Bergsteiger-Tragödie

Nur einer kam zurück – Messner am Nanga Parbat

Vor 35 Jahren verlor Reinhold Messner seinen Bruder Günther im Himalaya. Jetzt wurden Überreste der Leiche entdeckt. Kann er nun den Vorwurf entkräften, er habe damals seinen Bruder im Stich gelassen?

Reinhold Messner geht, Schritt für Schritt und unbeirrbar. Er geht bergauf, was ihm lange nicht mehr so leicht fällt wie früher. Aber es muß sein, er will dorthin, wo sie ihn schon erwarten, ins Diamir-Tal im Himalaya, das über schwierige, für Jeeps nur teilweise zu befahrene Wege von Pakistan aus erreicht wird.

Schritt für Schritt kommt Messner seinem Ziel näher, in zwölf Tagen wird er dort sein. Und auf dem Weg dorthin ziehen möglicherweise mehr als 30 Jahre in Gedanken an ihm vorbei. Sein lebensprägendes Drama. Tragische Momente. Schmerz. Aber auch Glückserlebnisse. 1970 war er im Diamir-Tal von Einheimischen gefunden worden, halb tot, halb verrückt, nachdem er vom Nanga Parbat in einer wahnsinnigen Aktion abgestiegen war. Messners jüngerer Bruder Günther war seitdem verschwunden, mit 24 Jahren.

Jetzt ist alles wieder präsent.

Denn ein Bergsteiger fand vor einigen Wochen in 4600 Meter Höhe in der Nähe des Diamir-Basislagers die Reste einer Leiche. Er konnte sie nicht identifizieren, zumal der Kopf fehlte, aber er wußte von der berühmten Geschichte der Messners und berichtete davon. Der Berg hat Knochen und Kleidungsstücke freigegeben, darunter Schuhe und eine Jacke. Messner hat sie erkannt, sagt er, es seien die Sachen von Günther. Nach so langer Zeit die Bestätigung für ihn.

Eines von Messners Büchern heißt "Mein langer Weg zum Nanga Parbat". In vier Wochen wird er 61 Jahre alt; seit er sich vor zehn Jahren zu Hause das Fersenbein gebrochen hat, sind die hohen Berge für ihn unzugänglicher.

Schritt für Schritt.

Die Tragödie vom Juni 1970 hat ihn nie losgelassen. Bergsteiger gelten oft als schweigsam, Reinhold Messner aber, die Ausnahmeerscheinung, ist der erzählfreudigste, wortgewaltigste unter allen Kletterern. So wurde er zum Weltstar, zum Mann mit dem Ego, das noch ein bißchen größer ist als der Himalaya. Das Drama vom Nanga Parbat ist Auslöser seiner Identität als Einzelgänger. Immer wieder hat Messner über Günther gesprochen. Es gibt erschütternde Filmaufnahmen, wo er im Biwak einen Weinkrampf bekommt, als er über den Bruder spricht. Messner hat die Geschichte ausgebreitet, jedenfalls seine Version, mit immer neuen Details und Erinnerungen. Bis vor zwei Jahren ein gewaltiger Streit entstand. Mit so vielen Anwürfen, Drohungen, Geschrei und Schriftsätzen vor Gericht, daß von Totenruhe nicht einmal im Himalaya die Rede sein konnte.

Reinhold Messner ist, nachdem er vom Fund hörte, nach Pakistan geflogen. Und hat sich auf den Weg gemacht. Er will jetzt zum Fundort der Leiche steigen, will am Holzkasten, in dem die sterblichen Reste liegen, eine Plakette anbringen und wohl erneut Abschied nehmen. Der Körper des Toten ist offenbar vor zwei Jahren mit schmelzenden Schneemassen in die Nähe des Lagers unterhalb der Diamir-Wand getragen worden. Eine Hitzewelle hatte eine Schmelze bis in große Höhen ausgelöst. Wahrscheinlich lag die gefrorene Leiche seit 33 Jahren auf 7000 Meter in Eis und Schnee vergraben.

