Inzest-Prozess

Anklägerin von Josef Fritzl nennt schreckliche Details

In Österreich hat das Verfahren begonnen, das sie "Jahrhundertprozess" nennen: die Strafsache gegen Josef Fritzl, 73 Jahre alt, Techniker, Immobilienmakler und respektierter Bürger von Amstetten. Es geht um Mord, Sklaverei, Nötigung und Vergewaltigung. Die Staatsanwältin spart nicht mit schrecklichen Details.

Alle Menschen im Saal haben auf sein Gesicht gewartet. Sie kennen es von jenem Bild, das die Polizei nach seiner Verhaftung machte. Es zeigt einen alten Mann mit wirren Haaren, hochgezogener Braue und spöttischem Blick. Die Leute wollten sehen, wie ihn die Gefangenschaft verändert hat, ob ihn inzwischen Scham zeichnet oder Reue.

Doch Josef Fritzl hat ihnen den Gefallen nicht getan. Selbst an dem Tag, an dem er vor seine Richter trat, wollte er er noch bestimmen, was die Welt von ihm sieht, und so hielt er sich einen blauen Aktenordner vor den Kopf, als ihn die Justizwachebeamte in den Großen Schwurgerichtssaal des St. Pöltener Landesgerichts führten. Vielmehr ist ihm offenbar nicht geblieben, um sein Gesicht zu wahren.

24 Jahre lang soll der Mann seine Tochter in einem Verlies unter seinem Haus eingekerkert haben, sie tausende Male vergewaltigt und sieben Kinder mit ihr gezeugt haben.

Eines davon starb zwei Tage nach der Geburt. Die Anklage wirft Fritzl vor, der Junge hätte überleben können, wenn sein Vater und gleichzeitiger Großvater ihm nicht die Hilfe verweigert hätte. Deshalb muss sich Fritzl nicht nur wegen Sklaverei, Vergewaltigung, Freiheitsentziehung, schwerer Nötigung und Blutschande verantworten, sondern auch wegen Mordes durch Unterlassung.

Drei Fotografen dürfen festhalten, was Fritzl von sich zeigt: ein alter Mann mit Glatze und buschigen Augenbrauen, dem der helle Anzug in den elf Monaten Haft ein wenig zu groß geworden ist. Die Chefs des Gefängnisses, in dem er einsitzen beschreiben ihn als höflich, freundlich, ruhig – in jeder Hinsicht durchschnittlich. Den Ordner legt Josef Fritzl erst vor sich auf den Tisch in der Mitte des Raumes, als die Richterin die Fotografen bittet, den Saal zu verlassen.

Bevor sie das Verfahren offiziell eröffnet, wendet sich Andrea Humer noch einmal an den ganzen Saal: „Es handelt sich hierbei um die Tat eines Einzeltäters, nicht etwa um das Verbrechen eines Ortes, einer Region oder einer ganzen Nation.“ Ihre Stimme zittert ein wenig. Es gab viele Leute, die im vergangenen April den Fall Fritzl als Folge einer typisch österreichischen Wegschaukultur beschrieben haben.

Während die Richterin dann die Geschworenen vereidigt und Fritzl Personalien aufnimmt, rutscht Fritzl ein paar Mal auf seinem Stuhl hin und her, aber er rührt sich nicht mehr, als die Staatsanwältin mit ihrem Anklagevortrag beginnt.

Christiane Burkheiser ist jung und entschlossen, das Verbrechen, das alle „unfassbar“ nennen, für die Geschworenen nachvollziehbar zu machen. Sie hat Striche an die Türen des Gerichtssaals malen lassen. Einen in 1,77 Meter Höhe – so hoch war das Verlies.

Einen in 1,22 Meter Höhe – so hoch war die Dusche. Sie sagt, dass Josef F.s Tochter E. Die ersten neun Jahre auf elf Quadratmeter lebte, zeitweise mit drei kleinen Kindern und einem Baby im Bauch – und dass das ungefähr so groß sei wie der Bereich, in dem die acht Geschworenen und die vier Ersatzgeschworenen sitzen. Und dann hat sie ein wenig Grauen in eine Pappschachtel gepackt. „Bitte riechen Sie an den Gegenständen, die da drin sind“, sagt sie. „Riechen sie, wie es beinahe 24 Jahre lang im Keller gerochen hat.“ Und die Geschworenen riechen.

Die junge Staatsanwältin braucht ungefähr eine dreiviertel Stunde, um das Martyrium von Josef Fritzls Tochter E. zusammenzufassen. Sie beschreibt, wie er sie ankettete, wie er sie wie sein Eigentum behandelte, wie sie ohne Hilfe ihre Kinder zur Welt brachte.

Manchmal springt sie von einer Grausamkeit Jahre weiter zur nächsten, und dann sagt sie: „Und wissen Sie, was in den zwei Jahren dazwischen war? Licht aus, Vergewaltigung, Licht ein, Schimmel, Licht aus, Vergewaltigung, Licht ein, Geburt, Licht aus, Vergewaltigung, Licht ein, Kindsweglegung, Licht aus, Ungewissheit.“ Und die Ungewissheit sei das Schlimmste. Sie habe E. erst gebrochen.

Die Geschworenen haben sich fast alle in ihren Klappstühlen zurückgelehnt und die Arme verschränkt, als der Verteidiger von Josef Fritzl zu seiner Replik ansetzt.

Rudolf Mayer ist routiniert und entschlossen, ein neues Bild von Josef Fritzl zu zeichnen. Sein Mandant sei kein "Monster“, sagte er, außergewöhnlich an diesem Fall sei nicht die Einkerkerung oder der Inzest, sondern dass sich da jemand eine Zweitfamilie aufgebaut habe.

"Wenn i nur Sex haben wöllte, dann könnte ich doch kurzen Prozess mit den Kindern machen, die dabei entstehen. Da schaff ich doch net Schulbücher runter oder einen Tannenbaum zu Weihnachten. Da bin i doch net bei der Geburt dabei." Ganz am Ende, nachdem er die strittigen Anklagepunkte genannt hat, Mord und Sklaverei, lehnt Mayer sich vor und und sagt: "Bitte fragen Sie sich:Was hat er zweifelsfrei gemacht? Und erst daraus ergibt sich dann das Strafmaß.“

Während er sich wieder hinsetzt, richtet sich Josef Fritzl auf in seinem Stuhl. Als nächstes ist er dran. Seine Hände zittern, mit der linken Ferse wippt er. Die Richterin verliest noch einmal die Anklagepunkte. Blutschande? „Schuldig.“ Nötigung? „Schuldig.“ Freiheitsentziehung? „Schuldig.“ Vergewaltigung? „Teilschuldig.“ Sklavenhandel? „Nicht schuldig.“ Mord durch Unterlassen? „Nicht schuldig.“ Der junge Geschworene mit den Koteletten in der zweiten Reihe presst die Lippen zusammen, die Frau mit den roten Haaren schräg vor ihm hält sich die Hand an die Stirn, die Agenturjournalisten schleichen sich aus dem Saal, die Laptops auf dem Arm.

Er redet nicht laut, aber so, als wäre er es gewöhnt, dass man ihm zuhört. Er lässt sich ungern unterbrechen, er korrigiert die Richterin oft, als sie mit ihm seine Lebensgeschichte durchgeht. Aber er setzt nur ein einziges zu so etwas wie einer Verteidigung an. Als es um das erste Inzestkind geht, das er vor seinem Haus ablegte, sagt er: „Sie ist ja dann ins Spital gekommen, deswegen hab ich sie ja raufgeholt.“

Die Reporter hinter ihm sehen nur, dass er sich dabei ein wenig nach vorne beugt. Zu wenig, um auch nur zu mutmaßen, was in ihm vorgeht. Die psychiatrische Gutachterin Adelheid Kastner hat ihn sechs Mal im Gefängnis besucht, um das herauszufinden.

Aber was sie über Josef F. Zu sagen hat, das soll die Öffentlichkeit nicht hören, genausowenig, wie das was Fritzl an diesem Tag noch sagen wird, nachdem dem Gericht der erste Teil der Videoaussage seiner Tochter vorgespielt wurde. Das beschließt das Gericht gestern rund eineinhalb Stunden nach Beginn der Verhandlungen und wirft die Journalisten wieder hinaus, wo ein Spektakel stattfindet, das unendlich viel greller und lauter ist als der erste öffentliche Auftritt von Josef Fritzl.

Der Theatermacher Hubert Kramar ist mit zwei Schauspielern gekommen. Ihre Münder sind rotverschmiert, und sie küssen sich, dazu läuft Musik, die nach einer Mischung aus Carmina Burana und „Satisfaction“ klingt. Kramar sagt, er will „andere Bilder zeigen, nicht das Monster.“

Deshalb haben sich seine Schauspieler nackte Babypuppen an ihre Kleider genäht, auch die sind rot befleckt. Einige haben sich bereits von den Kostümen gelöst. Sie liegen auf der Straße vor dem Gericht – und auf jede einzelne halten mindestens drei Kameramänner drauf.

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