Tödliche Gruppensitzung

Therapeuten geschockt über Gift-Scharlatanerie

| Lesedauer: 4 Minuten

Der Ausbilder des Therapie-Arztes Garik R. sowie die Psychotherapeuten-Vereinigung haben sich von ihrem Berliner Kollegen deutlich distanziert. Garik R. sei ein Scharlatan, ihm drohe neben dem Strafverfahren der Entzug der Approbation. In R.s Praxis waren am Sonnabend zwei Menschen bei einer Gruppentherapie-Sitzung gestorben.

Der Mentor des Berliner Arztes, nach dessen Gruppentherapie am Wochenende zwei Männer starben, hat sich betroffen gezeigt. Der Schweizer Samuel Widmer sagte, der Therapeut sei vor 15 Jahren bei ihm in der Ausbildung gewesen. Er selbst arbeite aber nur mit genehmigten Substanzen. „Ich muss also annehmen, dass er etwas anderes genommen hat, denn meine Substanzen sind ungefährlich.“ Der 50 Jahre alte Berliner Arzt hatte am Sonnabend zwölf Patienten einen Drogen-Mix verabreicht. Einer der Teilnehmer lag am Montag noch im Koma.

Widmer sagte, er wisse, dass sich diese Therapien, weil sie verboten seien, „massiv im Untergrund ausbreiten“. Deswegen fordere er immer, dass die psycholytische Therapie in das medizinische System eingebunden werde.

Der Berliner Therapeut und seine Frau waren als Referenten eines Seminarprogramms Widmers eingeplant, das unter dem Titel Therapeutisch-Tantrisch-Spirituelle Universität firmiert und sich auf psycholytisches Arbeiten spezialisiert. Dabei werden bewusstseinsverändernde Substanzen verwendet, etwa auch Rauschgifte wie LSD und Pilze.

Widmer führt auf seinem Hof im schweizerischen Lüsslingen eine „Gemeinschaft Kirschblüte“, laut Eigendarstellung mit etwa 75 Erwachsenen und 60 Kindern. Der 1948 geborene Widmer lebt demnach mit zwei Frauen zusammen und hat mit ihnen insgesamt elf Kinder. Widmer kritisiert in einem Interview auf seiner Website unter anderem das Inzesttabu.

Die Kollegen des verhafteten Arztes zeigten sich schockiert. Der 50-Jährige sei ein Scharlatan, erklärte die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung in Berlin.

Die Staatsanwaltschaft erklärte, der Verhaftete habe sich inzwischen geäußert, um welche Substanzen es sich handele. Die Anklagebehörde will sie aber zunächst nicht öffentlich nennen, sondern ein toxikologisches Gutachten abwarten, wie Sprecher Martin Stettner sagte. Ansonsten gebe es keinen neuen Stand.

Der Vorsitzende der Psychotherapeuten Vereinigung, Dieter Best, verwahrte sich dagegen, dass „Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird“. Psychotherapie sei ein seriöses und wissenschaftlich gestütztes Verfahren. Sie sei in Deutschland streng reguliert. Von den Krankenkassen erstattet werde sie nur bei Therapeuten mit einer bestimmten Ausbildung.

Psycholytische Therapie verboten

Die psycholytische Therapie, bei der Drogen oder ähnliche Substanzen eingesetzt würden, sei dagegen keine Psychotherapie. Sie sei wissenschaftlich nicht anerkannt und gefährlich, meinte Best. „Neben strafrechtlichen Konsequenzen, die das Verhalten des Arztes haben wird, droht ihm der Entzug der Approbation“, versicherte Best.

Auch die renommierte Berliner Psychoanalytikerin Eva Jaeggi zeigte sich empört: „Wenn ein Arzt Drogen gibt, wenn er ganz unkontrolliert offenbar auch den Leuten Drogen verschreibt und das Psychotherapie nennt, dann ist das für mich ganz klar Scharlatanerie“, sagte sie im Deutschlandradio. „Der hat sich Psychotherapeut genannt, aber was er macht, ist auf keinen Fall Psychotherapie.“

Sie befürchtet nun Schaden für das Ansehen regulärer Therapie. Eigentlich sei die Akzeptanz gegenüber der Psychotherapie in den vergangenen Jahren etwas gewachsen. Ein solcher Fall schaffe neues Misstrauen. Gegen den Berliner Arzt Garik R. (50) war am Sonntagabend Haftbefehl erlassen worden. In Rs. Hermsdorfer Praxis starb am Sonnabend ein Mann nach dem Konsum von Drogen, ein zweiter Mann Stunden später im Krankenhaus. Zehn weitere Patienten wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Die Vorwürfe reichen von Körperverletzung bis Mord

Der Haftrichter wirft dem Mediziner zweifache Körperverletzung mit Todesfolge sowie gefährliche Körperverletzung in sechs Fällen vor. Die Staatsanwaltschaft hingegen hatte ihm unter anderem zweifachen Mord, mehrfache gefährliche Körperverletzung und Drogenhandel vorgeworfen.

In seinen Vernehmungen durch die 2. Mordkommission hat Garik R. eingeräumt, den Teilnehmern einer Gruppensitzung verschiedene Substanzen und Psychodrogen gegeben zu haben. Laut Polizei könnte es sich um Ecstasy, eventuell sogar Heroin handeln.

Von drei weiteren Opfern konnte eines am Sonntag aus dem Humboldt-Klinikum in Reinickendorf entlassen werden. Zwei sind laut Vivantes-Sprecherin Astrid Steuber noch in stationärer Behandlung. Ihnen gehe es den Umständen entsprechend gut. Der Zustand des 55-jährigen Ekkehard N. aus Schöneberg, der nicht im Vivantes-Klinikum behandelt wird, ist weiterhin kritisch. Er liegt laut Polizei im künstlichen Koma.

Der niedergelassene Kassenarzt Garik („Garri“) R., der in Taschkent in Usbekistan geboren wurde, hat eine Zulassung für Psychotherapie. In den 90er-Jahren bildete er in der Nähe von Kassel auch Heilpraktiker aus.

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