Aber wo? Das läßt sich nicht mehr herausfinden. Der Fund Günther Messners auf der Diamir-Seite des Nanga Parbat ist trotzdem enorm wichtig, denn er bringt Licht ins Dunkel, von dem Messners zahlreiche Gegner immer gesprochen haben. Er beweist, daß die Messner-Brüder am 28. Juni 1970 tatsächlich beide erst auf dem Gipfel des Nanga Parbat waren und dann beide über die Diamir-Seite abgestiegen sind. Und daß Reinhold seinen geschwächten Bruder nicht wissentlich und im übersteigerten Ehrgeiz im Stich gelassen hat.

Man muß die Geschichte noch einmal erzählen. Die Messners aus einem einsamen Winkel Südtirols sind 1969 begeisterte Kletterer. Ihre Wege führen gleichermaßen nach oben und raus aus dem engen Villnöß-Tal - weg vom Hof mit dem strengen Vater. Sie sind aufstrebende Bergsteiger, sie gehen immer zu zweit. Zum Nanga Parbat, dem Schicksalsberg der Deutschen, kommen sie auf Einladung. Expeditionsleiter Herligkoffer hatte schon mehrmals versucht, den Nanga Parbat besteigen zu lassen, und war 1953 dabei, als Hermann Buhl es als erster schaffte. Eine Gruppe junger, gleichwohl erfahrender Leute mit Herligkoffer im Tal will nun über die Rupal-Wand auf den Gipfel, die größte Steilwand der Erde, 4500 Meter nur Abgrund. Hermann Buhl hatte dazu gesagt: "Ein Versuch allein wäre Selbstmord."

Der Angriff dauert schon Wochen. Das Team schiebt sich langsam immer höher, errichtet Lager, versichert Wände mit Seilen. Auf 7000 Meter herrschen Temperaturen von minus 25 Grad. Die Nerven liegen blank. Reinhold Messner gilt als egoistisch, ist aber der beste Kletterer. Er soll laut Plan als erster zum Gipfel gehen, die anderen folgen, Günther unten Seile legen und den Rückweg sichern. Aber jeden Tag sehen die Pläne anders aus. Angeblich träumten die Messners von der Übersteigung des Nanga Parbat, was potenzierter Wahnsinn wäre und gegen alle Bergsteigergesetze.

Das Wetter wird unsicher. Am 26. Juni abends beschließt Reinhold, allein zu gehen. Er sagt es Günther. Morgens um drei Uhr steigt Reinhold los. Stunden später treffen sie sich, Günther ist hinterhergestiegen. Er hat kein Seil dabei. Der Ältere nimmt den Jüngeren mit. Am späten Nachmittag erreichen sie den Gipfel, 8125 Meter, Günther ist geschwächt, er will nicht über den Aufstiegsweg zurück.

Sie müssen biwakieren, in der Todeszone über 7000 Meter, wo der Körper auch ohne Bewegung immer schwächer wird. Günther hat Halluzinationen, spricht von einer Decke, die nicht da ist. Reinhold geht am Morgen weg und schreit um Hilfe. Und tatsächlich sind da zwei Mann aus der Gruppe, die von der Merkl-Rinne aus Rufkontakt mit Messner auf der Scharte über ihnen haben. Peter Scholz und Felix Kuen sind auf dem Weg zum Gipfel.

Sie rufen: "Wart ihr am Gipfel?"

Messner antwortet: "Ja."

Kuen schreit: "Ist bei euch alles in Ordnung?"

Und Messner, der heute viele Seiten in mehreren Büchern für eine schlüssige Erklärung braucht, antwortet knapp:

"Ja, alles in Ordnung."

Die zwei Männer gehen dann weiter, die Messners steigen über die Diamir-Seite ab ins unbekannte, ungesicherte Gebiet. Reinhold spurt Wege, dann kommt ein Gewitter, sie müssen noch eine fürchterliche Nacht am Berg bleiben. Irgendwann beim Absteigen verliert Reinhold den Bruder aus den Augen, er steigt ja durch eine Lawinenzone voran, aber Günther ist weg, das 33. Opfer des Nanga Parbat.

