Legenden

Das Ende des Freizeitparks Coney Island

| Lesedauer: 11 Minuten
Hannes Stein

Foto: susanne / Bildagentur Huber

Einst war die Vergnügungsmeile am Strand von Brooklyn Treffpunkt der Reichen. Dann wurde Coney Island Rummelplatz für New Yorks Unterschicht und Sehnsuchtsort der ganzen Welt. Ein Investor will die Halbinsel nun zum Las Vegas der Ostküste umbauen. Ein Abschiedsbesuch.

Ein letztes Mal, ein letztes Mal! Wir gehen am Strand von Coney Island spazieren, die Septembersonne im Gesicht, schauen den Kindern zu, die sich bei "Nathan's“ Köstlichkeiten holen, die jedem cholesterinbewussten Menschen den kalten Angstschweiß auf die Stirn treiben müssen, bewundern den großartigen bunten Kitsch, den es in kleinen Läden zu kaufen gibt. Bald wird hier der Herbstwind pfeifen, die Strandpromenade wird öde und leer sein. Und das Astroland, New Yorks ältester Vergnügungspark, der schon jetzt nur noch seine Kinderkarussells fahren lässt und sonst nichts mehr – das Astroland wird dann wohl Geschichte sein. Wie vor ihm der Steeplechase Park und der Luna Park und das Dreamland. Wie die berühmten und legendären Achterbahnen, deren Namen man nur aufsagen muss, um ein Leuchten in die Augen älterer New Yorker zu zaubern: "The Giant Racer“, "The Thunderbolt“, "The Tornado“. Diese Silbenkombinationen stehen für Sommer, Sand zwischen den Zehen, Hotdogs mit Unmengen Senf darauf und die besten Pommes frites der Welt.

Immerhin, der "Cyclone“ soll der Welt erhalten bleiben. Dieser Opa unter den Achterbahnen – er hat gerade eben seinen 80. gefeiert – soll wirklich eine ungeheuerliche Attraktion sein. Belinda, meine Begleiterin, meint zu diesem Thema nur: "Ich bin zweimal mit ihm gefahren, beide Male unter Protest, und beide Male bin ich vor Furcht gestorben.“ Der "Cyclone“ ist nämlich aus Holz gebaut, das heißt, der Achterbahnwagen vibriert und schlenkert ungeheuer. Jede Achterbahnfahrt ist eine Parodie auf eine Eisenbahnfahrt. Aber moderne Achterbahnen parodieren die Fahrt eines modernen Hochgeschwindigkeitszugs; der "Cyclone“ dagegen parodiert die Fahrt mit einer Dampflok. Jetzt steht er da und wartet, wie alles hier, was wohl mit dem Astroland passieren wird. Ein letztes Mal.

Ich lasse mich zu einer Fahrt mit dem Riesenrad überreden. Schließlich habe ich solch eine Tour in Wien gut überstanden. Aber das Ferris Wheel von Coney Island ist der rasantere, der gemeinere, eben: der transatlantische Vetter jenes gemütlich-gemächlichen Dings, das im Wiener Prater seine Runden dreht. Im Ferris Wheel gibt es Kabinen, die sind nicht fest montiert, sondern rutschen auf gebogenen Stangen mal nach innen, mal nach außen. Dann halten sie ruckartig an, anschließend schaukeln sie. Belinda, meine Begleiterin, lobt mich. Ich sei sehr tapfer, sagt sie. Ich selbst finde mich nicht so tapfer. Meine Knöchel färben sich langsam weiß, so fest klammere ich mich an die Bank vor mir, während ich versuche, nicht daran zu denken, wie hoch oben wir hier zwischen Sein und Nichtsein baumeln – beinahe gelingt es mir. Belinda gibt mir den wirklich guten Rat, nicht nach vorne, sondern zur Seite zu schauen.

Da sehe ich den Atlantik unter der Sonne gleißen. Die hölzerne Promenade und Familien, die sich ihren Wochenendspaß gönnen. Ein letztes Mal.

