Polizei ermittelt weiter

Mögliche Hintermänner des Poker-Raubs gesucht

Der Berliner Poker-Raub gilt als aufgeklärt, alle Verdächtigen wurden gefasst. Trotzdem sind die Ermittlungen noch lange nicht abgeschlossen. Die Ermittler vermuten, dass es Hintermänner bei der Tat gegeben haben soll. Auch die Beute, rund 240.000 Euro, sind bislang verschwunden.

Michael Bensch möchte nichts verharmlosen, ganz im Gegenteil, doch mit Menschen ist es so wie mit allen anderen Dingen im Leben, je besser man sie kennt, desto komplizierter wird es, sie zu verstehen. Wenn man ihn also fragt, warum vier junge Erwachsene zwischen 19 und 21 Jahren ihr Leben scheinbar einfach auf den Müll werfen, wie es dazu kam, dass sie zuletzt mit internationalem Haftbefehl gesucht wurden, dann kann Bensch das nicht erschöpfend beantworten, obwohl er eigentlich der Experte ist. Schließlich kannte er sie, schließlich hat er einen von ihnen „adoptiert“ sozusagen, wie es gute Boxtrainer mit ihren Jungs eben machen.

Benschs Junge war Ahmad El-A., einer der mutmaßlichen Pokerräuber von Berlin, die am 6.?März ziemlich dilettantisch 240.000 Euro geraubt haben und nun, zwei Wochen nach dem Coup, allesamt in Untersuchungshaft sitzen.

Die beiden letzten, die sich in die Türkei und den Libanon abgesetzt hatten, stellten sich am Samstag der Polizei. Zunächst Mustafa U., der mit einer Maschine aus Istanbul nach Berlin Tegel kam, am Abend dann Jihad Khaled C. aus Beirut, den schon auf dem Rollfeld deutsche Polizisten in Empfang nahmen.

Bensch kannte A., seit er 14 Jahre alt war, 16 Kämpfe lang stand er in dessen Ecke, und ein bisschen fühlt er sich in diesen Tagen wohl wie damals beim 16. Kampf, dem einzigen, den A. in seiner Boxerkarriere verlor.

Er muss zusehen, wie sein Junge zuerst den großen Mann macht, dann großen Mist fabriziert, wie er derbe einsteckt und schließlich zu Boden geht. Bensch sagt: „Es tut mir leid für sie. Sie sind da in etwas hineingeraten, was ein paar Nummern zu groß für sie war.“

Und selbst falls man nicht die Sicht des Boxtrainers hat, der nun einmal in der Ecke seines Jungen steht, auch wenn der ausgeknockt wird, weil er sich dämlich anstellt oder sein Temperament nicht im Zaum halten kann; Mustafa U., Vedat S., Jihad Khaled C. und Ahmad El-A. sind wohl eher dummdreiste Jungs mit verschwendeter Jugend als hartgesottene kriminelle Genies.

Zumal sich die Hinweise verdichten, dass sie von Hintermännern anderen Kalibers benutzt wurden: So bestätigt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, lediglich, dass „die Beute bislang nicht aufgetaucht“ ist. Dazu passt allerdings, dass mindestens ein Mitglied einer polizeibekannten arabischen Großfamilie unter den Pokerspielern im „Grand Hyatt“ am Potsdamer Platz gewesen sein und kurz vor dem Überfall ein Telefonat mit einem der vier geführt haben soll.

Erst dann begann das mit dem Wort „Überfall“ eingeleitete Chaos, in dem sich Räuber und Wachmänner beschimpften, mit Gegenständen beschmissen, in dem einer sich erst aus dem Schwitzkasten eines Wachmanns befreien konnte, als sein Komplize eingegriffen hatte, ein Hotellehrling den Großteil der Beute stibitzte, in dem die Räuber unmaskiert auf ihrer Flucht von den Kameras des Einkaufzentrums aufgenommen wurden.

Ein Chaos, das vollends absurd wurde, als sie den Wagen von Vedat S., einen gebrauchten, aber bar bezahlten Mercedes C-Klasse, bestiegen, um zu fliehen.

Unklar ist nun, ob die vier die tatsächlichen Hintermänner waren, ob sie freiwillig oder unter Druck ihrer Auftraggeber aufgaben.

Es geht um Vorbilder, sagt Bensch, und darum, dass sie zunächst aus Langeweile, dann aus Wichtigtuerei „Scheiße bauen“, wie man es in Berlin-Kreuzberg nennt. Die vier Pokerräuber hatten schon einen ziemlich großen Haufen davon gebaut, waren als Schläger und Diebe bekannt, mit denen man sich besser nicht anlegt.

Mustafa U. gar soll bereits im Gefängnis gewesen und als Intensivtäter bei der Berliner Polizei geführt worden sein. In ihrer Nachbarschaft waren sie gefürchtet bis verehrt, je nachdem, ob man sie zu Freunden hatte oder ihnen Feind war, wobei in Kreuzberg und Neukölln die Übergänge fließend sind.

Sie waren kleine Lichter, die sich manchmal wie die Kiezkönige aufführten. Nun könnte sich herausstellen, dass sie nur Hofnarren waren.

Mitarbeit: Michael Behrendt