Schuldrama in Winnenden

17-jähriger Amokläufer tötete sich mit Kopfschuss

Der Amokläufer von Winnenden starb in einem Hinterhof: Nachdem er 15 Menschen getötet und einen Autofahrer entführt hatte, stellte ihn die Polizei in einem Industriegebiet. Der 17 Jahre alte Tim K. verletzte bei dem anschließenden Schußwechsel zwei Beamte und flüchtete dann. Anschließend tötete er sich mit einem Kopfschuss.

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Mi, 11.03.2009, 14.11 Uhr

Amokläufer von Polizei erschossen

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Der Amokläufer von Winnenden hat sich nach neuen Erkenntnissen selbst umgebracht. Das teilten die Polizeidirektion Esslingen und die Staatsanwaltschaft Stuttgart übereinstimmend mit. Eine 37-jährige Polizistin und ein 38-jähriger Polizist waren bei einer vorangegangenen Schießerei schwer verletzt worden. Der Amokläufer hatte sich in ein Industriegebiet geflüchtet und dort in einem Autohaus zwei Menschen getötet. Anschließend kam es zu einem Schußwechsel mit der Polizei, die inzwischen eingetroffen war. Dabei soll der Täter am Bein verletzt worden sein. Er floh nach Informationen von Morgenpost Online anschließend durch einen Hintergang. Dort tötete er sich offenbar selbst - die Polizei fand dort seine Leiche. Zunächst hatte die Polizei erklärt, der Todesschütze sei von einem Beamten erschossen worden.

Tim K. hatte am Mittwoch in einer Realschule in Winnenden bei Stuttgart zehn Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Auf der Flucht tötete Tim K. drei weitere Personen und verletzte zwei Polizisten sowie mehrere Schüler und einen weiteren Erwachsenen schwer. Ein bei dem Amoklauf schwer verletztes Kind hatte zunächst noch gelebt, starb dann aber am Vormittag im Krankenhaus an seinen schweren Schussverletzungen, sagte der Chef der Landespolizeidirektion Stuttgart, Konrad Jelden.

Bei der Schießerei mit der Polizei im 40 Kilometer entfernten Wendlingen starb der 17-jährige ehemalige Schüler der Realschule. Polizeipräsident Erwin Hetger sagte, es habe sich dabei nicht um einen finalen Rettungsschuss gehandelt. Laut Polizei in Wendlingen hatte der 17-Jährige das Feuer eröffnet. Nachdem Tim K. von einem Beamten am Bein getroffen wurde, habe er sich selbst mit einem Kopfschuss getötet.

Auf der Flucht aus der Schule hatte Tim K. zuvor einen Beschäftigten des nahe gelegenen Krankenhauses für psychisch Kranke erschossen. "Ich habe sechs bis sieben Schüsse gehört. Ich durfte meine Station nicht mehr verlassen", sagte eine Sprecherin der Klinik. Danach zwang der Täter einen Mann, gemeinsam mit dessen Auto zu flüchten. Auf der Fahrt in Richtung Wendlingen ließ er den Fahrer frei. Die fast dreistündige Flucht fand ihr Ende bei einem Autohaus in Wendlingen, wo sich Tim K. schließlich auf dem Parkplatz eine Schießerei mit der Polizei lieferte.

Klassenzimmer in Kampfkleidung gestürmt

Der 17-Jährige, der schwarze Kampfkleidung getragen haben soll, hatte gegen 9.30 Uhr das Schulgebäude betreten. Dabei sei Tim K. gezielt in zwei Klassenräume gestürmt und habe mit seiner Pistole wahllos um sich geschossen. Dabei soll der Jugendliche "Seid ihr immer noch nicht alle tot?" gebrüllt haben.

Augenzeugen berichteten von Schüssen und Schreien. Eine Schülerin sagte, sie habe zunächst an einen üblen Scherz gedacht. Dann habe sie gesehen, wie andere aus dem Fenster gesprungen seien. Dann sei sie auch losgerannt. Laut Bild soll sich eine der Lehrerinnen noch schützend vor ihre Schüler gestellt haben, bevor Tim K. sie tötete.

Landespolizeipräsident Erwin Hetger sprach von mehreren Schwerletzten und sagte: "Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt."

Ein Großaufgebot von knapp 1000 Einsatzkräften sperrte das Schulzentrum im Rems-Murr-Kreis und Teile der Innenstadt von Winnenden ab. Hubschrauber kreisten in der Luft. "Die Stadt ist nahezu abgeriegelt", sagte ein Polizeisprecher. Besorgte Eltern und verstörte Schüler waren noch immer vor Ort.

Nach Angaben des baden-württembergischen Innenministers Heribert Rech (CDU) ging der erste Notruf gegen 9.33 Uhr bei der Polizei ein. Daraufhin wurden sofort zwei Interventionsteams zur Schule geschickt. Den Beamten bot sich ein "grauenvolles Bild" in der Schule, wo sie neun Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren und drei Lehrerinnen tot auffanden. Unter den Opfern war auch eine junge Referendarin, die erst sei vier Wochen an der Realschule unterrichtete.

"Im Moment fahren hier im Minutentakt die Krankenwagen vor. Es ist ein Blaulichtgewitter", sagte Philipp Grohm vom Stadtradio Stuttgart am Mittag dem Sender n-tv vor der Schule. "Die evakuierten Schüler sind in der Schwimmhalle untergebracht." Die Albertville-Realschule ist zusammen mit einem Gymnasium Teil eines Schulzentrums von insgesamt vier Schulen mit rund 1700 Schülern. Winnenden liegt ca. 20 km nordöstlich von Stuttgart im Rems-Murr-Kreis.