"Wenn Ärzte unsere Hotdogs essen, müssen sie gut sein!“

Früher soll Coney Island wirklich mal eine Insel gewesen sein. Heute ist das südliche Ende von Brooklyn eine Halbinsel: Wenn man auf die Landkarte schaut, hängt es unter der Millionenstadt wie ein platt gelatschter Schuh. Am Anfang war der Sandstrand. Dann kamen alle möglichen Buden, Vergnügungen, Attraktionen. Der Hotdog wurde hier erfunden (1874 von Charles Feltman), und es gibt 1001 Anekdoten, die diesen Vergnügungsort zu etwas Besonderem und Einmaligem machen – manche von ihnen könnten sogar wahr sein.


Die Geschichte von Nathan Handwerker etwa, der aus Polen auf dem Umweg über Belgien nach Amerika einwanderte, seine ersten 300 Dollar zusammensparte, indem er Hotdogs im Stehen bei der Arbeit aß, eine eigene Hotdog-Bude eröffnete und, als keine Kundschaft kam, eigens Bettler engagierte, die vor seinem Stand ostentativ mampften. Als das auch nicht half, sagte er den Bettlern, sie sollten sich rasieren und als Ärzte verkleiden. Er warb dann mit dem Slogan: "Wenn Ärzte unsere Hotdogs essen, müssen sie gut sein!“ Heute ist Nathan's eine Kette von Fast-Food-Imbissen, das Original aber stand in Coney Island.

Ich hole mir dort einen "Corn Dog“, eine Rinderwurst in einem Mantel aus Maisbrot. Das Fett trieft und tropft, bestimmt ist das Zeug wahnsinnig gesund – vor allem schmeckt es erstaunlich gut. Nicht alles an der Geschichte von Coney Island ist eitel Sonnenschein. Es war ein ständiges Bauen und Niederreißen, Zerstören und Aufbauen, denn diese paar Quadratkilometer am Meer waren ein attraktives Objekt für Spekulationen. Würde man einen Besucher von Coney Island von der Jahrhundertwende in die Gegenwart beamen, er würde kaum etwas wiedererkennen. Schmerzlich würde ihm auffallen, wie sehr das Ganze seit jenem fernen Goldenen Zeitalter geschrumpft ist: Keines der Hotels, keine der Attraktionen hat den Ansturm der Zeiten überlebt.

"Ein Wind hatte die Sonne weggeblasen“

Belinda findet, dass wir uns nach der Fahrt mit dem Riesenrad nun eine "Freakshow“ gönnen sollten. Immerhin handelt es sich um die letzte klassische "Sideshow“ – ach, wie übersetzt man das nur? Es ist irgendetwas zwischen Varieté und Zirkus: lauter kleine Nummern, bei denen der Gruseleffekt im Eintrittspreis inbegriffen ist. Wir bezahlen unsere paar Dollar, steigen über Sitzbänke steil nach oben und kommen aus dem Staunen über das, was auf der winzigen Bühne passiert, nicht mehr heraus. Eine freches New Yorker Gör mit rot gefärbten Strähnen und lässigem, selbstironischem Witz schüttelt eine schwere Eisenkette ab und befreit sich aus einer Zwangsjacke. Ein Schwertschlucker würgt eine Degenspitze seine Kehle hinunter und jagt sie immer tiefer, nachdem er uns darüber aufgeklärt hat, welche lebenswichtigen Organe er dabei verletzen könnte. ("Die Klinge wird nur wenige Millimeter an meinem Herzen vorbeigehen, von ihm getrennt nur durch meine Speiseröhre!“) Ein spindeldürrer junger Mann mit Rasputinbart bohrt sich lange Metallnadeln durch beide Handballen und die Wange, ohne dass auch nur ein Tropfen Blut fließt. Ein Feuerschlucker lässt sich brennende Spieße auf der Zunge zergehen. Dann tritt der Schwertschlucker noch einmal auf: Er isst mit kreisenden Zungenbewegungen ungefähr drei Meter schwarzen Zwirn und holt ihn anschließend mithilfe einer Pinzette zurück. Erst zupft er ein kleines Ende Faden aus der Haut über seiner Bauchdecke, dann wird der Zwirn stetig länger. Igitt, will sagen: Das muss ja wohl ein Trick sein. Aber wie funktioniert er?

