Da der Standardvorwurf gegen Bohlen und Klum nicht nur der der „Menschenverachtung“, sondern auch der des hemmungslosen „Kommerzes“ ist, schaffen sie es feindbildmäßig zumindest mit einem Bein locker in die Beelzebub-Liga von Joe Ackermann. Freilich sind sie auch das Paradebeispiel dafür, dass des einen Feindbild meist des anderen Idol ist. Gerade weil sie die weniger betuchten und dünkelhaften Stände als Helden des selbst erstrittenen Aufstiegs bewundern, denen die Feuilletonkritik an der prall gefüllten Gesäßtasche vorbeigeht, werden sie von den vermeintlichen Gralshütern des nationalen Kulturerbes als besonders schlimme Bedrohung wahrgenommen.

Kommen wir nun zum chimärenhaften Fabelwesen unter den aktuellen medialen Feindbildern – zu Guido Westerwelle. Er ist einer der ganz wenigen, die Züge der Hassfigur, der Nervensäge und des Spottbildes mühelos in sich vereinigen.

Als schlimmer sozialdarwinistischer Einpeitscher zum raubtierkapitalistischen Kreuzzug gegen die sozial Bedürftigen steht er für jeden anständigen Deutschen, der etwas auf sein soziales Gewissen hält, in der Bösewichtskala natürlich direkt neben Ackermann.

Doch auch jene, die den politischen Aussagen Guidos durchaus etwas abgewinnen können, graust es nicht selten vor ihm. Ähnelt er mit seinem stets einen Tick zu lauten Mundwerk und frech herausfordernden Grinsen doch einem pubertierenden Nachwuchs-Hooligan, der, weil es ihm die Eltern ausdrücklich verboten haben, die Beine extra dreist auf den Esstisch knallt und provozierend ausruft: „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab.“

Auch mancher der FDP ideologisch wohlgesinnte Beobachter kommt somit nicht umhin, Guido ins Bestiarium der Topnervensägen Deutschlands aufzunehmen. Er entbehrt freilich auch nicht der Qualitäten einer Spottfigur, wenn er wieder mal so steif und glatt gebügelt um Würde bemüht einherschreitet, als habe er, um Heinrich Heine zu paraphrasieren, den Stock verschluckt, mit dem man ihn einst geprügelt.

Westerwelles Problem beim Aufstieg in die absolute Spitzenklasse der Buhmänner ist es, dass es trotz aller empörungstriefender Aufplusterei aus dem Sozi- und Gewerkschaftslager bei den meisten ihm gegenüber einfach nicht zum blanken Hassgefühl reichen will. Zu intensiv schieben sich immer wieder spöttelnder Hohn oder kalte Verachtung vor diese dramatische Emotion.

Und so müssen wir fürchten, dass uns im medialen Einheitsbrei die richtig zündenden Feindbilder ausgehen. Hans Magnus Enzensberger hat in einem Gedicht einen alternden Diktator beschrieben, der seine Insel zum waffenstarrenden Bollwerk gegen eine drohende Invasion hat ausbauen lassen. Nun starrt er melancholisch auf das Meer, in sehnsüchtiger Erwartung, dass die gegnerische Armada endlich am Horizont erscheint. Doch der Feind hat ihn längst vergessen.

Nichts würde auch uns Medienkonsumenten einsamer machen als ein Leben ohne Feindbilder.