Trotz der tödlichen Gefahr reagierten die Lehrer an der Schule jedoch offenbar besonnen und setzten den Alarmplan um, der seit dem Amoklauf am Johannes-Gutenberg-Gymnasium von Erfurt vor knapp sieben Jahren bundesweit an allen Schulen trainiert wird: Einschließen in den Klassenzimmern und die Schule auf keinen Fall verlassen, um dem Täter keine weiteren Ziele zu bieten.

Der Weg des Amokläufers

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Der Täter war ein unauffälliger Schüler

Nach Angaben von Kultusminister Helmut Rau (CDU) handelte es sich bei dem 17-jährigen Tim K. um einen nach außen "völlig unauffälligen" Jugendlichen. Der ehemalige Schüler der Albertville-Realschule hatte im vergangenen Jahr die Schule mit der mittleren Reife abgeschlossen und danach eine Ausbildung begonnen. Der Jugendliche sei "nie in irgendeiner Form" auffällig geworden, betonte Rau. Offensichtlich habe er eine "doppelte Identität" gehabt.

Über sein Motiv konnte zunächst nur gerätselt werden, teilte auch die Polizei mit. Ob er sich möglicherweise von dem Amoklauf im US-Bundesstaat Alabama, wo in der Nacht zu Mittwoch elf Menschen getötet wurden, beeinflussen ließ, war zunächst unklar.

Die Tatwaffe gehörte dem Vater

Der Vater von Tim K. besitzt laut Polizei als Mitglied eines Schützenvereins legal Waffen. Insgesamt soll es sich dabei um mindestens 16 Schusswaffen handeln. Bei der Durchsuchung des Elternhauses im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach stellten die Beamten fest, dass eine Pistole und rund 50 Patronen Munition fehlten. SollteTims Vater die Feuerwaffen nicht vorschriftsmäßig weggeschlossen haben, könnte ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eröffnet werden.

Seelsorger betreuen Schüler und Eltern

Mehr als 15 Notfallseelsorger sind nach Angaben der württembergischen evangelischen Landeskirche in Winnenden im Einsatz. Weitere Pfarrer stünden auf Abruf bereit, sagte ein Sprecher der Landeskirche. "Bei uns haben schon mehrere Familien verängstigt angerufen, die nichts über den Verbleib ihrer Schulkinder wissen oder ob sie sogar unter den Todesopfern sind", sagte ein Kirchensprecher. Der Waiblinger Dekan Eberhard Gröner sei im Polizeipräsidium und koordiniere mit. "Es herrscht derzeit ein totales Chaos, so etwas habe ich noch nie in meiner Amtszeit erlebt", sagte der Sprecher.

Die Behörden in Baden-Württemberg haben für besorgte Eltern eine Hotline unter der Nummer 0711 90440149 geschaltet.

Politiker reagieren bestürzt

Mit großer Bestürzung reagierten Politiker auf den Amoklauf. Bundespräsident Horst Köhler sagte: "Mit Entsetzen und Trauer haben meine Frau und ich von dem Amoklauf in Winnenden erfahren. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und Freunden. Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief verbunden."

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte, Kanzlerin Angela Merkel und die gesamte Bundesregierung seien "tief erschüttert und entsetzt". Wilhelm betonte: "Unser Mitgefühl ist bei allen Betroffenen des Amoklaufs."

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sprach von einer "grauenvollen Tat". Das Land sei "tief getroffen". Der Amoklauf habe ein Ausmaß, das dem Bundesland bislang unbekannt gewesen sei. Die Schule sei ein Ort der Gesellschaft und der "Nächstenliebe".

Zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs sind zwei Gedenkgottesdienste geplant. Ein ökumenischer Gottesdienst findet am Mittwochabend um 20.00 Uhr in der katholischen Kirche St. Karl Borromäus statt, ein weiterer am Donnerstag um 19.00 Uhr in der Evangelischen Schlosskirche Winnenden.

Erinnerungen an Erfurt

Die Bluttat ruft auch Erinnerungen an den Amoklauf von Erfurt wach: Am 26. April 2002 hatte ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums innerhalb weniger Minuten 16 Menschen und dann sich selbst erschossen.

In Waiblingen war ein Geiseldrama vor sieben Jahren glimpflich ausgegangen. Am 18. Oktober 2002 war ein 16-jähriger ehemaliger Schüler mit einer Luftpistole und einer schusssicheren Weste ausgestattet in den EDV-Unterricht der sechsten Klasse der Waiblinger Friedensschule gegangen.

Er nahm vier Schüler im Alter von 11 bis 14 Jahren als Geiseln, die anderen und die Lehrerin ließ er frei. Der Täter forderte eine Million Euro, ein Fluchtfahrzeug sowie ein Handy. Nach stundenlanger Verhandlung ließ er seine Geiseln frei. Der 16-Jährige hatte die Tat langfristig vorbereitet und sie auch früheren Mitschülern angekündigt. Als Motiv nannte die Polizei Geltungsbedürfnis und Schulden.

Bei einem Amoklauf im US-Bundesstaat Alabama kamen am Dienstagnachmittag (Ortszeit) elf Menschen ums Leben. Reuters/ddp/AP/dpa/AFP/kami/mim

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