"Die Frau aus dem Meer"

Prostitution, Korruption und Lügen in Berlin

| Lesedauer: 5 Minuten
André Mielke

Foto: obs / DPA

Im ZDF-Montagsfilm "Die Frau aus dem Meer" ermittelt eine Husumer Kommissarin in der Großstadt Berlin. Auf der Suche nach dem Mörder einer Zwangsprostituierten wird die Polizistin mit ihrem eigenen Vater und dessen Korrumpierbarkeit konfrontiert. Dabei erleidet die Geschichte fast so viel Gewalt wie die erschossenen Figuren.

Das Marketing-Georgel vom armen, sexy Berlin, dem Verwandlungswunder und Kreativlabor, es kann einem allmählich auf den Wecker gehen. Da tut es gut, wenn jemand mal etwas ganz anderes über den Zauber der Metropole von sich gibt, zum Beispiel: „Die ganze Stadt ist ein einziges Konglomerat aus Feigheit, Angst, Missmut und Untätigkeit.“ Erfrischend, nicht?

Das sind die Worte von Michael Kolberg, dem Berliner Polizeipräsidenten, zumindest ist er das im ZDF-Montagsfilm „Die Frau aus dem Meer“. Der Mann muss es wissen. Schließlich gehört er selbst zu jenem speziellen Klüngel, lässt sich von einer Frauenhändler-Mafia den Weg in die Spitzenpolitik schmieren und hat seine „Verbrecher-ausweisen!“- Wahlkampfparolen präzise auf Angst und Missmut in der Bevölkerung justiert. Und es funktioniert. Doch dann kommt dem Aufsteiger der Saison eine unverdorbene junge Polizistin vom Lande ins Gehege, und die ist zufällig auch noch seine Tochter.


Niki Stein, zuvor vor allem als einfallsreicher „Tatort“-Profi geschätzt, hat zuletzt mit „Der Mann im Strom“, „Die Todesautomatik“ und „Der große Tom“ drei bewegende und relevante Dramen gedreht, die allesamt mal nicht angetrieben wurden von ungeklärten Todesfällen und der Suche nach einem Mörder. Mit „Die Frau aus dem Meer“ kehrt er nun ins Hochspannungsgenre zurück. Dass heißt aber nicht, dass er sich thematisch nichts vorgenommen hätte: Stein spricht von einem Thriller über Korruption, Gier und Eitelkeit, die „drei großen Triebfedern gesellschaftlicher Entwicklung“, und das „vor einem politischen Hintergrund“.

Eine Nummer zu groß für die Provinzpolizei

Die Husumer Kommissarin Nora Jaspers (Anja Kling) ermittelt wegen einer am Nordseestrand angeschwemmten Frauenleiche. In deren Speiseröhre steckt ein Zettel. Darauf steht die geheime Handynummer des TV-Talkmasters Kress (Ulrich Tukur). Die Ermittlerin reist zum Fernsehstar in die Hauptstadt. Dort stellt sich heraus, dass die Tote eine ukrainische Zwangsprostituierte in einem Luxus-Callgirl-Ring war und Kress einer ihrer Kunden. Das alles wäre eine Nummer zu groß für die Provinzpolizistin wie Nora Jaspers, befindet ein hoher LKA-Beamter (Walter Kreye) und entzieht ihr den Fall.

Sie macht weiter. Im Krimi machen sie immer weiter, wenn ihnen jemand ihren Fall wegnimmt. Bald weiß Nora, dass Kress die Ukrainerin nicht nur als Lustobjekt benutzte, sondern auch als Rechercheurin im Rotlicht-Milieu. Sie sollte Material gegen den bereits erwähnten korrupten Polizeichef und Brachial-Wahlkämpfer Kolberg (Hanns Zischler) sammeln, damit Kress ihn in seiner Show publikumswirksam als Heuchler und Populisten an die Wand nageln kann. Doch Kolberg ist Noras Vater. Er hat einst seine Familie im Stich gelassen. Nun will seine Tochter ganz genau wissen, ob er seine Charakterlosigkeit seitdem vervollkommen konnte. Nora zieht die Sache also durch und quält sich durch einen stinkenden Sumpf aus Medien, Politik und Mafia, aus Korruption und Doppelmoral.

Das ist ein Knochenjob, und sowohl Figur als auch Schauspielerin erledigen ihn ordentlich. Einerseits hat Anja Kling durch die Berliner Zwischenwelt zu toben wie Lara Croft durch den Felsendom und wirkt dabei nicht immer ganz authentisch. In anderen Momenten überzeugt sie Mutterns als geliebte und Vaters verlassene Tochter, und die leidvolle Aufarbeitung einer misslungenen Familiengeschichte liegt ihr augenscheinlich mehr als Sex-Club-Razzien oder die Verfolgung von Attentätern.

Berlin als stinkender Sündenpfuhl

Überhaupt gehorchen die Protagonisten dieser waghalsigen Geschichte nicht dem Action-Schema F. Hanns Zischler gibt dem bestechlichen Polizisten und Sprücheklopfer aufrichtige Zwischentöne. Kolberg stellt sich bornierter als er ist. Das unterscheidet ihn von Ronald Schill.

Ulrich Tukur verkörpert den nicht minder erfolgsgierigen Talkmaster, der seinen Showgästen auf Inquisitorenart Moral predigt, hält sich aber selbst unter dem Decknamen „Puckel“ mit Sexsklavinnen versorgen lässt. Ähnlichkeiten zu existierenden Personen sind zufällig. Auch diese Figur definiert sich nicht allein durch ihre Verstrickungen und ist sich ihrer Fragwürdigkeit durchaus bewusst. Niki Stein sieht das allerdings weniger als Beitrag zu höherer Glaubwürdigkeit, denn als Zugeständnis an die Kunst: Dank Tukurs Spiel habe Kress „eine Vielschichtigkeit, die wir im richtigen Leben meist vermissen, aber ohne die das Drama nicht auskommt“.

Figuren, Schauspieler, Kamera, Dialoge, das funktioniert gut bis exzellent. Der Film hat einen kühlen Stil, allerdings könnte er auch manchen Zuschauer kalt lassen. „Die Frau aus dem Meer“ wirkt nicht so dicht, packend und bedrückend wie andere Produktionen, die Berlin bereits als stinkenden Sündenpfuhl vorführten, ob nun „Kriminaldauerdienst“ oder „Blackout“. Hinzu kommt ein immer heftiger ins Unwahrscheinliche schlingernder Plot. Zum Finale hin sieht es sogar so aus, als würde dem Plot da fast so viel Gewalt angetan wie seinen erschossenen Figuren.

"Die Frau aus dem Meer" läuft am Montag, 10. November um 20.15 Uhr im ZDF.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos