Der Fall Jaycee Lee Dugard

Vater des Kidnappers Garrido hält Sohn für Killer

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Foto: AP

Bei den Ermittlungen im Fall Jaycee Lee Dugard aus Kalifornien sammelt die Polizei weitere Beweise gegen den Kidnapper Philip Garrido. Der 58-Jährige wird mehrerer Prostituiertenmorde verdächtigt. Ein Opfer, das Garridos Vergewaltigung überlebte, stützt die Theorie. Und auch Garridos Vater traut seinem Sohn die Taten zu.

Eine Amerikanerin, die 1976 von Phillip Garrido entführt und vergewaltigt wurde, hat über ihren eigenen Leidensweg und die Entführung von Jaycee Lee Dugard gesprochen. „Es ist fürchterlich, was er ihr (Dugard) angetan hat, aber ich habe keine Zweifel daran, dass er dazu fähig war“, sagte Katie Hall in der Larry King-Talkshow beim Sender CNN.

Sie selbst war im Alter von 25 Jahren von Garrido verschleppt und über Stunden hinweg vergewaltigt worden. Durch Zufall entdeckte ein Polizist Garridos Versteck in einem Lagerhaus, befreite das Opfer und nahm ihn fest. Er wurde zu 50 Jahren Haft verurteilt, kam aber nach elf Jahren auf Bewährung frei.

1991, wenige Jahre nach seiner Freilassung, entführte er in Nordkalifornien die damals elfjährige Jaycee Lee Dugard, hielt sie 18 Jahre in einem Garten hinter seinem Haus in Antioch versteckt, wo er sie auch sexuell missbrauchte.

So lautet die Anklage gegen den jetzt 58-Jährigen und seine Ehefrau Nancy Garrido. Die Eheleute waren in der vergangenen Woche festgenommen worden. Jaycee und ihre beiden elf und 15 Jahre alten Töchter, die sie während ihrer Gefangenschaft zur Welt brachte, wurden mit ihrer Familie vereint. Sie befinden sich an einem unbekannten Ort, wo sie von Ärzten und Psychologen betreut werden.

Hall schilderte, wie sie Garrido in die Hände gefallen war. Er hatte sie auf einem Parkplatz angesprochen, ob sie ihn ein Stück mitnehmen könne, weil sein Auto nicht anspringe. Nach einer kurzen Fahrt habe er sie brutal überwältigt, gefesselt und in einen Lagerschuppen verschleppt. „Ich dachte, ich würde sterben“, sagte Hall. „Ich kann mir nicht vorstellen, was Jaycee durchmachen musste. Er hatte mich nur für acht Stunden. Er hatte sie 18 Jahre lang“.

Knochen gefunden

Offen ist noch, ob Garrido auch für den Tod von mehreren Frauen in seiner Nachbarschaft verantwortlich ist. Bei der Durchsuchung seines Grundstücks wurden zwar Knochen gefunden, unklar sei jedoch noch, ob es sich dabei um menschliche handelt.

Die Polizei hat die Ermittlungen auf das Nachbargrundstück ausgedehnt, nachdem Anrainer erklärt hatten, der mutmaßliche Entführer, der wegen Sexualverbrechen vorbestrafte Phillip Garrido, habe bis vor drei Jahren das Nachbarhaus gehütet und die dort lebende ältere Dame betreut.

Garrido könnte für die Ermordung von mehreren Prostituierten Anfang der 90er-Jahre und noch andere ungelöste Fälle verantwortlich sein, erklärte die Polizei in Antioch, ohne Einzelheiten zu nennen. An den Ermittlungen beteiligte sich auch die Polizei der nahen Stadt Pittsburg. Dort wurden einst die Leichen von Prostituierten in der Nähe eines Gewerbegebiets gefunden, in dem Garrido in den 90er-Jahren gearbeitet hatte.

Der Vater von Garrido hat der Zeitung „New York Post“ gesagt: „Er war sexsüchtig, das war sein Problem“, sagte Manuel Garrido. „Ich glaube, mein Sohn hat die Prostituierten getötet.“

Martyrium von Jacyee Lee Dugard

Durch die Ermittlungen kommen zudem immer mehr Details über die Gefangenschaft von Jaycee Lee Dugard ans Licht. Offenbar hat sie ihren mutmaßlichen Kidnapper gearbeitet und dabei keine Anstalten gemacht, Hilfe zu suchen. Die jetzt 29-Jährige habe in Garridos Druckerei ausgeholfen und Kunden per Telefon und Email bei ihren Bestellungen geholfen, berichtete die Zeitung „San Francisco Chronicle“ unter Berufung auf mehrere Kunden Garridos. Dugard sei „sehr professionell, sehr höflich“ gewesen, „wie eine normale Sekretärin“, zitierte die Zeitung einen Kunden.

Der 58-jährige Garrido habe Dugard als seine Tochter „Allissa“ vorgestellt und vorgegeben, sie kümmere sich um das Design der Auftragsarbeiten, sagte ein anderer Kunde. Experten zufolge entwickelte Dugard vermutlich das Stockholm-Syndrom, baute also eine emotionale Beziehung zu ihrem Geiselnehmer auf.

Einem britischen Fotografen gelang es offenbar, sich in den Hinterhof zu schleichen, in dem Dugard zusammen mit ihren Kindern festgehalten wurde. Die Bilder zeigen ein wahres Chaos, in der Ecke eines Zeltes sind Kopfkissen, Kleider und Getränkekartons aufeinandergestapelt. Ein anderes Bild zeigt ein mit schmutzigem Wasser gefülltes Aquarium, daneben ein Packung Malstifte. Auf einem weiteren Bild sind mehrere billige Kommoden zu sehen, bei einigen fehlen die Schubladen, auf einer liegen Schminkzeug und eine Haarbürste.

Entführer baute eine Familie auf

Jaycee Lee Dugard konnte derweil wieder ihre Familie treffen: Mit ihren beiden Töchtern, ihrer Mutter, Schwester und Tante hält sich die 29-Jährige an einem unbekannten Ort auf, wo sie auf die Hilfe von Ärzten und Psychologen bauen kann, wie ihr Stiefvater Carl Probyn dem „San Francisco Chronicle“ berichtete. „Sie umarmen sich und halten sich gegenseitig fest. Dies wird Monate, wenn nicht Jahre dauern“, sagte Probyn. In der „Early Show“ beim Sender CBS erklärte Probyn, dass Jaycees elf und 15 Jahre alten Töchter die leibliche Mutter als ihre Schwester ansahen. Auch wussten die Mädchen nichts über die Entführung.

Probyn zufolge weinten die Kinder bei der Verhaftung ihres Vaters Phillip Garrido. „Sie waren eine Familie“, sagte er dem Sender CBS. „Sie hingen sehr aneinander“. Seine Frau würde die Mädchen als „sehr anhänglich“ beschreiben. Sie seien zudem recht klug, obwohl sie nie eine Schule besuchten.

( dpa/AFP/AP/kami )