Massenvergiftung bei Therapiesitzung

Die Scharlatanerie des Garik R.

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Foto: dpa

Nach einer tödlichen Gruppentherapie in Berlin kommen Details über das Weltbild des Arztes Garik R. ans Licht. Er soll Kontakt zu einer sektenähnlicher Vereinigung gehabt haben. Gegen den 50-Jährigen ist Haftbefehl erlassen worden. Er sitzt in Untersuchungshaft. Eine ehemalige Schülerin beschreibt ihn als "superkorrekt".

Ein „sehr zuverlässiger Arzt“ sei er gewesen, immer „superkorrekt“. So beschreibt eine Frau, die der heute 50-jährige Garik R. in den 90er-Jahren zur Heilpraktikerin ausgebildet hat, ihren Lehrer.

Das ist die eine Seite des Mannes, der als niedergelassener Allgemeinarzt und zugelassener Psychotherapeut in einer ruhigen Wohngegend des Berliner Stadtteils Hermsdorf arbeitete.

Die andere Seite des Mannes mit der hohen Stirn, den grauen Haaren und Bartstoppeln, den Freunde nur „Garri“ nennen, zeigte sich am Samstag: Während einer Gruppentherapie verabreichte Garik R. zwölf seiner Patienten im Alter zwischen 26 und 59 Jahren „Drogen und andere Substanzen“, wie er jetzt gegenüber der Berliner Staatsanwaltschaft eingeräumte.

Dabei soll es sich nicht nur um Ecstasy, sondern möglicherweise auch um Heroin, Amphetamine und psychogene Pilze gehandelt haben. Zwei Patienten des Arztes starben nach Verabreichung des Giftgemischs.

Garik R., der im usbekischen Taschkent zur Welt kam, verwendete diesen Drogencocktail im Rahmen einer „psycholytischen Therapie“. Bei dem vor rund 40 Jahren diskutierten und erprobten Verfahren kommen verschiedene Drogen zum Einsatz, etwa um Patienten mit Depressionen zu behandeln. Gehobene Stimmung und gesteigertes Farbempfinden können mögliche Wirkungen sein. Oder, wie am Samstag in der Hermsdorfer Praxis von Garik R., der Tod.

Psycholytische Therapie sei nicht zuletzt deshalb in Deutschland kassenärztlich nicht zugelassen und sogar „strikt untersagt“, sagt Berlins Ärztekammerpräsident Günther Jonitz. Zudem sei das Verfahren generell „wissenschaftlich nicht anerkannt“, so der Vorsitzende der Psychotherapeuten-Vereinigung, Dieter Best: „Wir sind erschüttert. Wir verwahren uns aber dagegen, dass Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird.“

Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, nannte die Psycholyse ein „autoritäres Verfahren, das dem Machtmissbrauch durch den Therapeuten Tür und Tor öffnet“.

Was aber bewog den auf Trauma- und Suchtpatienten spezialisierten Garik R., sich über die Grenzen der Schulmedizin hinwegzusetzen? Grenzen, die er als Allgemeinarzt, der im Jahr 2001 mehrere Monate in der Oberberg-Klinik für Abhängigkeitserkrankungen in Wendisch-Rietz bei Bad Saarow als Assistenzarzt gearbeitet hatte, kennen muss?

Anscheinend verkehrte er mit seiner Lebensgefährtin Elke P. häufig in der „Gemeinschaft Kirchbaumblüte“ des Schweizer Psychiaters, Psychotherapeuten und Gurus Samuel Widmer. Der Gemeinschaft sollen etwa 75 Erwachsene und 60 Kinder angehören. Widmer ist für Tabubrüche bekannt: In der Schweiz hatte er eine Genehmigung für Psycholyse mit LSD. Inzwischen arbeitet er mit legalen Substanzen.

Widmer war Lehrer von Garik R. Der Schweizer Zeitung „Blick“ sagte Widmer, R. sei bei ihm in der Ausbildung gewesen. „Er hat bei uns vor etwa acht Jahren eine Ausbildung für Dekonditionierung, Mind-Feeling und Energiearbeit gemacht“, sagte Widmer. Seitdem seien er und R. in Kontakt geblieben. „Ich mochte ihn, er ist ein zurückhaltender, ängstlicher Typ.“ Heute fungieren R. und seine Lebensgefährtin als Kontaktpersonen und Referenten der sogenannten Therapeutisch-Tantrisch-Spirituellen Universität im schweizerischen Nennigkofen-Lüsslingen. Deren Träger ist Widmer. Garik R. sollte 2010 ein Seminar zum Thema „Heimat finden, Heimat schaffen, Heimat sein“ für Widmers sogenannte Universität leiten.

Nach Ansicht der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen weist Widmers Gemeinschaft „typische Sektenmerkmale“ auf. Michael Utsch, Psychotherapeut und Psychologe der Zentralstelle, sieht eine Verbindung zwischen Garik R. und Widmer.

„Es ist nicht auszuschließen, dass das in Berlin ein Biotop ist, das in diese Richtung gehen sollte.“ Die Zentralstelle beobachte derzeit den Trend, dass sich die Schulmedizin immer mehr mit Lehren von Gurus mischt: „Die großen Sekten stagnieren, dafür gibt es immer mehr Klein-Gurus, sozusagen Glücksbringer in der Nachbarschaft.“

Ob Garik R. eine Rolle als „Klein-Guru“ spielte, bleibt zunächst noch unklar. Fest steht: Bereits am Sonntag erließ der Untersuchungsrichter einen Haftbefehl wegen zweifacher Körperverletzung mit Todesfolge und sechsfacher gefährlicher Körperverletzung. Nun will die Ärztekammer eine berufsrechtliche Untersuchung einleiten und Garik R. gegebenenfalls die Arztzulassung entziehen.

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