TV-Kritik

Einblicke ins Männliche – "Penis-Dialoge" auf Arte

| Lesedauer: 6 Minuten
Johanna Merhof

Sie können einem wirklich leidtun: Männer. Auf der Suche nach ihrer Rolle geraten sie immer häufiger in einen seelischen Schleudergang. Einen Einblick in die Schwierigkeiten mit der Männlichkeit gewährt der Fernsehsender Arte. Herz und Penis stehen dabei natürlich im Mittelpunkt.

Es gibt Dinge auf der Welt, die können einen leicht zur Verzweiflung bringen. Dazu gehört, die Riester-Rente komplett zu durchschauen oder eine Nacht lang RTL2 zu sehen. Oder endlich eine Antwort auf die Frage zu bekommen, die nicht nur Herbert Grönemeyer seit Jahrzehnten umtreibt: Wann ist ein Mann ein Mann? Zumindest bei bei Letzterem kann der Arte-Themenabend „Mann, oh Mann!“ Abhilfe schaffen.

Dort widmet man sich heute ab 21 Uhr einer scheinbar verzweifelten, wenn auch dankenswerterweise nicht hoffnungslosen Spezies: dem Mann und seinen beiden empfindlichsten Körperteilen – Herz und Penis.


Los geht’s mit einer Dokumentation, die schon im Titel eine recht pessimistische bis ironische Haltung verrät: „Sag’ mir, wo die Frauen sind“ beleuchtet die zahlreichen Problemfelder zwischen Männlein und Weiblein, ihre fehlgeleitete Kommunikation und die daraus resultierende mangelnde Lust auf beiden Seiten.


Im Anschluss geht es dann ans Eingemachte: Was Frauen können, können wir erst recht, haben sich die beiden französischen Regisseure Laurent Fléchaire und Francois Bordes gedacht und ihre Antwort auf das mittlerweile beinah kultisch verehrte Theaterstück „Vagina Monologe“ gedreht. Das Ergebnis sind 45 Minuten Penis-Monologe. Wer jedoch jetzt glaubt, hier intime Sexgeständnisse oder handfeste Anleitungen serviert zu bekommen, wird enttäuscht sein, denn der Film handelt vor allem von der tiefen seelischen Verunsicherung der Kerle aller Altersschichten.

"Nur weil ich Eier habe, unterdrücke ich Frauen?"

Danach möchte man den Interviewten, diesen verwirrten Vertretern ihrer Gattung, am liebsten über den Kopf streicheln und fragen: „Ist es wirklich so schlimm?“.

Anderseits hat man auch stark das Gefühl, dass hier ein Dutzend Männer einfach nur offen aussprechen, was scheinbar viele ihrer Geschlechtsgenossen denken: Das Mannsein nicht immer nur Zuckerschlecken, Cowboyhüteschwingen und Ekstase bedeutet. Und dass zwischen den Exkursen in weibliche Feuchtgebiete, Diskussionen über neue deutsche Alphamädchen oder Eva Herman die Männer irgendwie auf der Strecke geblieben sind und daher schon längst nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht.

Die zwölf Männer, die im Film zu Wort kommen, wirken jedenfalls nicht wie abnorme Weicheier, sondern im Gegenteil wie Kerle, die endlich mal den Mund aufmachen.

Doch was Frau da alles zu hören bekommt, ist schon verwunderlich bis amüsant und manchmal einfach nur traurig. Das Statement des ersten Mannes Mitte 30 ist bereits exemplarisch: „Die meisten Frauen denken doch nicht, dass die Männer leiden. Es mag paranoid klingen.“ Oder: “Nur weil ich Eier habe, unterdrücke ich Frauen?“, fragt der Nächste jammernd. Oh Mann! „Frauen mögen aufmerksam sein, aber verstehen tun sie nichts!“, erklärt ein anderer. „Wir Männer können einfach nicht mehr!“

Daraufhin folgert der männliche Sprecher: „Manipuliert, drangsaliert, klein gemacht und wieder hochgebracht: Der Penis hat es heutzutage schwer.“ Währenddessen sieht der Zuschauer eine Frau beim Stricken zahlreicher Peniswärmer: Das ist Ironie, die Spaß macht und dennoch nicht zynisch ist oder zum Auslachen verführt.

