Erdbeben in Italien

Berlusconi lehnt Hilfsangebote aus dem Ausland ab

| Lesedauer: 3 Minuten

Mit Spürhunden suchen tausende Rettungskräfte und Freiwillige in den italienischen Abruzzen fieberhaft nach weiteren Überlebenden des schweren Erdbebens. Deutschland und andere Staaten würden gerne dabei helfen – doch Regierungschef Silvio Berlusconi lehnt Auslandshilfe kategorisch ab. Aus Stolz.

Die Zahl der Toten des schweren Erdbebens stieg laut Silvio Berlusconi bis Dienstagmittag auf 207. Allein in dem 300-Einwohner-Dörfchen Onna bei L'Aquila starben 40 Menschen. Etwas mehr als 1000 Menschen wurden demnach verletzt, 500 lagen noch im Krankenhaus. Berlusconi kündigte an, die Rettungsarbeiten sollten von Dienstag gerechnet in 48 Stunden enden. Dann gebe es Gewissheit, dass niemand mehr unter den Trümmern sei. Zuletzt wurden nach seinen Angaben noch 15 Menschen vermisst.

Die rund 7000 staatlichen Rettungskräfte bargen nach Berlusconis Angaben 150 Menschen lebend aus den Trümmern. Darunter war Medienberichten zufolge eine 98-Jährige, die am Morgen 30 Stunden nach dem Beben wohlbehalten geborgen wurde. Die alte Dame sagte, sie habe sich die Zeit mit Häkeln vertrieben, während sie auf Hilfe wartete, wie die Nachrichtenagentur ANSA meldete.

Berlusconi lehnte Hilfsangebote aus dem Ausland ab. Unterstützung sei nicht nötig, sagte er. Die Italiener seien „ein stolzes Volk“ und kämen allein zurecht. Unter anderem Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte den italienischen Rettungskräften Unterstützung angeboten.

Das Koordinierungszentrum der Rettungskräfte vor Ort korrigierte die Zahl der obdachlos gewordenen Menschen nach unten. Durch das Beben in der Region um die Regionalhauptstadt L'Aquila verloren demnach etwa 17.000 Menschen ihr Dach über dem Kopf. Die Stadtverwaltung hatte die Zahl der Obdachlosen zuvor mit 50.000 angegeben, die italienische Regierung hatte sie auf 70.000 geschätzt.

Mehr als 280 teils heftige Nachbeben erschütterten die Region und versetzten die überlebenden Erdbebenopfer erneut in Angst und Schrecken – eines von ihnen mit der Stärke von 4,7 auf der Richterskala. In L'Aquila übernachteten Dutzende Übei eisigen Temperaturen in ihren Autos auf einem großen Parkplatz. Ein Betroffener klagte: „Wir haben noch nicht mal einen Kaffee gehabt, niemand kümmert sich um uns!“ Ein junges Paar mit Säugling verbrachte bereits die zweite Nacht im Auto.

Andere Erdbebenopfer wurden in Kasernen, Stadien und Sporthallen untergebracht, viele flüchteten aus der Katastrophenregion und suchten Unterkunft bei Freunden oder Verwandten. Hotels stellten mehr als 13.000 Betten für Betroffene bereit. Berlusconi kündigte die Errichtung von 20 Zeltlagern mit 16 Feldküchen an, die 14.500 Menschen aufnehmen könnten.

Im mittelalterlichen Stadtkern von L'Aquila gab es praktisch keine Straße ohne schwere Schäden. Zahlreiche Gebäude aus Barock und Renaissance stürzten ein, Kirchen und ein Schloss aus dem 15. Jahrhundert wurden beschädigt. Aus Sicherheitsgründen sagte die katholische Kirche die Osterfeierlichkeiten in der Stadt ab. Große Teile der Stadt waren weiter ohne Wasser und Strom. In Onna sagte der Feuerwehrmann Andrea Di Lena, die Bewohner hätten so gut wie nichts retten können. „Hundert Prozent der Häuser sind als unbewohnbar eingestuft.“

I

Die Regierung gab 130 Millionen Euro Nothilfe für den Rettungseinsatz frei. Nach einer ersten Schätzung von Infrastrukturminister Altero Matteoli wird es etwa 1,3 Milliarden Euro kosten, die beschädigten Gebäude wiederaufzubauen. Nach Berichten über Plünderungen kommandierte die Regierung rund 200 Polizisten zum Schutz von Häusern und Geschäften ab.

Das Beben der Stärke 6,2 hatte die Region um L'Aquila gegen 03. 30 Uhr in der Nacht zu Montag erschüttert. In Italien besteht hohe Erdbebengefahr, da das Land am Zusammenstoß zweier tektonischer Platten liegt.

.

( AFP/str )