Nach der Vorstellung raucht der Schwertschlucker auf dem Bürgersteig vor dem Varieté eine Zigarette und plaudert mit Passanten. Im Tageslicht sieht man: Sein Bauch ist mit roten Stichen und rasiermesserklingendünnen weißen Narben übersieht. Eigentlich sei er aus Kalifornien, sagt er. Ja, das sei die letzte Show dieses Jahr, er wisse nicht, wie es danach weitergeht. Ein letztes Mal, ein letztes Mal.

Die Dichter der Beatgeneration haben Coney Island geliebt: Allen Ginsburg, Jack Kerouiac. Lawrence Ferlinghetti. "Ein Wind hatte die Sonne weggeblasen“, heißt es in seinem Poem "A Coney Island of the Mind“. "Draußen fielen die Blätter/ und sie schrien: Zu bald! Zu bald!“

"Coney Island ist unschuldig“, sage ich irgendwann beim Gehen zu Belinda. "Unschuldig und altmodisch. Es hat etwas von einem lieben, knallbunten, etwas verbeulten alten Blechspielzeug, mit dem schon die Großeltern gespielt haben und das man um Himmels willen nie wegräumen möchte – also gibt man es an die eigenen Enkel weiter.“ Coney Island erinnert den Besucher auf Schritt und Tritt an vergangene Epochen, aber an welche eigentlich genau? An die Jahrhundertwende? An die Dreißigerjahre, die Fünfziger? Vielleicht ist die Wahrheit, dass sich aus jedem Zeitalter just das, was Nostalgie hervorrufen könnte, in Coney Island angesammelt hat wie kostbares Strandgut: dass dieser Vergnügungsort vor allem dafür geschaffen wurde, im Besucher immer Wehmut hervorzurufen, die sich anfühlt wie ganz leichtes, süßes Seelenzahnweh.

"Die neuen Betreiber wollen da irgendwas ganz Neues und Glitzerndes hinstellen"

Darum war es ein herber Schock, als sich die Nachricht herumsprach, die Eigentümer von Astroland hätten das Grundstück für 30 Millionen Dollar an eine neue Betreibergesellschaft verkauft, die so heißt wie der nordische Donnergott mit dem Hammer: Thor. Die neuen Betreiber wollen da irgendwas ganz Neues und Glitzerndes hinstellen, munkelt man. Das Astroland soll an anderer Stelle wiedererrichtet werden, heißt es. Als das Astroland 1962 gegründet wurde, mutete es wahrscheinlich ungeheuer futuristisch an – heute ist dieser Vergnügungspark so antiquiert wie das Apollo-Raumfahrtprogramm. Genau das ist sein Charme. Und so ziehen die Liebhaber von Coney Island, die allesamt Nostalgievirtuosen sind, voll Betrübnis die Augenbrauen hoch: "Modernisieren?“, sagen sie. "Um Gottes willen.“

Mittlerweile wird zwar offiziell verlautbart, das Astroland solle zumindest für den Sommer des kommenden Jahres noch eine Gnadenfrist genießen; außerdem heben die neuen Grundeigentümer sämtliche Finger zum Schwur, sie wollten ihren großen Hammer nicht niedersausen lassen, sondern den Geist von Coney Island respektieren – aber das Misstrauen bleibt. Da

sollen doch nicht etwa teure Wohnblocks hochgezogen werden? Wird hier wieder einmal ein Stück Stadtgeschichte plattgewalzt? Der "Cyclone“, der Opa unter den Achterbahnen, ist von dem Deal nicht betroffen. Die alten Betreiber von Astroland lassen ihn mithilfe der Stadt New York ratternd weiter Fahrgäste zu Tode ängstigen. Und den Strand von Coney Island kann sowieso niemand verderben.

Mittlerweile ist es Nacht geworden, der Mond ist aufgegangen. Belinda und ich schauen vom Strand her noch einmal zurück: Da ist das Riesenrad, schön beleuchtet von Neonlichtern. Daneben erstrahlt rötlich der Turm, von dem früher mal Fallschirmspringer den Nervenkitzel gesucht haben – auch das ist lange passé, aber der Fallschirmspringerturm ist geblieben: den "Eiffelturm von Brooklyn“ nennen ihn manche Witzbolde. Der Wind treibt das Lachen von Kindern herüber, zwei Oldies sitzen mit Akustikgitarren auf einer Bank und spielen Schlager, die kein Mensch mehr kennt. Ein letztes Mal, ein letztes Mal!