Inzest-Fall in Österreich

K. Fritzl und das Wunder von Amstetten

Sieben Wochen lag sie im künstlichen Tiefschlaf. Jetzt ist die älteste Tochter von Elisabeth Fritzl, die im Kellverlies von Josef Fritzl gezeugt wurde, wieder wach. Und wie ein echter Teenager hat die 19-Jährige schon ganz viele Wünsche – vor allem möchte sie endlich mal einen Rockstar live sehen.

K. Fritzl, die älteste Tochter von Elisabeth Fritzl aus Amstetten, hat nach sieben Wochen im künstlichen Koma zurück ins Leben gefunden. "Ihre Genesung ist ein Wunder", sagte ihr Arzt Albert Reiter, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, auf einer Pressekonferenz über den Gesundheitszustand der 19-Jährigen. Am 15. Mai habe sie – obwohl noch künstlich beatmet – erstmals die Augen geöffnet. Die Ärzte hätten sie angelacht, und sie habe zurückgelächelt.

Das Aufwachen sei gelaufen "wie am Schnürchen". Bereits vor einiger Zeit hatten sich die Mediziner entschlossen, K. langsam aus dem Tiefschlaf zu holen.


“Als der Augenblick gekommen ist, in der wir unserer K. die Kanüle entfernen durften, über die sie mehrere Woche künstlich beatmet wurde, sagte ich: 'Hallo K..' Und ein neues Leben hat begonnen", sagte der Mediziner mit den Tränen ringend. Dies sei „das vorläufige Ende eines langen Leidensweges“.


Ihre Mutter, Elisabeth Fritzl, habe während der Behandlung häufig am Bett ihrer Tochter auf der Intensivstation gesessen, ihr Mut zugesprochen und sie motiviert, sich zurück ins Leben zu kämpfen.


Der mysteriösen Krankheit K. ist es überhaupt zu verdanken, dass Elisabeth und K. Geschwistern die Flucht aus dem Kellerverlies in Amstetten gelang, das Josef Fritzl gebaut hatte. 24 Jahre lang hielt der heute 73-Jährige seine Tochter dort gefangen, missbrauchte sie und zeugte sieben Kinder mit ihr. Bei der Geburt von Zwillingen starb einer der Jungen, die Leiche verbrannte Fritzl im Heizkessel.

Vermutlich wäre K. im Keller gestorben

Wenn Elisabeth nicht darauf gedrängt hätte, dass ihr Peiniger und Vater Josef Fritzl die schwer kranke K. ins Krankenhaus bringt, wäre sie vermutlich im Keller gestorben. Die 19-Jährige war am 19. April in einem lebensbedrohlichen Zustand und bewusstlos in das Landesklinikum eingeliefert worden. Mehrere Organe hatten versagt, darunter die Nieren und die Lunge.

Der Teenager habe sich vermutlich bei einem epileptischen Anfall auf die Zunge gebissen, glauben die Mediziner. Die Wunde muss so tief gewesen sein, dass sehr viel Blut in die Lunge floss und K. zu ersticken drohte. Das Ärzte-Team entschied daraufhin, K. sicherheitshalber in einen Tiefschlaf zu versetzen, bis sich ihr Zustand wieder stabilisiert. "Dem definitiven Auslöser des Multiorganversagens haben wir versucht, auf den Grund zu gehen – bislang erfolglos“, sagte ihr Arzt Reiter. Mögliche Ursache sei eine kleine Infektion, die sich ausgebreitet habe. Ob K. sexuell missbraucht wurde, wollten ihre Arzt nicht sagen: "Das unterliegt der Schweigepflicht".

Der erste Ausflug

Seit ihrem Aufwachen habe K. bereits erste Schritte auf der Station und sogar einen ersten Ausflug gemacht. Außerdem habe sie schon kurz nach ihrem Aufwachen viele Wünsche geäußert. Unter anderem wollte sie zurück zu ihrer Familie. Dieser Wunsch wurde ihr bereits erfüllt.

Und obwohl K. mit ihren Geschwistern im Kellerverlies aufwuchs, ist sie offenbar ein ganz normaler Teenager: Unter anderem wolle sie eine Schifffahrt unternehmen – und ein Robbie-Williams-Konzert besuchen. K. scheint ein echter Fan zu sein: Noch mit Beatmungsschlauch im Mund habe sie bis morgens um drei Uhr im Krankenbett zu der Musik getanzt.

Obwohl es K. besser geht, liegt noch ein langer Behandlungsweg vor ihr: K. werde momentan weiter physiotherapeutisch betreut. Außerdem leide sie womöglich noch unter einer Nervenentzündung, die durch das lange Liegen im Koma verursacht wurde. Wahrscheinlich werde später auch noch eine intensivere Psychotherapie machen müssen.

Wenn eine Wolke ein Ereignis ist

Inzwischen hätten auch beide Teile der Familie – der Teil aus dem Verlies und der, der mit Josef Fritzl scheinbar ein ganz normales Leben führte – hätten ein unheimliches Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Allerdings müssten sie noch ihre Geschwindigkeiten aneinander anpassen. „Für die einen ist das Vorbeiziehen einer großen Wolke schon ein Ereignis, den einen ist fad", sagte der betreuende Arzt und Direktor des Landesklinikums Amtetten-Mauer, Berthold Kepplinger.

An die Öffentlichkeit treten wolle die Familie in naher Zukunft nicht, sagt ihr Anwalt Christoph Herbst und richtete sich mit einem Appell an die Presse: „Wie Sie wissen, kann die Familie nach wie vor nicht so ins Freie gehen und die Natur genießen, was jedoch besonders für die Kinder, die nicht im Freien gelebt haben, ganz wichtig ist. Soweit es geht, sollen die Medien die Familie im Rahmen des Möglichen in Ruhe lassen und sich nicht auf dem Gelände aufhalten. Der Lebensraum der Familie soll nicht erneut eingeschränkt werden.“ Ob die Familie eine neue Identität erhalten wird, ist noch unklar.

Allerdings sei es Elisabeth Fritzl ein Anliegen, den vielen Brief- und E-Mail-Schreibern für ihren Beistand zu danken, sagte Rechtsanwalt Herbst. Briefe kämen aus Australien, China und natürlich aus Österreich. Die Familie verfasse momentan die Antwortenschreiben.

Seit kurzem wohne die Familie nicht mehr in einem Pavillon, sondern in einer eigens für sie eingerichteten Wohnung. Auch für den Anwalt ein bewegender Moment: "Wenn man das beobachtet, wie die Familie miteinander lebt, das ist immer wieder schön zu sehen".

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