Die Stadien im Leben eines Mannes

Der Film zeigt Männer aller Altersgruppen: Diejenigen, die in den 50er-Jahren geboren wurden und noch mit dem Bild des alles beherrschenden Vatermodells aufgewachsen sind. Andere, die heute um die 30 sind und deren Eltern feministischen Theorien anhingen. Und die Jüngeren, die immer noch auf der Suche nach Leitbildern sind. Sie alle sagen, dass es schwierig sei, stolz und unbefangen mit ihrer Männlichkeit umzugehen. Manche von ihnen sind gar so verunsichert, dass sie sich in speziellen Männergruppen treffen, um mal ganz ungehemmt über ihre Ängste und Nöte zu sprechen.

Laut den Filmemachern durchläuft der gebeutelte Mann, respektive der Penis, im Laufe eines Lebens mehrere Stadien: Über das Entdecken und Erforschen der eigenen Männlichkeit hin zum aufkeimenden Verlangen, der Entdeckung des Sex und dem anschließenden Vaterwerden – und in manchen Fällen auch der anschließenden Trennung. Gerade beim Thema Kinder scheinen Männer tief verwirrt zu sein, denn: Welcher Mann kann schon das Thema Abtreibung anschneiden, ohne wie ein Mistkerl zu wirken? Und: Wo ist der Platz des Mannes während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt? Viele Männer scheinen sich in dieser Phase vor allem eines zu fühlen: Fehl am Platz.

Ein Interviewter fasst es zusammen: „Viele Frauen scheinen noch auf Kampf eingestellt zu sein, sie haben eine Wut auf uns, die vor allem aus der Zeit vor dem Feminismus stammt. Doch müssen wir noch zehn weitere Jahre warten, bis sie endlich verstehen, hinhören, hinsehen?“

Gemeinsam schaffen wir das schon

Ach Männer, möchte man als weiblicher Zuschauer an dieser Stelle rufen, wir hören euch ja an, und lachen auch nicht, versprochen! Also trocknet eure Tränen und verjagt euer Selbstmitleid, denn: Gemeinsam schaffen wir das schon.

Der lehrreiche Abriss endet dann glücklicherweise ebenso versöhnlich: Die zwölf Männer nutzen die Möglichkeit, eine Botschaft für die Frauen dieser Erde in die Kamera zu halten.

„Seid wahrhaftig!“ steht dann da, „Habt Geduld!“ oder auch „Lasst uns sein wie wir sind!“, bittet ein Mann.

Ein anderer fleht gar: „Lasst uns leben!“

„Wir sind auf dem Weg!“, beteuert der Jüngste.

Doch weil die Kunst des Liebens voraussetzt, dass man sich selbst liebt, wurden die Männer auch aufgefordert, ihren Leidengenossen eine Botschaft mit auf dem Weg zu geben: „Hört auch zu!“, heißt es da. Und: „Macht euch locker!“, „Steht euren Mann!“ oder „Hört auf mit dem Theater“.

Ein zweifach geschiedener Taxifahrer bringt es schließlich auf den Punkt: „Nur Mut!“ lautet seine simple Botschaft an die Männer. Nach 45 Minuten voller Testosteron-Wahnsinn und maskulinen Hilferufen kann man ihm da nur augenzwinkernd beipflichten.

Der Themenabend beginnt am Dienstag, 9. September 2008, um 21 Uhr mit „Sag' mir, wo die Frauen sind“, wird fortgesetzt um 21.45 Uhr mit den „Penis-Dialogen“ und endet um 22 Uhr mit einer Gesprächsrunde.

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