Bizarrer Poker-Diebstahl

Die Räuberpistole vom Potsdamer Platz

Während die Täter vom Potsdamer Platz weiter auf der Flucht sind, machen sich Experten über sie lustig. Wer die Bilder vom Überfall sieht, fragt sich: Wieso geht ein Gangster ausgerechnet mit einer Machete als Waffe auf Beutezug? Wer zieht eine signalrote Jacke an? Und warum verzichtet man als Dieb auf Handschuhe?

Der spektakuläre Fischzug auf das Pokertunier am Potsdamer Platz hat viele professionelle Beobachter verblüfft und das Publikum überrascht.

Experten beginnen nun, während die Räuber noch nicht gefasst sind, über ihr Vorgehen zu spotten. Zum Beispiel Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft: „Hier waren offensichtlich nicht Profis am Werk, sondern eher Dilettanten.“

Die Bewaffnung, das Vorgehen und auch „die Berge“ von hinterlassenen Spuren – so würde man die Täter sicher sehr schnell finden, sagte Wendt zu „n-tv“. Eine neue Dimension gebe es nicht, „vielleicht eine neue Dimension von Dummheit, vor laufenden Kameras eine solche Tat zu begehen“.

Auch Oliver Arning vom Bundesverband Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen hält die Gangster zumindest für „nicht besonders clever“. „Das kommt mir vor wie eine Räuberpistole, sehr waghalsig“, sagte er Morgenpost Online.

In der Tat hat der Überfall mit der anschließenden Raubvereitelung viel von einer Kneipenschlägerei. Da wurden Absperrpfosten nach den Räubern geworfen. Ein Sicherheitsmann nahm einen der Täter in einen Schwitzkasten. Der Räuber in der roten Jacke verlor auch noch bei seiner Flucht den Revolver, hob ihn dann wieder auf und nahm die Waffe mit. Während der Keilerei gelang es einem Praktikanten des Hotels, die Tasche mit dem Großteil des Geldes zu stibitzen.

Und so flüchtete das Quartett am Samstag gegen 14.15 Uhr nur mit 242.000 Euro aus dem Luxushotel „Grand Hyatt“, wo das größte Pokerturnier Deutschlands gespielt wurde. Im Tresor vor dem Poker-Saal lag das Startgeld von 691.000 Euro, sagte Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch. Er glaubt, dass die Täter schnell gefasst werden.

Viel spricht dafür. Obwohl der Überfall höchstens drei Minuten dauerte, gibt es mehr als 100 Zeugen, haufenweise Aufnahmen von Video- und Handykameras. Ein Räuber trug keine Handschuhe, er hat wahrscheinlich seine DNA hinterlassen.

Zudem rissen sich die Gangster am Ausgang die Masken vom Kopf, rannten so über den Potsdamer Platz, wurden auch dort gefilmt – die Polizei kennt also ihre Gesichter. Das Landeskriminalamt erklärt, es gebe noch keine heiße Spur.

Inoffiziell hieß es aus der Behörde, man habe eine Vielzahl von vielversprechenden Ermittlungsansätzen. Zudem wird unter Polizisten spekuliert, ob die Räuber überhaupt echte Revolver dabei hatten. Sie feuerten noch nicht einmal einen Warnschuss, als es brenzlig wurde.

Die Medien feiern unterdessen den Sicherheitsmann, der den Mann mit der roten Jacke im Schwitzkasten hatte. Roman H., 2,04 Meter, 120 Kilogramm, sagt: „Der Typ hat jetzt sicher Schluckbeschwerden.“ Nur weil ein anderer Täter mit einer Machete auf ihn zukam, musste H. den entwaffneten Räuber wieder aus dem Schwitzkasten lassen. „Der zweite mit der Machete hat dann nach mir geschlagen“, sagt er.

Der 36-Jährige hat nur eine kleine Schramme über dem Auge. „Damit kann ich leben.“ Eine Pistole trug er übrigens nicht, der Veranstalter soll das abgelehnt haben.

Perfekt war an dem Coup nur der Zeitpunkt. „Die Täter haben genau in dem Moment zugeschlagen, als das Geld für den Transport in den Haupttresor der Spielbank Berlin bereitgestellt wurde. Wenige Minuten früher oder später hätten sie keine Chance mehr gehabt“, sagte ein Beamter gestern.

Die Polizei geht von mindestens einem Insider im Pokerraum aus. Geklärt werden muss auch, warum genau zu diesem Zeitpunkt ein Teil der Sicherheitsleuten ihre Mittagspause machten. Der Chef der Security-Firma lobte dennoch seine Leute.

Für die Räuber werden die nächsten Tage wahrscheinlich ungemütlich. Die Polizei vermutet, dass auch Profi-Gangster hinter den vier Räubern her sind. Für harte Banden, wie sie unter den Beamten genannt werden, wären die Amateure leichte Beute.