Reinhold irrt umher, sucht, bleibt eine dritte Nacht dort, geht dann ins Tal. Als er nach Tagen die Kameraden trifft, fragt er als erstes: "Wo ist Günther?" Er ist außer sich, macht allen Vorwürfe. Zurück in Europa, werden ihm sieben erfrorene Zehen amputiert.

Er ist jetzt berühmt.

Messner verkraftet den Tod des Bruders, aber er läßt ihn nie los. Mehrmals sucht er nach der Leiche, ohne Erfolg. Auf vielen seiner Wege folgt ihm der Schatten Günthers. Er nimmt die Achttausender in Angriff, einen nach dem anderen, stellt Rekord und Rekord auf. 1978 besteigt er den Nanga Parbat im Alleingang, was kein Bergsteiger je gewagt hat. Messner braucht die absolute Einsamkeit und die Nähe des Todes. Er sagt: "Mein Krankheitsbild ist umrissen mit: Lebenslust durch Einsatz des Lebens."

Der große Streit um Günthers Tod beginnt vor gut zwei Jahren bei einer Buchvorstellung. Messner schimpft vom Podium herunter, macht die alten und auch neue Vorwürfe. Max von Kienlin und Hans Saler, Teilnehmer von 1970, schreiben Bücher über den Nanga Parbat und behaupten, Reinhold habe Günther auf der Rupal-Seite zurückgelassen, um selbst zum Gipfel zu steigen. Aus purem, irrem Ehrgeiz. Messner wirft der Expedition vor, sie hätten nicht nach ihnen gesucht, sie hätten Hilfe verweigert, seien die eigentlich Schuldigen. Er geht wegen der Bücher vor Gericht, schreibt selbst zwei Bücher hintereinander über das gleiche: Nanga Parbat, Günther, die Einsamkeit, der Tod.

2003 weiht Reinhold Messner im Diamir-Tal die "Günther-Messner-Schule" ein, die er gestiftet hat. Im Frühjahr 2004 wird an der Diamir-Seite in 4300 Meter Höhe ein Wadenbein gefunden, von dem Messner sagt, es sei von Günther Messner, was ein Gen-Test mit hoher Wahrscheinlichkeit bestätigt. Als Reinhold Messner vor kurzem in einem ausführlichen Gespräch gefragt wird, ob sich einer seiner Gegner entschuldigt habe, antwortet er nur: "Nein."

35 Jahre sind eine lange Zeit. Günther Messner wäre jetzt 59 Jahre alt. Viele Bergsteiger sind seitdem im Himalaya gestorben, den vielkritisierten großen Sturm auf die Bergriesen hat nicht zuletzt Reinhold Messner ausgelöst. Wer heute auf den Mount Everest geht, muß sich nicht nur in eine Schlange einreihen, sondern auch an Leichen vorbeisteigen, die nicht abtransportiert werden können. Ist nun mit dem Leichenfund, ist mit Günthers Jacke und den Schuhen die Sache zu Ende?

Max von Kienlin, dem Reinhold Messner einst auch die Frau ausgespannt hat, sagt jetzt, die Identität der Leiche sei noch nicht eindeutig geklärt. Der Verleger von Hans Saler erklärt: "Es ist nach wie vor unklar, wo und vor allem wie er verunglückte. Er könnte theoretisch auch nach einer Trennung der Brüder auf dem Rückweg zur Rupal-Seite im oberen Wandbereich noch auf der Diamir-Seite abgestürzt sein." Er könnte. Theoretisch. Das Extrem-Bergsteigen führt über Abgründe hinweg und hinterläßt unauslöschbare Narben.

Reinhold Messners Leistungen standen bei alledem nie in Frage. Er kann für sich nun den Beweis erbringen, daß er richtig gehandelt hat. Und er wird sicher von Integrität sprechen, von Klarheit, von Wahrheit. Er geht jetzt auf dem Weg ins Diamir-Tal gleichzeitig den Berg hinauf und den Berg hinunter.

Schritt für Schritt.

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